Ausland04. August 2021

Eine »Entführung« und ihre Folgen

Viele Fragen zum über Minsk »entführten« Flugzeug der Ryanair

von Marcel Gerber

Zur Affaire des in Minsk notgelandeten Ryanair-Flugzeugs stellen sich dem Beobachter, der sich nicht mit den vom Westen aufgetischten Narrativen zufrieden geben will, Fragen über Fragen. Zum Ablauf, aber auch zum seitherigen Verhalten der EU-Exponenten und ihrer medialen Sekundanten, denen offensichtlich wenig an Aufklärung liegt. Das Interesse an ihrem nach der Landung verhafteten Protégé scheint verloren gegangen zu sein, nachdem sich dieser öffentlich von seinen bisherigen Förderern distanziert hat.

Am 23. Mai befand sich der irische Ryanair-Flug 4978 von Athen nach Vilnius (Litauen) über Weißrußland, als der Flughafen Minsk eine Bombendrohung vom Schweizer E-Mail-Provider Protonmail erhielt. Gemäß den internationalen Regeln hat Weißrußland das Flugzeug um 12.34 Uhr gewarnt und angeboten, auf seinem Territorium zu landen und alles Notwendige für den Fall eines Dramas während der Landung vorzubereiten, medizinische Dienste, Feuerwehr usw.

Das Flugzeug befand sich bereits in der Nähe der Grenze zu Litauen und damit in der Nähe der 25 Kilometer entfernten Hauptstadt Vilnius. Der litauische Flughafen wurde über diese Situation informiert und verweigerte die Landung des Flugzeugs. Die Besatzung des Flugzeugs entschied um 12.47 Uhr, in Richtung Minsk umzukehren. Ein weißrussisches Kampfflugzeug wurde daraufhin als Eskorte des irischen Flugzeugs losgeschickt, um im Falle eines ernsthaften Problems einen möglichen Landepunkt zu lokalisieren, während es sich von der Ryanair-Maschine fernhielt.

Das Flugzeug kam in Minsk an und wurde von seinen Passagieren evakuiert und durchsucht, ohne daß Bomben gefunden wurden. Bei der Kontrolle von Passagieren, die auf weißrussischem Territorium aussteigen, identifizierte die Polizei Roman Protassewitsch, einen weißrussischen Staatsbürger, gegen den ein internationaler Haftbefehl wegen seiner Aktivitäten im Zusammenhang mit den Protesten im Sommer 2020 vorliegt (vorgeworfen werden dabei kriminelle Handlungen wie der Versuch, Eisenbahnentgleisungen herbeizuführen, Red.). Protassewitsch wird deshalb zusammen mit seiner russischen Lebensgefährtin Sofia Sapega inhaftiert, die in die gleichen Aktivitäten verwickelt ist.

Sofort wird im Westen ein Medienkrieg gegen Weißrußland losgetreten, in dem behauptet wird, Weißrußland habe die Bombendrohung erfunden und »das Flugzeug entführt«, um einen weißrussischen Dissidenten, der als »junger Journalist« vorgestellt wird, gefangen zu nehmen. Es wird nicht erklärt, wie Weißrußland von seiner Anwesenheit im Flugzeug hätte wissen sollen, wenn nur die griechischen und litauischen Flughäfen und Ryanair die Passagierliste kannten.

Verschiedene Fragen bleiben unbeantwortet:

– Warum sollte Minsk warten, bis das Flugzeug weit hinter Minsk war, um dem Piloten diese Durchsage zu machen, wenn sie erfunden war?

– Warum mußte der Pilot umkehren, wenn er so nahe am Flughafen Vilnius war?

– Warum wird die Kommunikation des Piloten mit dem Flughafen Vilnius geheim gehalten?

Als das Flugzeug schließlich in Vilnius landete, befragte die litauische Polizei den Flugkapitän, der »nach Rücksprache mit dem Ryanair-Management die Entscheidung traf, den Kurs nach Minsk zu ändern«, so Rolandas Kiškis, Leiter des litauischen Kriminalpolizei-Büros. Dies ruft nach einer weiteren Frage: War es beabsichtigt, das Flugzeug in Minsk zum Landen zu bringen, um »diesen Fall« zu erzeugen?

Wer ist der »junge Journalist« Roman Protassewitsch? Trotz seines jugendlichen Aussehens (er ist 26 Jahre alt) ist Protassewitsch ein alter Hase in der Neonazi-Bewegung mit kriegerischen Verpflichtungen, wie z. B. seine Eingliederung im Januar 2015 in das Neonazi-Bataillon ASOW in der Ukraine zur Bekämpfung der russischsprachigen Dissidenz im Donbass. Zahlreiche Fotos im Internet zeigen diese Figur in einem weniger guten Licht, etwa solche, auf denen er den Hitlergruß macht, als Soldat mit SS-Helm auf dem Kopf gekleidet ist oder als Soldat des Bataillons ASOW in der Ukraine mit einem Maschinengewehr in der Hand. Im Jahr 2017 wurde er von »Radio Liberty« (einem von den USA finanzierten antikommunistischen Radiosender) angeheuert und absolvierte »Schulungen« in Prag und den USA. Von ihnen finanziert und gecoacht, spielte er zusammen mit seiner russischen Freundin eine wichtige Rolle bei den Protesten in Weißrußland im letzten Sommer.

Warum berichtet die westliche Presse nicht mehr über diesen Fall und warum fordern hochrangige Politiker nicht mehr die »sofortige« Freilassung von Roman Protassewitsch und seiner Freundin? Die Antwort ist einfach: Er hat sich abgewandt! Während eines 4-stündigen aufgezeichneten Interviews, von dem 90 Minuten im weißrussischen Fernsehen ausgestrahlt wurden, beschuldigte er ein Mitglied der Oppositionsbewegung, mit dem er zusammenarbeitete, Daniil Bogdanowitsch, der Autor der Bombendrohung nach einem internen Konflikt zu sein. War es ein Konflikt mit persönlichen oder politischen Ambitionen oder hing es mit den großen Geldsummen zusammen, die er sehr großzügig aus vielen Quellen erhalten hat? Er erläuterte auch detailliert die Funktionsweise der vom Westen finanzierten Agenturen mit Sitz in Polen und Litauen.

Bei einer offenen Pressekonferenz des weißrussischen Außenministeriums sorgte das Erscheinen des »politischen Gefangenen« Protassewitsch dafür, daß eine Reihe von EU-Botschaftern und BBC-Journalisten herbeieilten! Sie stellten keine Fragen und hörten ihn nicht persönlich über sein Schuldeingeständnis und seine aktive Mitarbeit bei den Ermittlungen sprechen. Bis heute befinden sich Roman Protassewitsch und Sofia Sapega zu Hause unter Hausarrest und kommunizieren aktiv mit den Medien.

Seit dem 4. Juni hat die EU einstimmig und offiziell ein Flugverbot für weißrussische Fluggesellschaften verhängt und die Gelegenheit genutzt, eine Reihe von Maßnahmen zu beschließen, die darauf abzielen, die belarussische Wirtschaft zu schädigen, insbesondere durch das Verbot ihrer Exporte in verschiedene EU-Länder. Und wir wissen, daß diese Art von Maßnahmen, die von den westlichen Ländern gegen verschiedene »nicht angepaßte« Länder eingesetzt werden, zuerst die Bevölkerung und nicht die Regierenden treffen, und all dies wurde beschlossen, ohne eine Untersuchung in Minsk durchzuführen oder die vorgelegten Erklärungen zu berücksichtigen.

(aus: Kommunisten.ch)