Luxemburg22. September 2023

www.medecinsdumonde.lu/aide.html:

10 Jahre »Médecins du Monde« und nichts ist besser

Am 15. Oktober feiern »Médecins du Monde« ihr 10-jähriges Bestehen als inzwischen groß gewachsene Organisation mit 13 Angestellten und 140 freiwillig Tätigen. Eigentlich wollten sie so groß nicht werden, denn die Tatsache, daß es Freiwillige braucht, um Leuten im statistisch reichen Luxemburg eine minimale Gesundheitsversorgung zu geben, ist eine Schande. Es ist der Beweis, daß hierzulande die Menschenrechte auf Wohnen und Gesundheit mit Füßen getreten werden!

»Médecins du Monde« tun in dieser Situation, was sie können. Sie wissen, es ist nicht genug. Und sie wären froh, wenn es sie mit dieser Zweiklassenmedizin nicht mehr geben müßte, wenn die Organisation nicht 20 Jahre alt würde, zumindest nicht mit einem Tätigkeitsfeld im Lande selbst, denn eigentlich sollte die Organisation bei Natur- und anderen Katastrophenfällen in der weiten Welt helfen. Die Aussicht für ein Tätigkeitsende in Luxemburg aber ist schlecht, drum wird daran gearbeitet, mehr leisten zu können als bisher.

Ihr »Centre médical de Bonnevoie« auf 30, Dernier Sol steht an Montagen und Freitagen von 10-12 Uhr den Patienten offen mit Einschrei­bung ab 9 Uhr sowie Mittwochs von 18-20 Uhr mit Einschreibung ab 17 Uhr. Im »Centre médical d'Esch-sur- Al­zette« auf 3, Quartier unweit des Rathauses ist jeden Donnerstag von 10-12 Uhr ohne Voreinschreibung geöffnet.

Neben diesen beiden Orten gibt es einmal die Woche die Möglichkeit zu einem Zahnarztbesuch im CHL, es wird mit der Winteraktion, die leider vom 1. April bis 31. Oktober jedes Jahr leer stehen gelassen wird, und mit dem Abrigado zusammengearbeitet. Angestrebt wird zudem eine mobile Struktur, denn nicht allen fällt es leicht, nach Bonneweg oder Esch/­Alzette zu kommen. Das Land ist zwar nicht riesig, dennoch ist es nicht so einfach aus dem hohen Norden, dem Osten oder Westen an diese beiden Orte zu gelangen.

10 Jahre und kein Ende

Zwar ist sich ein größerer Teil der Gesellschaft bewußt geworden, daß nicht alle Zugang zum klassischen Gesundheitswesen haben, aber die Bedürfnisse sind nicht kleiner, sondern größer geworden. Es gibt mehr statt weniger schreiende Armut, mehr statt weniger Obdachlose. Drum war es enorm wichtig, für schwerkranke Obdachlose »L'Escale« in Esch/Alzette öffnen zu können, wo 10 Menschen unter Dach kommen können, leider nur bis zu ihrer Genesung.

Es ist das nicht einmal der Anfang von einem »Housing First«-Konzept, das in Finnland nicht nur viel menschliches Leid erspart, sondern auch jede Menge Steuergeld. Denn, wie das Dr. Bernhard Thill, Präsident der Luxemburger Vereinigung, formulierte, sobald die Leute unter Dach sind, entfallen die meisten Gesundheitsprobleme.

»Médecins du Monde« behandelt die Leute, die im Land unsichtbar sind, weil sie in keiner Statistik vorkommen, auch nicht in der mit den 110.000 Armutsgefährdeten von 660.000 Einwohnern. 1.143 Menschen kamen 2022 mit ihren gesundheitlichen Problemen in 3.101 Konsultationen, 2015 waren 227 zu 532 Konsultationen gekommen!

Dabei gibt es sicher mehr Menschen hierzulande, die nicht von der Gesundheitskasse erfaßt sind, denn bei »Médecins du Monde« sprechen die meisten erst vor, wenn sie ein richtig großes Gesundheitsproblem haben. Das ist natürlich schlecht, denn eine Bronchitis ist schneller geheilt als eine Lungenentzündung, um nur ein Beispiel zu nennen. Oder jemand, der aus einer Zahnfleischentzündung ein Herzklappenproblem entwickelte und einer komplizierten Herzoperation bedurfte, kostete die Gesellschaft viel mehr als ein Zahnarztbesuch zur rechten Zeit. Es kostete das so nebenbei gesagt auch viel mehr als es gekostet hätte, ihm 20 Jahre lang kostenlos eine Sozialwohnung zu stellen, wie das im »Housing First« zu geschehen hat.

CUSS funktioniert nicht

Die »Couverture universelle des soins de santé« wurde wohl mit großem Trara als Erfüllung des Koalitionsprogramms am 27. Oktober 2021 in einer Pressekonferenz mit Gesundheitsministerin und Sozialminister vorgestellt, aber sie hat immer noch keine gesetzliche Basis und ist ein bürokratisches Monster. Universal für jeden ist sie auch nicht da, denn sie ist an jede Menge Bedingungen geknüpft, weswegen »Médecins du Monde«, denen es immerhin gelang sie für 53 Menschen, an denen 18 Kinder hängen, zu erkämpfen, mangels Personal keine weiteren Dossiers mehr aufmachen kann.

Bedingung für den Erhalt ist das Vorlegen eines »projet de vie«, den die Bürokratie akzeptieren muß. Das verlangt jede Menge Kreativität von den Sozialarbeitern, denn ein Mensch auf der Straße hat als einzige Sorge das Überleben: Essen, ein Schlafplatz, der von Regen geschützt ist. Die Bürokratie hat keine Vorstellung vom Leben auf der Straße, genauso wenig haben sie Minister und Abgeordnete. Selbst wenn es gelang, ein Märchen zu erfinden, das der Bürokratie gefiel, kann die Universalität abrupt enden, wenn der geplagte Mensch den Termin vergißt, an dem er sich monatlich zeigen muß auch ohne Gesundheitsproblem. Das ist schwierig bei Menschen, die ohne Kalender und Uhr leben. Erscheinen sie aber nicht, gilt die Annahme, sie seien nicht mehr im Land. Der bürokratische Aufwand beginnt dann wieder von vorne, und den können die fünf an dieser CUSS beteiligten Vereinigungen nicht leisten!