Ausland03. August 2024

Vor 60 Jahren

Der »Tonking-Zwischenfall«

Ein Musterbeispiel US-amerikanischer Provokationen zur Auslösung von Aggressionskriegen

von Gerhard Feldbauer

Der USA-Imperialismus war nie verlegen, Lügengebilde als Vorwände für seine kolonialen Eroberungen, Aggressionskriege, konterrevolutionären Operationen zur Niederschlagung von Befreiungsbewegungen und revolutionären Erhebungen zu erfinden.

Ein Musterbeispiel dafür war vor 60 Jahren der sogenannte »Zwischenfall von Tongking« – besser gesagt eine Provokation, die von USA-Präsident Johnson persönlich vorbereitet und in den ersten Augusttagen 1964 im Golf des Bac Bo von Vietnam, den die Franzosen Tongking getauft hatten, in Szene gesetzt wurde. Die damit verfolgte Ausdehnung des USA-Krieges in Südvietnam mit Luftangriffen auf den Norden, die Demokratische Republik Vietnam (DRV), war Monate vorher geplant worden. Es waren»Vergeltungsaktionen« für die in Südvietnam im sogenannten »Spezialkrieg« gegen die südvietnamesische Befreiungsfront FNL erlittenen Niederlagen.

Der Nationale Sicherheitsrat der USA hatte bereits in seiner Resolution 288 vom 17. März 1964 festgelegt, daß die USA in der Lage sein müssen, binnen 72 Stunden »Vergeltungsaktionen gegen Nordvietnam« zu beginnen und »binnen 30 Tagen das Programm eines ‚abgestuften offenen militärischen Drucks gegen Nordvietnam zu starten«.

Der »Tongking- Zwischenfall« sollte dazu den Vorwand liefern. Vor Beginn der Provokation erklärten die USA, daß sie die von der Demokratischen Republik Vietnam verkündete 12-Meilenzone ihrer Hoheitsgewässer, die in voller Übereinstimmung mit völkerrechtlich gültigen Regeln festgelegt worden war, nicht anerkennen und lediglich eine Drei-Meilenzone respektieren. Selbst diese wurde dann systematisch verletzt, Kriegsschiffe der U.S. Navy drangen immer wieder bis unmittelbar an die nordvietnamesische Küste vor.

Die Operation leiteten der Südvietnam-Befehlshaber, General William Childs Westmoreland, und der Befehlshaber der 7. US-Flotte, Vizeadmiral Roy Johnson. Am 30. Juli überfielen Einheiten der Saigoner Armee mit Amphibienfahrzeugen die zur DRV gehörenden Inseln Hon Me und Hon Nieu im Golf von Tongking. Der Zerstörer »Maddox« der U.S. Navy drang in die Hoheitsgewässer der DRV ein, um das Kommandounternehmen gegen das Eingreifen des nordvietnamesischen Küstenschutzes abzusichern. Am 2. August drehte die »Maddox« nach dem Auftauchen nordvietnamesischer Torpedoboote zunächst ab und verließ die Hoheitsgewässer.

Das Drehbuch des »Zwischenfalls«

Präsident Lyndon B. Johnson verfügte persönlich, die Operation fortzusetzen und befahl, einen zweiten Zerstörers, die »Turner Joy« in den Golf, zu entsenden, der am 4. August mit der »Maddox« erneut in die Hoheitsgewässer der DRV eindrang, wo es zum Zusammenstoß mit deren Torpedobooten kam.

Washington verbreitete in Eilnachrichten, die Nordvietnamesen hätten »in internationalen Gewässern« die beiden US-amerikanischen Zerstörer »angegriffen«. Der »ungeheuerliche Aggressionsakt« werde mit »Vergeltungsschlägen« beantwortet. Auf Befehl von Präsident Johnsons griffen daraufhin am 5. August 64 Jagdbomber der U.S Air Force Kriegsschiffe der DRV, Ortschaften im Küstengebiet des Golfs und Versorgungslager an.

Unter Bruch der Haager Landkriegsordnung begann ohne eine Kriegserklärung der völkerrechtswidrige Luftkrieg gegen die DRV. Systematisch wurden die Terrorangriffe in den folgenden Monaten auf das gesamte Gebiet Nordvietnams zu einem mörderischen Bombenkrieg ausgeweitet. Ein Jahr später flogen bereits 4.000 Flugzeuge monatlich 12.000 bis 15.000 Angriffe.

