Kaleidoskop14. November 2023

Island ruft wegen Erdbebenserie den Notstand aus

von dpa/ZLV

Reykjavik – Die Lage auf der von einem Vulkanausbruch bedrohten isländischen Halbinsel Reykjanes hat sich in der Nacht zum Montag etwas beruhigt. Seit Mitternacht habe es noch etwa 300 Erdbeben gegeben, die alle eine geringere Stärke als 3,0 auf der Richter-Skala gehabt hätten, meldete der Sender RUV. Zuvor waren die Erdstöße häufiger und stärker gewesen.

Wetterdienst und Zivilschutz wollten noch entscheiden, ob weitere Einwohner der geräumten Stadt Grindavík kurz in ihre Häuser zurückkehren können, um das Allernotwendigste in Sicherheit zu bringen. Bereits am Samstag hatten Einwohner von 20 Häusern ihre Habseligkeiten und Haustiere retten können. Zivilschutzchef Vídir Reynisson sagte laut RUV, die Schäden in Grindavík seien größer als angenommen. Wasser- und Stromleitungen seien beschädigt.

Grindavík liegt 40 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Reykjavik. Die 3.700 Einwohner mußten in der Nacht zum Samstag ihre Häuser verlassen, weil ein ungefähr 15 Kilometer langer Magmatunnel unter Grindavík hindurch bis ins Meer verläuft. Die nahegelegene Blaue Lagune, eine der bekanntesten Touristenattraktionen Islands, war bereits Tage zuvor geschlossen worden.

Experten nannten am Wochenende drei mögliche Szenarien: Entweder das Magma breche auf dem Festland aus, die Lage beruhige sich oder es gebe einen Ausbruch am Meeresboden vor der Küste. Der isländische Wetterdienst erklärte am Montag, das Magma in dem Tunnel könne wahrscheinlich leicht einen Weg an die Erdoberfläche finden, so daß eine Vorwarnung kaum möglich sei. Der frühere Staatspräsident Ólafur Ragnar Grímsson verwies auf 30 Erdbeben kurz vor der Insel Eldey. Das könne auf einen Ausbruch im Meer hindeuten, schrieb er auf X.

Der erneute Erdbebenschwarm auf der Reykjanes-Halbinsel südwestlich von Reykjavík hatte vor zweieinhalb Wochen begonnen. Seitdem kam es zu Tausenden Beben, am Freitagnachmittag nahmen sie nochmals an Stärke und Häufigkeit zu. Nach Daten der Wetterbehörde hatten mehrere davon eine Stärke jenseits von 4,0 – eines sogar von etwa 5,2. Die Polizei schloß eine Verbindungsstraße nach Grindavík, die durch die Beben beschädigt worden war. Später am Freitagnachmittag waren auch zwei stärkere Erdbeben in der rund 40 Kilometer von Grindavík entfernten Hauptstadt Reykjavík sowie an einem Großteil der isländischen Südküste zu spüren.

Seit 2021 gab es drei Vulkanausbrüche auf der Reykjanes-Halbinsel – im März 2021, im August 2022 und im vergangenen Juli. Diese Ausbrüche ereigneten sich jedoch fern von bewohnten Gebieten oder wichtiger Infrastruktur. Diesmal wird jedoch mit Sorge auf das Geothermiekraftwerk Svartsengi in der Region geblickt. Das direkt daneben liegende Thermalbad »Blue Lagoon« wurde vorsorglich geschlossen. Für Grindavík, wenige Kilometer weiter südlich, wurde ein Evakuierungsplan ausgearbeitet.