Ausland01. August 2025

»Je suis Georges Abdallah«

von Karin Leukefeld

So hatte die Internationale Kampagne zur Befreiung von Georges Abdallah vor zehn Jahren die Öffentlichkeit aufgerüttelt, um weltweit für dessen Freiheit zu mobilisieren. Es war das Jahr 2015, damals war Abdallah bereits seit mehr als 30 Jahren inhaftiert. Es war am Tag vor einer Berufungsverhandlung, die über seine Freilassung entscheiden sollte. Verbreitet wurden Fotos von libanesischen Politikern, die mit Schildern und Transparenten gezeigt wurden, auf denen »Je suis Georges Abdallah« geschrieben war. Viele schlossen sich im Laufe der Jahre an, um der Forderung nach Freilassung des libanesischen Militanten und Widerstandskämpfers Nachdruck zu verleihen. Erst die 12. Berufungsverhandlung im November 2024 bestätigte seine Freilassung.

Druck aus Washington auf Paris

Georges Ibrahim Abdallah ist frei. Nach 41 Jahren in Haft in Frankreich wurde er am 24. Juli 2025 freigelassen und kehrte einen Tag später in seine Heimat Libanon zurück. Elf Mal hatten die USA und Israel seine Freilassung verhindert, doch dem zwölften Antrag wurde vom zuständigen Gericht in Paris Mitte November 2024 stattgegeben. Abdallah sollte am 6. Dezember 2024 freigelassen werden unter der Auflage, Frankreich umgehend zu verlassen und nie wieder zu betreten. Doch erneut verzögerte sich die Rückkehr von Georges Abdallah um ein halbes Jahr, weil die USA-Administration Widerspruch einlegte.

Verhaftet worden war Georges Abdallah 1984, zu lebenslanger Haft verurteilt wurde er 1986. Der Vorwurf: er habe als Mitglied der »Libanesischen revolutionären bewaffneten Fraktion/Kräfte« im Januar 1982 den Militärattaché der USA in Paris, Charles Ray, und im März 1982 in Paris den israelischen Diplomaten Yaakov Bar-Simantov erschossen. Beweise gab es nicht.

Abdallah wurde 1984 festgenommen, weil bei ihm ein algerischer Paß gefunden wurde, der gefälscht war. Erst 1987 wurden angebliche Beweise präsentiert, die ihn mit beiden Angriffen in Verbindung brachten, die Folge war die Verurteilung zu lebenslanger Haft. Ein Anwalt des Verteidigungsteams räumte später ein, er habe Abdallah im Auftrag des französischen Staates ausspioniert und dessen Vertrauen gewonnen, indem er vortäuschte, »die gleichen revolutionären Ideale« zu teilen. Trotz der illegalen Spionage und trotz juristischer Manipulation im Verfahren gegen Abdallah wurde der Fall nicht neu verhandelt.

Freiheit von Georges Abdallah gefährdet USA-Interessen

Elf Mal hatten die USA und Israel Druck auf die französische Regierung ausgeübt, den Gefangenen George Abdallah nicht freizulassen. Elf Mal hatten sich die französischen Behörden gebeugt und den Antrag auf Freilassung abgelehnt. Der 12. Antrag auf Freilassung wurde vom zuständigen Gericht Mitte November 2024 bewilligt, doch erneut schaltete sich das Justizministerium der USA ein. Im formalen Antrag an das Berufungsgericht wurde die Entscheidung des französischen Gerichts, Abdallah freizulassen, als »extrem gefährlich« bezeichnet, wie die libanesische Tageszeitung »Al Akhbar« berichtete, der das Schreiben zugespielt worden war.

In dem Schreiben aus Washington hieß es, die Freilassung Adallahs bedrohe US-amerikanische und französische Interessen als auch Interessen des Libanon. Angehörige der USA-Botschaft und Vertreter des USA-Konsulats seien gefährdet, sollte Abdallah in den Libanon zurückkehren. Der 74-Jährige könne erneut »gewalttätige Ziele« verfolgen, besonders wenn er zu seiner Familie in seinen Heimatort Al Qubayyat zurückkehren sollte. Der Ort liegt unweit der libanesisch-syrischen Grenze in der Provinz Akkar im Nordlibanon und die USA-Administration erklärte, seine Rückkehr dorthin könne eine schon jetzt unsichere Region weiter destabilisieren.

Der Einwand aus den USA verknüpfte den erklärten Widerstand Abdallahs gegen Besatzung mit dem anhaltenden Konflikt der libanesischen Hisbollah und Israel. Israel hält fünf strategische Punkte im Südlibanon besetzt und greift den Libanon trotz einer unter Vermittlung der USA und Frankreich mit Israel vereinbarten Waffenruhe täglich weiter an. In ihrem Widerspruch zur Freilassung von Georges Abdallah erklärte das Justizministerium der USA, seine Rückkehr würde »die Spannungen verschärfen« und ein erhebliches Risiko für öffentliche Unruhen darstellen.

Das französische Gericht hielt dem Druck aus Washington stand und bekräftigte die Freilassung Abdallahs unter Verweis darauf, daß es sich um eine rein juristische Entscheidung handele. Das französische Recht ermöglicht die Freilassung auf Bewährung bei einer lebenslänglichen Strafe nach 18 Jahren, so Juristen gegenüber der Tageszeitung »Al Akhbar«. Georges Abdallah sei mehr als doppelt so lang inhaftiert gewesen.

Ein Kämpfer, kein Krimineller

Bei seiner Rückkehr wartete eine große Menschenmenge auf Georges Abdallah am Flughafen von Beirut. Fahnen der Libanesischen Kommunistischen Partei, der Volksfront zur Befreiung Palästinas, der libanesischen Hisbollah und mehr wehten im Wind. Abdallah trug einen palästinensischen Schal und reckte die Faust, um Freunde, Kameraden, Genossen und Angehörigen zu grüßen. Eingekeilt zwischen Personen des Begrüßungskomitees – darunter der Abgeordnete der Hisbollah Ibrahim Moussavi und Offizielle der KP – sowie Polizei- und Sicherheitskräfte, hatte Abdallah Mühe seiner Botschaft Gehör zu verschaffen.

Er wiederholte seinen Respekt und seine Unterstützung für die Palästinenser und den Widerstand und rief zur Einigkeit auf. »Mit Widerstand ist der Weg nach Hause nie verloren«, so Abdallah. »Heute, mehr als jemals zuvor, müssen sich alle um den Widerstanden vereinen«. Widerstand sei »fest in diesem Land verankert und kann nicht ausgelöscht werden«.

Mandla Mandela, Enkel von Nelson Mandela erinnerte in einer Stellungnahme gegenüber dem libanesischen Nachrichtensender »Al Mayadeen«, daß sowohl sein Großvater als auch Georges Abdallah für ihren »Widerstand gegen Besatzung und Imperialismus eingekerkert« gewesen seien. Die ungebrochene Unterstützung von Georges Abdallah für die Palästinenser gegen die Besatzung habe bei vielen Hoffnung und Mut gestärkt. Mandela erinnerte an seinen Großvater, der 1990 nach 27 Jahren freigelassen worden war und immer die tiefe Verbundenheit zwischen Südafrika und Palästina betont habe: »Unsere Freiheit ist nicht vollständig ohne die Freiheit des palästinensischen Volkes«.