Der Angriff auf den Iran
Bericht einer Korrespondentin über den Aufmarsch zum Krieg und die Folgen
Seit Ende Januar treffen Kriegsschiffe und Flugzeugträger der USA-Armee vor der Küste des Iran und im östlichen Mittelmeer ein. Anfang Februar nehmen die USA unter Vermittlung von Oman neue Gespräche über das iranische Atomprogramm mit dem Iran auf. Ein erstes Treffen findet Anfang Februar in Muskat, der omanischen Hauptstadt statt. Es folgt ein Treffen in Genf am 26. Februar.
An diesem Tag rückt der Flugzeugträger »USS Gerald R. Ford« vom NATO-Hafen auf Kreta weiter in Richtung östliche Mittelmeerküste vor. Die Führung im Iran protestiert wie in den vergangenen Wochen gegen die militärische Bedrohung. Washington erklärt, man wolle die Gespräche, die Diplomatie, durch militärische Stärke zu einem erwünschten Ende bringen. Die Gespräche in Genf, am Donnerstag, 26. Februar, scheinen erfolgreich verlaufen zu sein. Der omanische Außenminister reist nach Washington, um mit dem stellvertretenden USA-Präsidenten JD Vance das weitere Vorgehen – wie auch mit dem Iran – zu besprechen. Geplant ist ein Treffen bei der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) in Wien in der ersten Märzwoche, um technische Gespräche über das iranische Atomprogramm zu führen. Die über Erklärungen verbreitete Stimmung wirkt positiv. Es beginnt der 27. Februar.
Hochkonjunktur für »Experten«
In der Nacht zum 28. Februar liest die Autorin im Internet-Magazin »Politico« eine Zusammenfassung von Aussagen verschiedener US-amerikanischer »Experten« zum »Ausgang eines Krieges gegen den Iran«. Dieser stehe »kurz bevor«, und die »Experten« sollen sich »zu potentiellen Vorteilen und Risiken einer möglichen Militäraktion gegen den Iran« äußern. Laut »Politico« zeichnen sich die befragten »Experten« durch »diplomatische Erfahrung«, »akademische Qualifikationen« sowie einen (beruflichen) »Hintergrund in den Bereichen Sicherheit und Nachrichtendienst« aus.
Keiner dieser »Experten« spricht über den »Elefanten im Raum«, der Israel heißt. Dessen Ministerpräsident Benjamin Netanjahu drängt die USA seit Jahrzehnten zu einem Krieg gegen den Iran, weil er immer wieder gebetsmühlenartig behauptet, der Iran werde »in kurzer Zeit« über Atomwaffen verfügen. Netanjahu bezeichnet den Iran als »Reich des Bösen« und wirbt für sich und sein Ziel, »Groß-Israel« auf die gesamte Region auszudehnen.
»Im Interesse der USA und des Westens« kämpfe Israel gegen dieses »Böse« und sei in seinem »Krieg an sieben Fronten« in den letzten zwei Jahren »sehr erfolgreich« gewesen, erklärt Netanjahu. Die Dämonisierung des Iran und seines religiösen Führers Ali Khamenei durch den Staat Israel fällt vor allem in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Der deutsche Bundeskanzler Merz beglückwünschte Netanjahu während des 12-Tage-Krieges gegen den Iran im Juni 2025 dafür, daß er »die Drecksarbeit für uns alle« mache.