Das Hamburger Politikmagazin »Der Spiegel« (Nr. 12/1965) bestätigte, daß bereits vier Monate vor der Tongking-Provokation ein als »Drehbuch« bezeichnetes Programm der Eskalation in drei Stufen ausgearbeitet worden war. »Erste Stufe: Amerikanische Bomber zerstören die in Nordvietnam gelegenen Versorgungsanlagen und Ausbildungslager der südvietnamesischen Partisanen. Zweite Stufe: US-Bomber zerschlagen Kohlengruben, Stahlwerke und vor allem Kraftstromanlagen, die Nordvietnams Industrie versorgen. Dritte Stufe: Die US-Luftwaffe bombardiert Hanoi und das dichtbesiedelte Mündungsgebiet des Roten Flusses.«

Am 16. August verabschiedete der Kongreß der USA auf Ersuchen des Präsidenten mit nur zwei Gegenstimmen ein Ermächtigungsgesetz, das ihn autorisierte, »jeden bewaffneten Schlag gegen die Streitkräfte der Vereinigten Staaten zurückzuweisen und weitere Aggressionen zu verhüten«.

Informationen über den tatsächlichen Sachverhalt erbrachte im Januar 1968 eine Untersuchung des Außenpolitischen Ausschusses des Senats, die sich unter dem wachsenden Druck der Öffentlichkeit und der Bewegung gegen den Vietnamkrieg mit dem Geheimdienstbericht über den »Zwischenfall im Golf von Tongking« befassen mußte.

Der Ausschuß stellte fest, daß Präsident Johnson »mit geradezu ungeheuerlichen verlogenen Behauptungen, die seine Geheimdienste stützten, sich die Ermächtigung des Kongresses erschlichen hatte«. Eine Auswertung der Logbücher der beiden Zerstörer sowie der Aufzeichnungen des Funkverkehrs zwischen dem Kapitän der »Maddox«, John J. Herrick, und dem Befehlshaber der Pazifikflotte der USA ergab, daß »die Kriegsschiffe in eine gezielte Provokation zur Auslösung des Luftkrieges gegen die DRV eingebunden waren«. Die Schiffe befanden sich keineswegs auf einer »routinemäßigen Patrouillenfahrt«, sondern hatten den Auftrag, für die anschließend geplanten Luftangriffe »die elektronischen und Radarsysteme Nordvietnams zu stimulieren, um deren Ortung zu erleichtern«. Sie operierten auch nicht in internationalen Gewässern, sondern waren in die Drei-Meilen-Hoheits-Zone Nordvietnams eingedrungen und hatten, wie der damalige Senator Albert Gore es ausdrückte, »unmittelbar vor der Küste die Wellen gepflügt«.

Die Wahrheit kam ans Licht

Schließlich kam heraus, daß keiner der beiden angeblich von nordvietnamesischen Torpedos getroffenen Zerstörer irgendwelche Beschädigungen aufwies. Unter den Schiffsbesatzungen hatte es keinerlei Verluste gegeben. Die Senatsuntersuchung führte dazu, daß Präsident Johnson am 1. November 1968 die Einstellung der Terrorangriffe auf Nordvietnam erklären mußte. Im Juni 1970 annullierte der Kongreß schließlich das Ermächtigungsgesetz vom 16. August 1964.

Weitere Einzelheiten, wie Johnson planmäßig die Ausweitung des verbrecherischen Krieges auf Nordvietnam organisiert hatte, kamen 1971 durch die sogenannten »Pentagon-Papiere« ans Licht, welche die »New York Times« ab 13. Juni veröffentlichte. Für die im August 1964 durchgeführten Kriegsakte gegen die DRV hatte der Präsident bereits im Februar dieses Jahres einem von der CIA vorgelegten Operationsplan 34-A zugestimmt. Er beinhaltete Spionageflüge über Nordvietnam, Diversionsakte abgesetzter oder eingeschleuster Kommandos der von der CIA geführten Special Forces, Überfälle von See aus, Entführungsaktionen im Küstenbereich sowie Sabotageakte auf Eisenbahnlinien und Brücken.

