Ein langer Krieg steht bevor
Israel-Palästina
Während Israel in bester kolonialer Manier die Palästinenser aus ihren Häusern, von ihrem Boden und ihren heiligen Stätten sprichwörtlich in die Wüste der Sinai-Halbinsel bomben will, strömen Menschen in aller Welt auf die Straßen, um ihre Solidarität mit den Palästinensern zu zeigen.
Minister aus den USA, aus Deutschland und die Chefin der EU-Kommission geben sich derweil in Tel Aviv die Klinke der Amtsstube von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in die Hand, um ihre Solidarität mit Israel zu demonstrieren. Regierungen weltweit evakuieren ihre Bürger aus Israel, das von Netanjahu und seiner Notstandsregierung auf einen langen und harten Krieg vorbereitet wird.
Vertreibung in die Wüste
Die Menschen im weitgehend zerbombten Norden des Gaza-Streifens wurden am Freitagmorgen mit der »Anordnung« der israelischen Regierung konfrontiert, ihr Wohngebiet innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Mit 300.000 Reservisten plant Israel eine Bodeninvasion in das palästinensische Gebiet. Offiziell geht es um die Befreiung von rund 150 israelischen Gefangenen, darunter mindestens vier ranghohe Generäle. Die Hamas hatte am Donnerstag eine Mutter mit ihren zwei Kindern aus medizinischen Gründen freigelassen.
De facto will Israel den Gazastreifen einnehmen und seine Bewohner töten oder vertreiben. Der israelische Ministerpräsident Netanjahu hatte bei seiner Rede vor der UNO am 22. September 2023 in New York diese Absicht deutlich gemacht, als er eine Landkarte des Nahen und Mittleren Ostens in die Luft hielt, auf der Israel in blau eingezeichnet war. Die palästinensischen Gebiete im Westjordanland und im Gazastreifen kamen auf der Karte nicht vor.
Die Hamas reagierte mit dem Aufruf zur allgemeinen Mobilmachung und verstärkte die Raketenangriffe auf Siedlungen entlang des Gazastreifens und auf die nördlich gelegenen Städte Aschdod, Aschkolon und Tel Aviv. Im Westjordanlang kam es trotz Verhängung des Ausnahmezustandes zu bewaffneten Konfrontationen zwischen Palästinensern und der israelischen Besatzungsarmee.
Laut unbestätigten Berichten aus UNO-Kreisen plante die israelische Armee, ab 14 Uhr am Freitag in den Norden des Gazastreifens einzumarschieren. Internationale und UNO-Organisationen hatten sich aus dem Norden des Gazastreifens bereits um 4 Uhr morgens zurückgezogen. Zahlreiche Einrichtungen der UNO, des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds sowie das Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt waren von der israelischen Luftwaffe zerstört oder zumindest durch Beschuß beschädigt worden. Beobachter in und außerhalb des palästinensischen Gebietes erwarten, daß bei einem israelischen Einmarsch nach Gaza »die Hölle losbrechen« werde.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nannte die israelische Evakuierungsanordnung eine »Todesstrafe« für alle diejenigen, die schwer verletzt in Krankenhäusern mit lebenserhaltenden Maßnahmen versorgt würden. Nach Angaben von UNICEF wurden durch israelische Luftangriffe bis Freitagmittag 447 Kinder getötet. Die israelische Armee sprach von 258 getöteten israelischen Soldaten bei Kämpfen mit den palästinensischen Kämpfern.
Iran will Sicherheit des Libanon bewahren
Am Donnerstagabend war der iranische Außenminister Hossein Amir Abdullahian in Beirut eingetroffen. In einer ersten Stellungnahme vor Journalisten am Flughafen von Beirut erklärte er laut AFP, die USA müßten »Israel kontrollieren«, wenn sie einen regionalen Krieg vermeiden wollten. Der Iran wolle die Sicherheit des Libanon bewahren, so Abdullahian: »Sicherheit und Frieden im Libanon sind für uns wichtig«. Noch am Abend erörterte Abdullahian mit dem Generalsekretär der libanesischen Hisbollah, Hassan Nasrallah, die aktuelle Lage in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten und im Gaza-Streifen, hieß es in einer Erklärung der Hisbollah. Man habe »die internationale und regionale Situation« besprochen und sich beraten, welche Verantwortung und Haltung angesichts der »historischen Ereignisse und der gefährlichen Entwicklung« eingenommen werden müsse.
Unterwegs entlang der »Blauen Linie«
Nach verschiedenen militärischen Auseinandersetzungen seit Beginn der »Operation Al-Aksa-Flut« blieb der Südlibanon entlang der »Blauen Linie« am vergangenen Donnerstag ruhig. Die »Blaue Linie« ist eine von der UNO im Jahr 2000 gezogene Waffenstillstandslinie zwischen dem Libanon und den von Israel besetzten und annektierten libanesischen und palästinensischen Territorien südlich davon. Israel spricht von »Nordgaliläa«.
Oberhalb der israelischen Siedlung Mutulla hatten sich zahlreiche arabische Fernsehteams auf dem »Medienhügel« versammelt, von wo sie die Entwicklung entlang der von Israel dort errichteten Mauer beobachten. Es sei ihr erster Einsatz, sagte die Journalistin Zeinab. Es werde Krieg geben, ist sie überzeugt, Angst habe sie nicht. »Ich stamme aus einem Dorf bei Nabatieh und bin, wie die meisten hier, im Krieg geboren. Wir lieben unser Land und werden darum kämpfen.« Israel sei nie an Frieden interessiert gewesen, jetzt wollten sie sogar die Palästinenser in die Wüste vertreiben. »Das Land, was Sie dort im Süden sehen, ist unser Land und das Land der Palästinenser.«
Auch Mohamed R. aus Odaisseh kennt Krieg mit Israel seit Kindestagen. Von seinem Café sieht man jenseits der Straße, die entlang der »Blauen Linie« bis nach Bint Jbeil und Naqoura führt, auf einen kleinen Park. Dahinter verläuft die von der israelischen Besatzung errichtete Mauer, die alle paar Hundert Meter von Türmen mit Kameras gesichert wird, die in alle Richtungen weisen.
Hinter der Mauer erhebt sich auf dem von Israel kontrollierten Gebiet ein Hügel auf dem eine Überwachungsanlage und ein Horchposten der israelischen Armee positioniert sind. Hinter dem Hügel hätten sein Vater und sein Großvater große Ländereien besessen, erzählt R. Das, was heute die »Blaue Linie« sei, verlaufe entlang der Linie, die 1916 von Frankreich und Großbritannien als »Sykes-Picot-Linie« die gesamte Region zerteilt habe. Seit Israel die Gebiete besetzt und später annektiert habe, habe es immer wieder Krieg gegeben, sagt Mohamed R. »Ich bleibe hier, hier bin ich geboren. Und wenn ich sterben soll, soll es hier sein. Auf meinem Land.«
Vieles deutet darauf hin, daß der Region ein langer Krieg bevorsteht. Der USA-geführte Westen mit EU und NATO demonstriert militärisch, politisch und medial seine ungebrochene Unterstützung Israels, das seit seiner gewaltsamen Gründung 1948 von den USA und auch von Deutschland – als Zeichen der »Wiedergutmachung« – zu einem waffenstarrenden westlichen Kontrollposten hochgerüstet wurde.
Die Palästinenser bezahlen seit 75 Jahren den Preis dafür mit ihrem Land, mit ihrem Blut und mit ihrem Leben. Kein Abkommen, keine UNO-Resolution wurde von Israel eingehalten.
