Auf der Flucht im eigenen Land
Begegnungen in Beirut mit Menschen aus dem Süden des Libanon
Die Notunterkünfte in Beirut werden vom Ministerium für Familie und Soziales verwaltet. Die Arbeit mit den Menschen, die dort untergebracht sind, wird von Freiwilligen absolviert. Das ehemalige allgemeine Krankenhaus von Beirut gehört der Familie Nawfal, in der es viele Ärzte gibt. Schon 2024 haben sie das Krankenhaus zur Verfügung gestellt, 140 Familien sind dort aktuell untergebracht. Fast alle Familien kommen aus den südlichen Orten an der »Blauen Linie«, der Waffenstillstandslinie zwischen Libanon und Israel.
Nun hat Israel fast alle Orte zerstört. Viele der Familien, die aktuell im Allgemeinen Beirut Krankenhaus wohnen, waren schon im Krieg 2024 hier untergekommen, erzählt Zahra, eine Studentin, die mit ihrer Familie schon damals aus Mais al Jabel fliehen mußte.
Strom ist knapp, es fehlt an Treibstoff
»Wir sind friedvolle Leute«, sagt ihr Vater im Gespräch mit der Autorin. Mais al Jabal liege genau an der »Grenze«. 25.000 Einwohner habe Mais vor Oktober 2023 gehabt. Er besaß ein Geschäft für Möbel, der Familie sei es gut gegangen. Seine Tochter Zahra übersetzt souverän, daß er der Regierung skeptisch gegenüberstehe. »Wenn Ministerpräsident Nawaf Salam in einem Moment großer Gefahr die libanesische Armee abzieht und uns, die Leute, dem Feind überläßt, was sollen wir dann denken?!« Ob der Premierminister ehrlich sei, wenn er die Menschen dem Feind überläßt? »Wir denken, daß Nawaf Salam von den USA in den Libanon geschickt wurde, um andere, nicht unsere Interessen zu vertreten«, fügt er hinzu. »Das ist, was wir sehen.«
Herr A. sitzt mit Teilen seiner Familie und Nachbarn aus seinem Heimatort in einem schmucklosen Gang der Notunterkunft, an dessen Ende sie mit Sesseln eine Sitzecke eingerichtet haben. Auf die Frage, wie sie sich informierten, sagen die Anwesenden, über soziale Medien sei man über das, was im Land geschehe, aktuell informiert. »Und wir verfolgen die Nachrichten aus Israel, den USA und dem Libanon«, sagt Herr A. »Über das Handy.« »Wenn wir Strom haben und Internet«, fügt seine Nachbarin hinzu. Alle lachen. Strom ist knapp, es fehlt an Treibstoff, um den Generator zu betreiben.
»Jeden Tag gibt es Tote«
Sie alle seien traurig, über das, was ihrer Heimat angetan werde, sagt Familienvater A.. Schon 2024 war ihr Ort von Israel weitgehend zerstört worden, jetzt sei alles dem Erdboden gleichgemacht und Israel habe begonnen Teile des Südlibanon zu besetzen. »Es heißt, daß die Waffen schweigen, seit es eine ‚Waffenruhe‘ gibt«, sagt Herr A. »Aber die Zerstörung durch die israelische Armee geht weiter, jeden Tag gibt es Tote.«
Auf die Frage, ob er ein Ende in Sicht sehe, zückt der Mann mit den Schultern. »Wir hoffen es«, sagt er. »Aber das wird nicht durch Reden gehen, sondern nur mit militärischer Stärke«, beantwortet er eine Frage, die als nächstes folgen sollte. »Was denken Sie denn über die Gespräche der Botschafter in Washington?« Israel habe »keine Ahnung von Diplomatie«, antwortet Herr A. »Selbst einige europäische Staaten haben Israel schon aufgefordert, seinen Kurs zu ändern.« Sie alle wollten Frieden, doch »nur der Widerstand wird Frieden durchsetzen können.«
Abu Ali, der gemeinsam mit einem Herrn Mohamed die Aufgabe der Koordination übernommen hat, berichtet von Hilfe, die engagierte Organisationen ihnen gebracht hätten.
Eine davon ist die Frauenorganisation Wardah Boutros, die entsprechend von Listen, die ihnen Abu Ali gibt, Sanitärboxen, Hygieneartikel, Kartons mit Grundnahrungsmitteln oder Öl gespendet hat. Die Hilfsgelder kommen durch Sammelaktionen im Ausland zusammen, aktuell soll das Krankenhaus wieder an das Stromnetz angeschlossen werden, damit Wasser in die Tanks auf dem Dach gepumpt werden kann und die Bewohner ihre Handys wieder aufladen können.
Wardah Boutros war eine Arbeiterin in einer Tabakfabrik und hatte sich 1946 an einem Streik für den Achtstundentag beteiligt. Der Inhaber der Fabrik war ein Franzose, das französische Mandat war gerade abgelaufen. Der damalige Innenminister mobilisierte die Armee, um den Streik niederzuschlagen. Die Soldaten schossen auf die Streikenden und Wardah Boutros, die in der ersten Reihe gestanden hatte, wurde getötet.
