Leitartikel11. September 2026

Instagramsch ist ihr Hobby

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In den 80ern hatte jedes Kind mehrere Hobbies. Beliebte Kombinationen waren Fußball und Tennis oder Musikverein und Schachclub. Auch bei den Scouten, mit denen man schon früh ganz ohne Eltern für ein paar Tage verreiste, konnte jeder und jede mitmachen, gleiches galt für die örtlichen Kleintierzüchter. Darüber hinaus waren auf dem Dorf viele Jungs auch noch Meßdiener oder in der Jugendfeuerwehr aktiv. Auf der weiterführenden Schule kamen weitere Sportarten hinzu, andere befaßten sich lieber mit Astronomie.

Umso erschreckender fällt der Befund des SEW aus, heutzutage gebe es Klassen, in denen nur noch drei Kinder (!) einem richtigen Hobby abseits des bewegungslosen Bildschirmglotzens nachgehen. Kein Wunder, daß bei der am Dienstag veröffentlichten PISA-Studie zum Zustand der Bildung unter anderem herauskam, daß hierzulande fast zwei von fünf Schülerinnen und Schülern im Alter von 15 Jahren nicht mehr sinnentnehmend lesen können.

Zwar kann der Gebrauch von Smartphones & Co. durchaus so etwas wie ein Fenster zur Welt sein, aber eines kann er nicht ersetzen: auf sozialer Interaktion beruhende soziale Erfahrungen. Letztere aber liefern dem kindlichen und dem jugendlichen Gehirn erst die Denk- und Gefühlsraster, die gebraucht werden, um menschliches Verhalten und gesellschaftliche Strukturen verstehen zu können.

Neuere Studien haben bei Kindern zwischen ein und vier Jahren ein Zusammentreffen von Autismus ähnelnden Symptomen mit höherer Bildschirmzeit festgestellt. Zudem scheint eine höhere Bildschirmzeit bei Kindern, die bereits an Autismus-ähnlichen Symptomen leiden, diese noch zu verstärken.

Zu diesen Krankheitszeichen gehören unter anderem eine geringe Aufmerksamkeitsspanne, die Unfähigkeit zu längerem Blickkontakt, keine Reaktion beim Hören des eigenen Namens, Schwierigkeiten, Umgebung und Mitmenschen wahrzunehmen. Den Studien zufolge können sich die Symptome jedoch auch wieder zurückbilden, wenn der Konsum digitaler Medien besser geregelt und die gewonnene Zeit mit Spiel, Sport, Musizieren und anderen gemeinsamen Aktivitäten gefüllt wird.

Von klassischen Medien wie einem Buch oder einer Zeitung unterscheiden sich digitale Bildschirmmedien durch ihre Fähigkeit, schon die Kleinsten in ihren Bann zu ziehen. Permanente Reize sorgen immer wieder für eine maximale Verweildauer. Der Algorithmus der Internetriesen entscheidet, was im Content-Feed als wichtig dargestellt wird – das Lauteste, Kürzeste oder Emotionalste. Oder das Bezahlte.

Kein (Bilder-)Buch, kein Lied, kein plastisches Spielzeug kann eine Welt vorgaukeln, in der sich das Kind buchstäblich verlieren kann. Digitale Medien können den Eindruck tatsächlicher Umwelt für längere Zeit fast gänzlich ersetzen, aber zugleich fehlt dabei die Interaktion mit der Umwelt bzw. den Mitmenschen. Das für Augen und Ohren reizvolle Geschehen auf dem Bildschirm fesselt zwar die Aufmerksamkeit, doch wachsen Kinder bekanntlich durch Nachahmung und an Interaktion.

Die überwiegend aus Nervenfasern bestehende weiße Substanz im menschlichen Gehirn, die für den Austausch von Informationen zwischen verschiedenen Hirnregionen zuständig ist, bleibt bei zu viel Bildschirm- und zu wenig sozialer Zeit unterentwickelt, und diese Entwicklung kann später kaum noch oder gar nicht mehr nachgeholt werden.

Die Wichtigkeit des Hobbys für alle Kinder und Jugendlichen liegt also auf der Hand. Höchste Zeit, das im Schulprogramm zu beherzigen.