Am frühen Morgen des 28. Februar verläßt die Autorin per Flugzeug die libanesische Hauptstadt Beirut. Um 8.23 Uhr (Ortszeit Beirut) trifft per E-Mail die Nachricht ein: »Israel hat das Hauptquartier von Khamenei gerade angegriffen«. In den folgenden Nachrichten des Kollegen heißt es, Trump werde »das iranische Raketenprogramm zerstören, die iranische Raketenindustrie dem Erdboden gleichmachen und die iranische Flotte auslöschen«. Es folgen Auszüge aus einer Stellungnahme des USA-Präsidenten: Mitglieder der Revolutionsgarden, der Streitkräfte und der Polizei würden »volle Immunität« erhalten, wenn sie ihre Waffen niederlegten, andernfalls drohe ihnen der Tod. »Das iranische Volk« solle »in Schutzräumen und zu Hause bleiben«, da »überall Bomben fallen werden«. Dies sei »die einzige Chance für das Volk, die Regierung zu übernehmen«. Die Führung der iranischen Revolutionsgarde erklärt: »Der Iran wird innerhalb der nächsten Stunden auf den Angriff auf sein Territorium reagieren.«
»Wird es wieder Krieg geben«, überlegten alle Gesprächspartner der Autorin in den vergangenen Wochen im Libanon. Man wolle und brauche Frieden, Krieg habe es genug gegeben.
Offener Bruch des internationalen Rechts
Die Residenz des obersten Führers der Schiiten, Ali Khamenei, war am 28. Februar unter den ersten Angriffszielen der israelischen Luftwaffe. In der Nacht zum 1. März teilte der Iran offiziell mit, daß Khamenei mit seiner Tochter und weiteren Angehörigen bei dem Angriff getötet worden sei. Trotz der anhaltenden israelischen und US-amerikanischen Luftangriffe auf den Iran strömten Millionen Menschen auf die Straßen, um Khamenei zu betrauern. Eine 40-tägige Trauerzeit wurde ausgerufen.
Der Iran reagierte, wie er bereits in den Wochen zuvor angekündigt hatte. Sollte das Land von den USA und Israel angegriffen werden, werde man sofort zurückschlagen. Ziele seien neben Israel die USA-Kriegsschiffe sowie Militärbasen der USA in der Region.
»Der Krieg ist jetzt überall«, teilt der Kollege per E-Mail mit. USA-Militärbasen würden überall angegriffen: »Jordanien, Irak, Saudi-Arabien, Bahrain, in den Emiraten«. Auch Kuwait. Danach bleibt die E-Mail-Box lange leer.
Der UNO-Sicherheitsrat tagt
Wer in der Nacht zu Sonntag, 1. März 2026, die Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrates verfolgt, wähnt sich in einer verkehrten Welt. Angefangen mit dem Vertreter Frankreichs beschuldigen etliche Redner den Iran, sich gegen die Angriffe der USA und Israels zu wehren. Der USA-Vertreter lobt Präsident Donald Trump, mit dem Angriff auf den Iran »die richtige Entscheidung« getroffen zu haben. Der israelische Vertreter zeigte gegenüber dem iranischen Vertreter – der ihm gegenübersitzt – wie schon früher arrogante Verachtung. Das iranische Volk wird gelobt und aufgerufen, die Macht zu übernehmen.
Der iranische Vertreter bleibt ruhig und trägt die Position seines Landes vor. Der Iran werde angegriffen und habe das Recht, sich zu verteidigen. Er verurteilt die Angriffe der USA auf den Iran, die »in Koordination mit dem israelischen Regime eine nicht provozierte und vorbereitete Aggression gegen die Islamische Republik Iran« durchgeführt haben. »Zum zweiten Mal in den letzten Monaten«. Den USA-Vertreter fordert er auf, »höflich zu bleiben«, weil das für ihn und für dessen Land besser wäre.
Der Vertreter der Russischen Föderation kritisiert die USA, Britannien, Frankreich und Deutschland und betont, daß der Iran alle Anforderungen der Internationalen Atomenergieagentur und deren Abkommen einhalte. Er verweist darauf, daß die USA in der ersten Amtszeit von Präsident Trump das Atomabkommen verlassen haben, das 2015 beschlossen worden war. Der Vertreter Chinas fordert sofortigen Waffenstillstand und Rückkehr zu Verhandlungen. Er betont, daß Berichten zufolge die Gespräche in Genf eine positive Wendung genommen hätten.
