Leitartikel29. August 2026

Spekulationen über geheime Gespräche

von Uli Brockmeyer

Geheimdienste verrichten ihre Arbeit im Geheimen, das liegt in der Natur der Dienste und ihrer Aufgaben, und das seit Jahrhunderten und unabhängig vom politischen System des Landes, in dem und für das sie tätig sind. Die Arbeit dieser Dienste, ganz gleich ob auf das eigene Land oder auf das Ausspähen von vermeintlichen oder tatsächlichen Gegnern gerichtet, bleibt normalerweise ebenfalls im Geheimen – oft nehmen die Geheimagenten ihre Erkenntnisse mit ins Grab, zuweilen werden sie nach einer Frist, die oft Jahrzehnte betragen kann, öffentlich gemacht. Beispiele dafür gibt es zuhauf.

Immer noch geben bestimmte geheime Operationen auch nachfolgenden Generationen Rätsel auf. Eines der bekanntesten Beispiele dürfte wohl der Mordanschlag auf den damaligen USA-Präsidenten John F. Kennedy sein, der immer wieder Anlaß für Spekulationen bietet, die jeweils politischen Absichten dienen, zumeist, um einen bestimmten Gegner zu beschuldigen, der gerade in der öffentlichen Meinung verteufelt werden soll, oder auch, um die wahren Schuldigen zu decken und von den eigentlichen Problemen abzulenken. Das trifft zur Zeit auch auf den Anschlag auf die »Nord-Stream«-Pipelines zu. Hier soll um jeden Preis der wahre Schuldige unter Verschluß gehalten werden, obwohl jeder Polizeischüler im ersten Ausbildungsjahr bereits lernt, daß bei der Suche nach einem Täter zuerst die Frage zu beantworten ist, wer von der Tat einen tatsächlichen Nutzen hat.

Nun gibt es wuchernde Spekulationen, nachdem bekannt wurde, daß der Chef des Auslands-Spionagedienstes der USA sich für etwa acht Stunden in der russischen Hauptstadt Moskau aufgehalten hat. Der Besuch wurde – selbstverständlich – weder von der einen, noch von der anderen Seite vorher angekündigt, inzwischen aber von beiden Seiten offiziell bestätigt. CIA-Chef John Ratcliffe traf sich mit seinem russischen Kollegen Sergej Naryschkin. Über den Inhalt der Gespräche werden weder in Moskau noch in Washington Details bekanntgegeben.

Das Gerücht, der CIA-Chef soll die russische Seite vor einem Angriff auf NATO-Gebiet gewarnt haben, ist sehr einfältig funktionierenden Hirnen entsprungen. Für so etwas muß man keinen geheim gehaltenen Flug nach Moskau durchführen, dafür gäbe es, wenn nötig, diplomatische Kanäle oder eine öffentliche Ansage. Auch eine Aufforderung der USA an Rußland, sich nicht in den ohnehin verlorenen Krieg gegen den Iran einzumischen, muß nicht vom Geheimdienstchef persönlich überbracht werden.

Tatsächlich ist es in der modernen Zeit durchaus üblich, daß Geheimdienste sich untereinander verständigen, auch wenn sie nicht für befreundete Staaten arbeiten. In diesem konkreten Fall dürften wohl beide Seiten daran interessiert sein, sich über aktuelle geopolitische Fragen zu verständigen und dabei die Grenzen des jeweiligen Gegenspielers zu erkennen und abzustecken. Auch auf diese Weise kann verhindert werden, daß Konflikte sich zu Kriegen ausweiten oder Kriege noch weiter aus dem Ruder laufen. In früheren Jahrzehnten wurden zu diesem Zweck sogar »rote Telefone« eingerichtet.

Zwar gilt das Wort des immer erratischer agierenden USA-Präsidenten heutzutage nicht mehr allzu viel. Aber in einem Fall dürfte man ihm zustimmen, wenn er am Freitag auf eine entsprechende Frage von Journalisten antwortet: »Rußland wird die NATO nicht angreifen«. Vielleicht sollte man das einfach mal so stehen lassen.