Kultur13. Juni 2025

Das 75. »Geenzefest« in Wiltz – Rückblick auf ein nostalgisch-farbenfrohes Jubiläum

Volksfest und Friedenszeichen in einer Stadt mit bewegter Vergangenheit

von Alain Herman

Zum 75. Mal fand am Pfingstmontag in der »Hauptstadt der Ardennen«, der früheren Industriestadt Wiltz, das Ginsterfest (»Geenzefest«) statt. Das über die Luxemburger Grenzen hinaus bekannte Folklorefest erstreckt sich nach den Pandemiejahren 2020 und 2021 nur noch auf die Viertel der Oberstadt. Durch Niederwiltz zieht der Korso seither nicht mehr. Das neue Konzept, das die Veranstaltung lokal eingrenzt, dadurch aber kompakter gestaltet und das zunächst von alteingesessenen Niederwiltzern bedauert wurde, scheint sich mittlerweile bewährt zu haben. Durch diese Straffung können die Umzugsstrecke sowie der Festplatz rund um das Schloss und die Gemeinde attraktiver eingerichtet werden.

Das »Geenzefest« existiert bereits seit 77 Jahren. 1948 wurde das Fest vom Wiltzer Fotografen Tony Mander ins Leben gerufen und entwickelte sich in der Nachkriegszeit zu einem der beliebtesten Volksfeste in Luxemburg. Bei Wind und Wetter säumten in den vergangenen Jahrzehnten zehntausende Menschen die Straßen von Wiltz, um dem bunten folkloristischen Treiben, den in- und ausländischen Musikkapellen sowie dem Vorbeizug der mit Ginsterblüten und Blumen geschmückten Themenwagen zuzuschauen.

Das Ginsterfest steht nicht direkt in der Tradition jahrtausendealter Frühlingsfeste, die bereits vorchristlich als Ausdruck von Fruchtbarkeit, Erneuerung und Lebensfreude gefeiert wurden. Die lokale Zelebration markanter Frühlingspflanzen resp. der Brauch des festlichen Frühjahrsumzugs entstammt vorrangig den italienischen Karnevals- und Frühjahrskorsos aus dem 18. Jahrhundert, die bereits Johann Wolfgang Goethe auf seiner berühmten Italienreise beobachten konnte. Im späten 19. Jahrhundert und verstärkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs etablierten sich in ganz Europa Blumen- und Sommerkorsos, in den meisten Fällen auch um der neu angebrochenen Friedensperiode festlich-kulturellen Charakter zu verleihen.

Die Ursprünge des Ginsterkorsos gehen auf diesen Gedanken zurück. Die Zeit der Nazi-Okkupation ging keinesfalls spurlos an Wiltz vorbei: Der heldenhafte Generalstreik von 1942 gegen die allgemeine Wehrpflicht wurde in Wiltz ausgerufen, unter den 21 von den deutschen Faschisten ermordeten Streikenden befanden sich 6 Wiltzer – vier Lehrer und zwei Gemeindebeamte; fast 100 Personen wurden in den Folgejahren umgesiedelt, 15 Einwohner der Stadt starben in den Konzentrationslagern der Nazis, über 160 junge Männer wurden zwangsrekrutiert, wobei 57 fielen oder als verschollen galten, 21 kamen kriegsversehrt zurück. Im Rahmen der von der faschistischen Wehrmacht losgetretenen Ardennenoffensive wurden 80 Prozent der Stadt zerstört und nochmals 50 Menschen verloren ihr Leben. Wiltz erhielt nach der Befreiung nicht zu Unrecht die Ehrenbezeichnung »ville martyre«. Übrigens – und das wird heutzutage oftmals vergessen – zählt Wiltz zusammen mit den Städten Warschau, Wolgograd, Verdun, Marzabotto, Madrid, Kalavitra, Kragujevac, Coventry, Cuneo und Bastogne zu den Gründungsmitgliedern der „Union Mondiale des Villes Martyres, Villes de la Paix“ (UMVM), einem 1982 ins Leben gerufenen Bund, der sich sowohl die Bewahrung der Kriegserinnerung, die Förderung der Versöhnung und des internationalen Dialogs, die Unterstützung beim Wiederaufbau und der nachhaltigen Friedensstiftung als auch die Umsetzung von Bildungs‑, Gedenk‑ und Solidaritätsprojekten auf die Fahne geschrieben hat. Was könnte in der heutigen Zeit wichtiger sein?

Als Reaktion auf die Zerstörung und Entwurzelung durch den Zweiten Weltkrieg sollten mit der Erschaffung eines Ginsterfests Hoffnung, Lebensfreude und Optimismus vermittelt werden. Es spiegelt den damals weit verbreiteten Wunsch nach kultureller Rückbesinnung und Stärkung nationaler sowie lokaler Identität wider, und wurde – wie viele ähnliche Feste – gezielt von dem Fremdenverkehrsverein und lokalen Kulturträgern initiiert, nicht nur mit dem Ziel ein weltoffenes Heimatbewusstsein zu stärken, sondern auch um den Tourismus zu fördern. Das Volksfest war nie antiprogressiv oder heimattümelnd ausgerichtet, durch die Einladung folkloristischer Ensembles und musikalischer Formationen aus ganz Europa bestand stets eine kulturelle Aufgeschlossenheit. Dem Ginsterkorso kann man demnach das hohe Integrationspotential – er ist auch ein Zeugnis vom interkulturellen und multiethnischen Zusammenleben in Luxemburg – nicht absprechen.

Während das Nationale Streikdenkmal sowie das »Fatima«-Monument mit den Namen der Kriegsopfer sich als Zeugen materieller Erinnerungs- und Gedenkkultur in Wiltz erweisen, so kann das »Geenzefest« zusammen mit dem »Festival de Wiltz« zweifelsohne als immaterielles Kulturerbe eingeordnet werden, als Fest der Befreiung, des Friedens und des Neubeginns nach Jahren der Entbehrung aufgrund faschistischer Besatzung. Dieser Aspekt verschwand gleichwohl im Laufe der Jahrzehnte aus dem Fokus, in den Mittelpunkt rückte die lebensbejahende Folklore. Den »Amis de la Féerie du Genêt«, dem Fremdenverkehrsverein, der Gemeinde und nicht zuletzt vielen ehrenamtlichen Organisatoren und Helfern ist es gelungen, diese Nachkriegstradition mit dem authentischen Volkscharakter ins 21. Jahrhundert hinüberzuretten.

Was die Qualität der Darbietungen betrifft, so gingen die Meinungen seit geraumer Zeit sicherlich stark auseinander, allerdings kann vorbehaltlos behauptet werden, dass die 75. Jubiläumsausgabe ein großer Erfolg war. Zum einen wegen der nicht nur für Nostalgiker, sondern auch für jüngere Generationen interessanten Ausstellung im Wiltzer Schloss – im Rahmen dieser kann man die kunsthistorisch bemerkenswerte Entwicklung des Plakatdesigns analysieren und viele Fotos, u.a. mit sämtlichen »Ehrendamen« und »Ginsterköniginnen«, in Augenschein nehmen. Zum anderen aufgrund der reibungslosen Organisation und des abwechslungsreichen Korsos, der mit Sicherheit zu den schönsten der vergangenen zehn Jahre gehört. Die Veranstalter hatten sich sehr viel Mühe gegeben, ein farbenfrohes, ideenreiches und kurzweiliges Programm zusammenzustellen. Auf die nächsten 75 Jahre – in Frieden und Freude am Leben!