Der Iran gibt seine »strategische Geduld« auf und greift mit Drohnen und Raketen Militärbasen der USA in der Region, israelische und US-amerikanische »Interessen« und Israel selbst an. Am Sonntag meldet Israel neun Tote und das Pentagon den Tod von mindestens drei USA-Soldaten. Angaben, wonach iranische Raketen ein hochmodernes Radarsystem auf der USA-Militärbasis Al Udaid (Katar) zerstört und den Flugzeugträger »USS Abraham Lincoln« getroffen hätten, werden nicht bestätigt oder vom USA-Zentralkommando CENTCOM zurückgewiesen. Öltanker durchfahren die Straße von Hormus nicht mehr. Die iranischen Revolutionsgarden warnen davor per Lautsprecher, und aufgrund der Gefahrenlage haben die Versicherungen die Ölunternehmen aufgefordert, das Risiko einer Durchfahrt nicht einzugehen.
Israelische oder US-amerikanische Raketen zerstören eine Mädchenschule in Minab, im Südiran. Dabei werden nach iranischen Angaben mindestens 165 Kinder getötet und mehr als 105 verletzt. Ebenfalls angegriffen wird das Gandhi-Krankenhaus im Norden von Teheran, das evakuiert wird, wie iranische Medien zeigen. Israel gibt an, keine Ahnung zu haben, wer die Einrichtungen bombardiert habe.
Propaganda und psychologische Kriegsführung
Medien setzen auf Krieg und verbreiten Propaganda und psychologische Kriegsführung. Analysen iranischer Wissenschaftler, Politiker und Journalisten kommen in westlichen Medien nicht vor. Mahnungen von UNO-Offiziellen, sich an die Charta der Organisation der Vereinten Nationen zu halten, wonach militärische Drohungen gegen andere UNO-Mitgliedstaaten nicht zulässig sind, werden von den angreifenden Staaten Israel und USA ignoriert, und auch von der Presse der jeweiligen Länder wird kaum darüber berichtet.
Daß die »E3«-Staaten Deutschland, Frankreich und Britannien in einer gemeinsamen Erklärung den Iran der Eskalation beschuldigen und weder die USA noch Israel darin kritisiert werden, macht vor allem eines deutlich: Diese Regierungen unterstützen den Angriffskrieg der beiden Atommächte gegen den Iran, der weder über Atomwaffen verfügt noch diese anstrebt, und der durch zahlreiche Angriffe beider Staaten und durch eine seit Jahrzehnten anhaltende wirtschaftliche Sanktionspolitik der USA – mit tatkräftiger Unterstützung der EU – in große Armut gestürzt wurde.
Einseitige wirtschaftliche Strafmaßnahmen sind völkerrechtlich nicht zulässig, wie zahlreiche Resolutionen der UNO-Vollversammlung zeigen. Eingesetzt werden sie von reichen westlichen Industriestaaten, die betroffene Staaten und Regierungen unterwerfen wollen. Diese einseitigen Zwangsmaßnahmen brechen seit Jahrzehnten das internationale Recht.
Der Krieg weitet sich aus
In der Nacht zu Montag wird berichtet, die libanesische Hisbollah habe Raketen und Drohnen auf eine israelische Rüstungsanlage südlich von Haifa abgefeuert. In einer Erklärung der Organisation heißt es, der Angriff auf die Raketenabwehreinrichtung Mishmar al-Karmel sei ein »Vergeltungsschlag für den Tod des obersten iranischen Revolutionsführers Sayyed Ali Khamenei und in Verteidigung des Libanon und seiner Bevölkerung« erfolgt. Es sei eine Antwort auf die anhaltenden israelischen Angriffe. Israel dürfe nicht länger »seine seit fünfzehn Monaten anhaltenden Angriffe fortsetzen, ohne eine warnende Antwort zu bekommen. Es muß seine Aggression stoppen und sich von den besetzten libanesischen Gebieten zurückziehen«, so die Hisbollah.
