Täglicher Durst zwischen Zelten und Trümmern:
Statt Schultaschen schleppen die Kinder der vertriebenen Familien in Gaza Wasserkanister
Inmitten zerstörter Infrastruktur, Treibstoffknappheit, Stromausfällen und dem Verbot, Ausrüstung ins Land zu bringen, befinden sich die Bewohner des Gazastreifens in einem Teufelskreis des Leidens. Trotz des erklärten Waffenstillstands in diesem Krieg bleibt ein normales Leben für die Bewohner von Gaza unerreichbar. Das gilt vor allem für diejenigen, die ihre Häuser verloren haben und nun in Zelten leben, in denen es an den grundlegendsten Dingen mangelt.
An erster Stelle steht dabei der Bedarf an Wasser. Das zu beschaffen ist zu einem täglichen Kampf geworden, der das Ausmaß der Zerstörung der Infrastruktur in Gaza deutlich macht. In den überfüllten Lagern entlang der Küste und in den völlig zerstörten Stadtvierteln ist zu beobachten, wie Bewohner von Gaza mit leeren Wasserkanistern oft im Regen oder spät in der Nacht lange Strecken zurücklegen. Viele Familien schicken ihre Kinder oder Frauen zu einer nahe gelegenen Verteilstation, die noch kleine Mengen Trinkwasser bereitstellt. Wasser zu holen ist Teil des täglichen Kampfes ums Überleben geworden.
Wasserknappheit und der tägliche Kampf um Trinkwasser
Abdel Fattah Hanoun, 44, dessen Haus im Flüchtlingslager Al-Shati im Westen von Gaza zerstört wurde, lebt jetzt in einem Zelt in der Nähe des Strandes in Deir Al-Balah. »Meine siebenköpfige Familie und ich leiden täglich unter der sich verschärfenden Wasserkrise. Die Wasserversorgung ist zu einer ständigen Sorge geworden, die uns nie loslässt«, sagte er gegenüber »The Palestine Chronicle«. Er fügte hinzu, dass er oft Wasser aus weit entfernten Orten transportieren oder dass er Wassertanklastwagen hinterherfahren muss, um Wasser zu bekommen. Manchmal ist er gezwungen, Wasser zu hohen Preisen von kleinen Karren zu kaufen, die durch die Straßen fahren – eine Ausgabe, die er sich nicht jeden Tag leisten kann.
Nur wenige Meter von Hanouns Zelt entfernt lebt die fünfköpfige Familie Ghrabaly unter ähnlichen Bedingungen. Suha Ghrabaly berichtet »The Palestine Chronicle«, dass die Wasserkrise ihr Leben auf den Kopf gestellt habe. »Meine kleinen Kinder müssen jeden Tag Wasserkanister auf einem Handkarren ziehen, nachdem sie in einer langen Schlange gestanden haben, wenn die Wasserwagen im Lager ankommen«, sagte sie. Der Kauf von Wasser bei Straßenhändlern sei selten geworden, so dass die Familie hauptsächlich auf Verteilungswagen oder weit entfernte Wasserleitungen angewiesen sei, um an Wasser zu gelangen. Diese aber seien nur über unbefestigte, mit Schlaglöchern übersäte und gefährliche Straßen erreichbar.
»Selbst einfache Aufgaben wie Wäsche waschen, Geschirr spülen oder die Kinder baden erfordern jetzt eine vorherige Planung und eine Menge Wasser, die wir einfach nicht haben«, fügte Ghrabaly hinzu, wobei ihr die Erschöpfung deutlich anzuhören ist.
Nach Angaben der Stadtverwaltung von Gaza haben die israelischen Besatzungstruppen mehr als 60 Prozent der Wasser- und Abwassernetze zerstört, darunter auch die zentralen Pumpen, die vor dem Krieg große Teile des Gazastreifens versorgten. Die Stadtverwaltung erklärt, dass diese Schäden derzeit nicht repariert werden könnten, da Israel die Einfuhr der erforderlichen Materialien und Ausrüstung verhindert. Dadurch seien Dutzende von Stadtvierteln einer andauernden und sich verschärfenden Krise bei der Wasserversorgung ausgesetzt.
Daten des Büros der UNO für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) zeigen, dass etwa 95 Prozent der Bewohner des Gazastreifens aufgrund der Zerstörung der Infrastruktur, wegen der Knappheit von Treibstoff und wegen der Stromausfälle keinen Zugang zu Trinkwasser haben.
Ein Teenager trägt die Verantwortung für eine ganze Familie
Im Gebiet Al-Mawasi Al-Qarara im südlichen Gazastreifen steht der 15-jährige Ahmed Barhoum jeden Morgen in einer langen Schlange vor einer Entsalzungsanlage westlich von Deir Al-Balah. Ahmed ist für die Wasserversorgung seiner Familie zuständig, erzählt er »The Palestine Chronicle«: »Die Wasserstation ist einen halben Kilometer von unserem Zelt entfernt. Ich beginne meinen Tag damit, leere Kanister zu tragen, und stehe dann stundenlang da und warte, bis ich an der Reihe bin.« Er erklärt, dass das Befüllen der Kanister nur der Anfang der Tortur sei, die die Wasserversorgung für ihn bedeute. Die schwierigste Aufgabe komme danach, auf dem Heimweg. „Der Weg ist holprig und sandig, und die mit Wasser gefüllten Kanister sind sehr schwer. Ich komme jeden Tag erschöpft zum Zelt zurück«, sagt er.
Für Ahmed gehören Lernen und Spielen nicht mehr zum Alltag. Er denkt nur noch an Wasser. Zahlreiche Berichte von UNO- und anderen Hilfsorganisationen bestätigen, dass die Versorgung mit sauberem Wasser nach dem vermeintlichen Ende des Krieges und dem, was man »Waffenstillstand« nennt, zu einer der dringendsten Krisen in Gaza geworden. Inmitten zerstörter Infrastruktur, der Knappheit von Treibstoff, Stromausfällen und dem anhaltenden Verbot von Israel, Ersatzteile und Ausrüstung in den Gazastreifen zu bringen, sind die Bewohner des Küstenstreifens in einem Teufelskreis des Leidens gefangen. Der Zugang zu den grundlegendsten Lebensnotwendigkeiten – ein Menschenrecht für jeden auf der Welt – bleibt ihnen versagt.
Shaimaa Eid ist eine
palästinensische Autorin aus dem Gazastreifen.
Übernommen aus
»The Palestine Chronicle«,
Übersetzung und Bearbeitung ZLV
Foto Palestinian collect water 26.11.2025
(Foto: EPA/MOHAMMED SABER)

