Mord an Landarbeitern
Italienische Gewerkschaften entlarven Netzwerk, das billige Arbeitskräfte rekrutiert
Ein barbarisches Verbrechen erschüttert Italien. Wie die Agentur ANSA berichtete, wurden auf einem Landsitz der Cosenza Flying Squad in Kalabrien vier Landarbeiter aus Afghanistan und Pakistan an einer Tankstelle bei lebendigem Leibe in einem Minivan verbrannt. Alle vier waren als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschäftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier bei lebendigem Leib verbrannt. Die Täter konnten umgehend festgenommen werden, weil das Video der Überwachungsanlage der Tankstelle zwei Personen zeigte, die erst die eine, dann die andere der Türen des Fahrzeugs blockieren, während brennbare Flüssigkeit in die Heckklappe gegossen wurde. Einem fünften Opfer gelang es über die Motorhaube zu entkommen. Wie die Regionale Unione Sarde berichtete, sagte er aus, daß die Täter einer Bande angehören, die Migranten erpreßt. Die Opfer waren nicht in der Lage, ihnen Geld zu zahlen, und deshalb wurden sie umgebracht. Gewerkschafter von CGIL über UIL bis zur USB haben eine lückenlose Aufklärung gefordert.
In der Gegend um Amendalora, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren angebaut. Hier weiß jeder, wie Migranten auf den Feldern behandelt werden. Viele von ihnen kommen aus Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan, schreibt die Agentur dpa. Der Stundenlohn beträgt meist nicht mehr als drei Euro. Es wird geschätzt, daß in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen arbeiten.
Um die Anwerbung der ausländischen Billigstlöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern sich sogenannte Capos: häufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben. So war das offensichtlich auch bei dem Vierfach-Mord. Anhand der Bilder der Überwachungskameras konnten als mutmaßliche Täter zwei Männer aus Pakistan identifiziert werden, die nun in Untersuchungshaft sitzen.
Die Landarbeitergewerkschaft FAI der CISL hat nach dem grausamen Mord ein entschiedenes Vorgehen gegen die Banden gefordert. Der Tod von vier Landrbeitern stelle ein Ereignis von beispielloser Tragweite dar. Die Gewerkschaft fordert zudem ein gemeinsames Engagement zur Aufdeckung von Schwarzarbeit. Antonio Castellucci von FAI schrieb dazu: »Es ist ein düsteres Bild für Tagelöhner. Neben den vielen legal operierenden Betrieben existiert ein Parallelnetzwerk, das billige Arbeitskräfte rekrutiert und sich mit dem organisierten Verbrechen verbündet. Ein erheblicher Teil der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte, insbesondere der Saisonarbeiter, wird weiterhin marginalisiert und ist nach wie vor von Bandenkriminalität und übermäßiger Ausbeutung betroffen. In diesem Moment tiefer Trauer können wir nur dringend schnelle und klare Aufklärung fordern und den Familien der ermordeten Arbeiter die volle Solidarität und das Mitgefühl der Gewerkschaft aussprechen.«
Das linke Portal »il manifesto« hatte erst kürzlich, am 23. März 2026, die Zustände in Borgo Mezzanone nahe Foggia in Apulien geschildert, wo 40 Prozent der italienischen Tomaten produziert werden. Dort vegetieren 5.000 Menschen in Hütten ohne Wasser und unter katastrophalen hygienischen Bedingungen. Mitten in der Nacht müssen sie aufstehen und bis abends 14-15 Stunden für ein paar Euro pro Tag schuften.
An kalten Abenden, schreibt der Reporter, schneidet die Kälte in die Haut, die Luft riecht nach verbrannten Abfällen. »Dutzende provisorische Mülltonnen brennen entlang der Feldwege, ausrangierte Möbel, Holz- und Gummireste spenden etwas Wärme. Männer versammeln sich in kleinen Gruppen, reden kaum, starren ins Feuer. Giftiger Rauch dringt in die Lungen, setzt sich fest. Der Winter ist hier keine Jahreszeit: Er ist ein Urteil. Zeit für einen stillen Tod.«
Doch die Situation wird inzwischen nicht mehr ganz widerstandslos hingenommen. Ivan Sagnet, ein Migrant aus Kamerun, hat eine Stiftung gegründet, die gegen die Ausbeutung in der Landwirtschaft vorgeht. Er entlarvt auf der Webseite seiner Organisation das Sklavendasein der ausländischen Landarbeiter und berichtet über ihren Widerstand dagegen. Er beschrieb, wie er in die Fänge eines »Caparole« geriet. Caparole ist ein Rang beim Militär, gemeint sind damit aber auch »Arbeitsvermittler«, die billige Arbeitskräfte besorgen und daran ordentlich verdienen. »Der Caparole zahlte mir für jede Kiste 3,50 Euro. Das waren rund 20 Euro für 14 Stunden Arbeit. Davon wurden noch fünf Euro für den Transport zum Arbeitsplatz abgezogen und 3,50 Euro für das Brot, das wir zum Essen erhielten.« Gegen diese Sklavenarbeit organisierte er einen Streik, welcher eineinhalb Monate dauerte. Er brachte das Thema in die Öffentlichkeit und entlarvte, daß zu den Schuldigen »auch die großen Unternehmen ‚Coop, Auchan, Carrefour und Lidl gehören, denn sie entscheiden am Ende über die Preise für die Produkte«.

