Ausland15. April 2026

Milliardengewinn durch Spekulieren mit dem Ölpreis

von Ralf Klingsieck, Paris

Die in Genf ansässige Filiale des französischen Energiekonzerns Total Energies, die für den Handel auf dem Weltmarkt mit Erdöl und Naturgas spezialisiert ist und treffenderweise »Negoce« heißt, agiert meist im Verborgenen. Verschwiegenheit ist eines der Grundprinzipien dieses Geschäfts.

Doch angesichts der aktuellen Weltlage, wo der Krieg von Israel und den USA gegen den Iran und dessen Vergeltungsschläge gegen Raffinerien in den Golfstaaten sowie die vorübergehende Sperrung der Meerenge von Hormus eine Quelle versiegen läßt, aus der gewöhnlich 20 Prozent des weltweit benötigten Erdöls und Erdgases kommen, wurde auch der Schleier um die Geschäfte des Total-Konzerns zerrissen. Dieser hatte schon sehr früh mit der Schließung der Meerenge von Hormus gerechnet. Da zu erwarten war, daß dadurch Rohöl und Erdgas weltweit knapper werden und entsprechend der Preis in die Höhe schnellen würde, hat Total Vorräte zusammengekauft, deren Wert in eine zweistellige Milliardenhöhe ging.

Vorräte zeitig aufgekauft

Beispielsweise war fast alles Öl und Gas, das in dem vor der Golfregion gelegenen Emirat Oman gefördert und verschifft wurde und somit nicht durch die Meerenge mußte, schon sehr zeitig durch Total aufgekauft worden. Dasselbe galt für das Öl, das in Abu Dhabi gefördert und per Pipeline zum Hafen Foujeyra transportiert wurde, der außerhalb der gefährdeten Gebiete liegt. Laut Informationen des Fernsehsenders Euronews und der Zeitung »Le Monde« handelte es sich dabei um mindestens 70 Tankerladungen und eine Gesamtmenge von reichlich 38 Millionen Barrel Öl.

Als die Blockade für Tanker in der Golfregion komplett war, haben die Total-Trader in Genf begonnen, diese Öl- und Gasvorräte zu den inzwischen stark gestiegenen Weltmarktpreisen zu verkaufen. In dieser Situation war Total für einige Länder in Asien einer der wenigen noch lieferfähigen Anbieter. Dabei machte Total allein in der ersten Phase der Versorgungskrise von Anfang bis Ende März mindestens eine Milliarde Dollar Gewinn, hat die britische Wirtschaftszeitung »Financial Times« in Erfahrung gebracht.

Wie hoch die Prämien für die an diesen Spekulationsgeschäften beteiligten Trader ausfielen, ist eins der bestgehüteten Geheimnisse der Branche und kann nur geschätzt werden. Fachleute rechnen mit insgesamt bis zu zwei Prozent des Öl- und Gas-Umsatzes, die unter solchen Ausnahmebedingungen an die Trader-Teams ausgezahlt und unter deren Mitgliedern aufgeteilt werden. Das letzte Mal, als dies der Fall war, handelte es sich um die Zeit nach dem Februar 2022 und dem Beginn des Ukraine-Krieges, als durch die EU-Sanktionen gegen Rußland ein möglichst großer Teil des bis dahin weitgehend aus Rußland bezogenen Gases durch analoge Mengen aus anderen Lieferländern ersetzt werden sollte.

»Kriegs-Profit«

Daß Total jetzt den Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran und die sich zuspitzende Lage in der Golfregion dazu benutzt hat, mit Öl und Gas zu spekulieren und dabei Rekordgewinne zu verbuchen, ist nicht überraschend, hat jedoch viele Politiker nicht nur linker Oppositionsparteien empört. Dies umso mehr, als der Konzern nicht den Verdacht ausräumen konnte, daß der Extragewinn in exotischen Inselstaaten vor den französischen Steuerbehörden in Sicherheit gebracht wurde. Die Umweltorganisation Greenpeace sprach unumwunden von einem »Kriegs-Profit«.

Den Vorwurf der Spekulation weist der Konzern entschieden von sich. »Die Gruppe Total Energies muß für ihren eigenen Bedarf und den ihrer Kunden die Versorgung mit Rohstoffen langfristig im Voraus sichern«, heißt es in einer Presseerklärung, in der darauf verwiesen wird, daß durch den Krieg am Golf die Versorgung der eigenen Raffinerien mit Rohöl und der Kunden mit Gas um 15 Prozent gefallen ist. Außerdem sei Trading »mit einem großen Risiko verbunden« und bringe oft auch hohe Verluste mit sich, betont der Konzern. Es handle sich um ein »sehr anfälliges Geschäft, das man nüchtern über lange Zeit und nicht nur aufgrund kurzfristiger Ausnahmesituationen beurteilen sollte«.