Am 17. März hatte Johnson zwei weitere Pläne für »selektive Bombenangriffe« auf Nordvietnam und im April das bereits erwähnte »Drehbuch« für die »Eskalation des Krieges in drei Stufen« bestätigt. Das Ermächtigungsgesetz, das Johnson als angebliche Reaktion auf den »Tongking-Zwischenfall« dem Kongreß vorgelegt hatte, war bereits am 25. Mai 1964 ausgearbeitet worden.

Aus den »Pentagon-Papieren« geht hervor, daß die US Air Force vom Februar 1965 bis Ende Oktober 1968 rund 107.700 Angriffe gegen Nordvietnam flog. Dabei wurden insgesamt 2.581.876 Tonnen Bomben abgeworfen bzw. Raketen abgeschossen. Das war eine weit größere Menge, als die USA insgesamt während des zweiten Weltkrieges eingesetzt hatten.

Um ihre verbrecherische Okkupationspolitik in Südvietnam und die Entsendung ihrer Militärs zu verdecken, erfanden die Dienste der USA bereits seit 1954/55 die These vom »Aggressionskrieg des Nordens« gegen den Süden Vietnams. Es war eine plumpe Lüge. Denn »die meisten derjenigen, die zur Waffe griffen, waren Südvietnamesen, und die Gründe, um derentwillen sie kämpften, wurden durchaus nicht in Nordvietnam erfunden«, hieß es in den »Pentagon-Papieren«.

Einem Geheimbericht war zu entnehmen, daß 80-90 Prozent der Kämpfer des »VietCong« in Südvietnam angeworben wurden und »wenig für eine Verstärkung des Vietcong von außen spricht«. Es hieß weiter, daß »die antikommunistische Denunziationskampagne« in Südvietnam auch viele Nichtkommunisten traf, insgesamt 50.000 bis 100.000 Personen, und daß »Neutralisten« polizeilich verfolgt wurden. Das Dokument sprach von einer »Beschneidung der Meinungsfreiheit und Verhaftung Andersdenkender« und davon, daß es »die Amerikaner selber« sind, die in Südvietnams Hauptstadt Saigon kommandieren.

Nicht unerwähnt bleiben sollte, daß der damalige deutsche Bundespräsident Heinrich Lübke Präsident Johnson zu den ersten Terrorangriffen der USA auf Hanoi am 29. Juni 1966 in einem offiziellen Staatstelegramm beglückwünschte, in dem es hieß, der Luftterror möge »von Erfolg gekrönt sein«. Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard ließ am 1. Juli, als bereits Berichte über die zahlreichen zivilen Todesopfer der Terrorangriffe in Vietnam bekannt waren, »alle Maßnahmen der Amerikaner« gutheißen.

Am gleichen Tag bejubelte die Westberliner »Nachtdepesche« den Bombenterror mit den zahllosen Todesopfern als »Wunder der Präzision« und forderte, Washington müsse sich entschließen, »dichtbesiedelte Industriezentren zu bombardieren«. Springers Westberliner »BZ« schrieb am 18. Juli, notwendig sei »ein kompromißloser Krieg, der auch vor Fabriken, Häfen, Bewässerungsanlagen und Staudämmen nicht mehr halt macht«.

Kurt Georg Kiesinger, Nachfolger von Kanzler Erhard, während der Zeit des »Dritten Reichs« Mitglied der Nazipartei seit 1933 und stellvertretender Leiter der Rundfunkabteilung im Auswärtigen Amt Ribbentrops, versicherte Washington in seiner Regierungserklärung am 13. Dezember, die Bundesrepublik Deutschland werde »entschiedener als bisher Mitverantwortung in Vietnam übernehmen«.

(Gerhard Feldbauer war mit seiner Frau Irene, die als Fotoreporterin arbeitete, von 1967 bis 1970 als Korrespondent der Nachrichtenagentur ADN der DDR in Vietnam, Laos und Kambodscha tätig. Sie schrieben das Buch »Sieg in Saigon. Erinnerungen an Vietnam«, Pahl Rugenstein Nachf., Bonn 2005. Gerhard Feldbauer u.a. »Vietnamkrieg«, PapyRossa, Köln 2019.)