Luxemburg19. Oktober 2023

Bausektor auf Talfahrt

Statec: In den ersten neun Monaten 2023 haben 710 Firmenpleiten fast 2.000 Arbeitsplätze gekostet, davon mehr als 700 im Hochbau

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Der Pleitegeier zieht weiter seine Bahnen über der luxemburgischen Betriebslandschaft. Mit kräftigen Flügelschlägen steuert er Firma für Firma an, setzt sich am Werkstor nieder und wartet geduldig den Kollaps ab. Eine Wartezeit, die offenbar immer kürzer wird, so oft verenden hiesige Unternehmen. Das nationale Statistikamt liefert den amtlichen Beleg: Der Statec warnte am Mittwoch, schon jetzt sei absehbar, daß das laufende Jahr eines mit vielen Konkursen werde. Von Januar bis September hätten 710 Firmenpleiten fast 2.000 Arbeitsplätze gekostet – über 700 davon im Hochbau, der seine Talfahrt auch im dritten Trimester fortgesetzt hat.

Nach vorläufigen Zahlen, so der Statec, hätten luxemburgische Gerichte von Juli bis September weitere 162 Betriebe für insolvent erklärt. Im Vergleich zum dritten Trimester des Vorjahres, als Justizministerium und Statec 157 Insolvenzurteile zählten, bedeute dies einen Anstieg um drei Prozent. Damit habe sich die Zahl der Konkurse seit Jahresbeginn auf 710 erhöht, was im Vergleich zu den ersten neun Monaten 2022 sogar einen neunprozentigen Anstieg bedeute. Dabei seien »ersten Schätzungen zufolge (…) 1.943 Arbeitsplätze für abhängig Beschäftigte verlorengegangen«. Relativ zu den 1.297 Arbeitsplätzen, die im gleichen Zeitraum 2022 durch Firmenpleiten verlorengingen, bedeute dies einen Anstieg um fast 50 Prozent.

Kommentierend heißt es dazu von den regierungsamtlichen Statistikern, man müsse bis ins Jahr 2016 zurückgehen, um ähnlich hohe Arbeitsplatzverluste durch Konkurse zu finden. Besonders stark betroffen sind Bauarbeiter im Hochbau. Im Baugewerbe wurden von Januar bis September 117 Konkurse gezählt – 43 oder 58 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Dabei hätten geschätzt über 700 abhängig Beschäftigte – plus 41 Prozent! – ihren Arbeitsplatz verloren. Dies entspreche über einem Drittel (36 Prozent) »der gesamten konkursbedingten Verluste an Arbeitsplätzen abhängig Beschäftigter in den ersten drei Trimestern 2023«.

Im Hotel- und Gaststättengewerbe seien zwischen Januar und September bei 80 Insolvenzen (plus 23 Prozent) »etwa 300« Arbeitsplätze verlorengegangen, was sogar einen Anstieg um 78 Prozent bedeute. Im Handel gab es im Berichtszeitraum demnach 141 Betriebspleiten (plus acht Prozent), die rund 250 Arbeitsplätze (plus 57 Prozent) gekostet hätten.

Die Zahl der Liquidationen war hingegen in den ersten drei Trimestern 2023 rückläufig (minus 23 Prozent). Hier machte der Statec keine Angaben zur Höhe des Arbeitsplatzverlustes, verwies aber darauf, daß es sich bei mehr als 60 Prozent der liquidierten Unternehmen um Holdinggesellschaften und Investmentfonds gehandelt hat.

Daß der Pleitegeier munter kreist, liegt vor allem an der anhaltenden Energiekrise und der in EU-Europa vergleichsweise immer noch hohen Inflation. Zu beiden Krisen beigetragen haben der Krieg in der Ukraine, die vom Westen gegen Rußland verhängten Wirtschaftssanktionen, die monatelangen Unterbrechungen wichtiger Versorgungsketten, Rohstoffspekulationen und last, not least die Preistreiberei der Multis. Versteckt hinter der Behauptung, die hohe Inflation sei auf andere Ursachen zurückzuführen, haben insbesondere Großkonzerne in Branchen mit wenig Konkurrenz die Preise erhöht, ganz einfach, weil sie es konnten. Besonders aggressiv waren die Öl- und Energiemultis, die Lebensmittel- und Fleischverarbeitungsunternehmen sowie die Haus- und Wohnungseigentümer.