Jenseits der Hilfe von privater Seite erhalten die Vertriebenen täglich drei Mahlzeiten, die eine Großküche zubereitet. »Leider kommt das Essen sehr unregelmäßig«, sagt Abu Ali und zuckt mit den Schultern. »alle sind auf das Essen angewiesen, weil sie kein Geld haben, und weil es hier keine Küche gibt und sie daher nicht selbst kochen können.«
Im Fußballstadion gestrandet
Auch in dem größten Stadion von Beirut, im Camille Chamoun Stadium, sind Inlandsvertriebene untergebracht, und auch hier leben aktuell Familien, die schon 2024 in dem Stadion untergebracht waren. Das Stadion hat mehr als 48.000 Sitze, bis zum Beginn des Krieges 2024 war hier eine Basis der libanesischen Armee, die auch jetzt weiter hier einen Stützpunkt hat.
Betreut werden die Vertriebenen vom Libanesischen Roten Kreuz, von Freiwilligen. Sie kommen aus allen Teilen des Landes, manche arbeiten schon seit den 1980er Jahren für das Rote Kreuz. 1.360 Inlandsvertriebene sind zur Zeit dort registriert, rund 300 Familien, die in 300 Zelten leben, die in den Sammelräumen unter den Sitzrängen des Stadions aufgebaut sind. Neben den Zelten wurde eine Trinkwasseranlage aufgebaut, Toiletten- und Waschmöglichkeiten, in zwei gesonderten Bereichen sind Wohnmöglichkeiten für Menschen mit Behinderungen, die Rollstühle benötigen und wo Rampen errichtet wurden.
»Unser Dorf, unser Land liegen uns am Herzen«
Die Frauen putzten jeden Morgen vor den Zelten, sagt ein Freiwilliger, der die Autorin bei einem Rundgang begleitet. Auch Männer würden immer häufiger zu Besen und Handfeger und helfen. Je nachdem, wie viele Personen eine Familie hat, gibt es drei oder auch mehr Zelte, auf jedem Zelt steht, wie viele Personen darin wohnen. Täglich ist eine mobile Klinik des Roten Kreuzes geöffnet, es gibt Strom vom Generator, der nachts um 1 Uhr abgestellt wird. Auch Solarpanele sind installiert.
Essen wird von einer Großküche im Auftrag des Welternährungsprogramms der UNO geliefert: Frühstück, Mittag- und Abendessen. Alle 14 Tage erhalten die Familien zudem eine Box mit Fertigmahlzeiten, doch vor allem die älteren Menschen leiden darunter, nicht selber das kochen zu können, was sie kennen und mögen.
Die Inlandsvertriebenen kommen aus dem Südlibanon, aus dem Süden von Beirut, der auch massiv von Israel bombardiert wurde, und aus der Bekaa-Ebene. Die Versorgung der Menschen ist gut, vergleicht man es mit anderen Notunterkünften. Doch kein Ort und niemand kann den Vertriebenen ihr Zuhause ersetzen.
»Unser Dorf, unser Land liegen uns am Herzen«, sagt die 71-jährige Zeinab Ridha im Gespräch mit der Autorin. »Wir sind alle traurig, weil wir nicht wissen, ob und wann wir in unser Dorf zurückkehren können.« Die Frau stammt aus Markaba, direkt an der Grenze zu Israel. Sie habe nie geheiratet, früher habe sie als Buchhalterin in einem Schnellrestaurant gearbeitet. In Markaba habe sie mit Mutter und Schwester dann auf einem Hof gelebt, der ihnen gehört habe. Sie bauten Kräuter und Gemüse an, genug für die kleine Familie. Von ihrem Bruder hätten sie monatlich etwas Geld bekommen.
…endlich in Frieden leben
Seit der Krieg 2024 begonnen habe, mußte sie drei Mal fliehen. So schlimm wie jetzt, sei es noch nie gewesen. Sie sei mit ihrer Schwester erst nach Südbeirut geflohen, wo Angehörige der Familie leben. Weil auch dort bombardiert wurde, seien sie alle zum Stadion gezogen. Die Familie habe 14 Personen, sie lebten jetzt in drei Zelten.
Nichts könne sie jetzt tun, nur warten, sagt Zainab Ridha. Sie kümmere sich um die Enkelkinder. Alles was sie wolle sei, nach Hause zu gehen und endlich in Frieden zu leben. Die anderen Staaten der Welt müßten eine Lösung für das Problem finden.
Was das Problem sei? Das Problem ist Israel, seit mehr als 80 Jahren. Sie und ihre Familie hätten alles erlebt. Immer wieder sei Israel in den Libanon eingefallen und habe versucht, sie zu vertreiben. Donald Trump sage immer, er wolle Frieden machen und beginne einen Krieg nach dem anderen.
Foto Lebanon Markaba 19.10.2024
Die Heimat von Zainab Ridha, Markaba im Süden des Libanon, wurde bereits am 19. Oktober 2024 durch Angriffe der israelischen Armee weitgehend zerstört. (Foto: EPA/STRINGER)