Israel reagiert prompt mit massiven Luftangriffen auf Wohngebiete im südlichen Beirut. Mehr als zehn Mal werden die Stadtviertel Haret Hreik, Jammous und Burj al-Barajneh bombardiert. Dabei werden mindestens 20 Personen getötet und 91 verletzt. Bei weiteren Angriffen auf Orte im südlichen Libanon wurden am Montag weitere mindestens 11 Menschen getötet und 58 Verletzte werden gezählt. Die Zahlen könnten steigen, teilt das libanesische Gesundheitsministerium am Morgen mit.
Die israelische Armeeführung fordert die Bewohner von mehr als 50 Orten im Südlibanon auf, ihre Dörfer zu verlassen und sich mindestens einen Kilometer von dort weg zu bewegen. Es folgte eine Liste von Orten, die Israel bombardieren werde. Angestellte eines Krankenhauses im Bezirk Mays al Jabal werden per Handy gewarnt, ihre Klinik werde angegriffen. Libanesische Militärs evakuieren das Krankenhaus und Polizeistationen in mehreren Orten.
Wieder auf der Flucht
Menschen im Libanon fliehen zu Tausenden. Auf den Straßen bilden sich bereits der Nacht lange Autoschlangen. Wie schon im Krieg 2024 suchen die Menschen Schutz in anderen Orten des Landes und in der Hauptstadt. Schulen und Universitäten bleiben vorerst geschlossen, einige Schulen sollen Inlandsvertriebene aufnehmen. Die Regierung kommt zu einer Dringlichkeitssitzung zusammen, die mit einer Schweigeminute für die Toten beginnt.
Wegen der anhaltenden Verletzung der Souveränität des Libanon und angesichts der israelischen Angriffe hat der Libanon im Januar eine Klage gegen Israel bei der UNO eingereicht. Darin sind allein für Oktober, November und Dezember des vergangenen Jahres 2.036 solcher Vorfälle dokumentiert, die den Waffenstillstand von November 2024 brechen. Der UNO-Sicherheitsrat wird aufgefordert, Druck auf Israel auszuüben mit dem Ziel, die Angriffe einzustellen und sich aus dem Libanon zurückzuziehen. Israel verletze anhaltend die UNO-Sicherheitsratsresolution 1701, die den Krieg zwischen Hisbollah/Libanon und Israel 2006 beendet hatte. Eine Reaktion auf die Klage gibt es bisher nicht.
Wie in der gesamten Region bleibt auch der Luftraum des Libanon geschlossen. Zivile Flugzeuge, auch Schiffe werden festgehalten, während die israelischen, US-amerikanischen und britischen Kampfjets – die von der Militärbasis Akrotiri auf Zypern starten – mit ihren Drohnen, Bomben und Raketen freie Flugbahn haben. Offiziell soll die Bevölkerung geschützt werden, die von Drohnen und Raketen aus Iran und von Verbündeten des Iran bedroht wird. Die allerdings sind nur im Einsatz, weil sie und ihre Länder von Israel und den USA angegriffen werden.
Der folgende Kontext ist wichtig. Und der ist, daß der Iran trotz Skepsis mit den USA verhandelt hat und – so der omanische Außenminister, der vermittelte – weitere Gespräche vorgesehen waren. Sämtliche arabischen Golfstaaten, die Arabische Liga und die Organisation islamischer Staaten haben Washington wiederholt aufgefordert, von militärischen Drohungen und einem Krieg Abstand zu nehmen. Ziel aller Staaten der Region und darüber hinaus war – gemeinsam mit dem Iran – genau das zu vermeiden, was nun geschieht.
Es gab und gibt nur ein Land in der Region, das seine Nachbarn bedroht, den Krieg wollte und mit den USA den Angriff auf den Iran startete: Israel.

