Gesellschaftlichen Fortschritt nicht herschenken
Am kommenden 12. März sind Sozialwahlen. Angesichts der bereits stattfindenden und mit Blick auf weitere mögliche Konflikte in den kommenden mindestens fünf Jahren unter konservativ-wirtschaftsliberaler Fuchtel weiteren zu befürchtenden Sozialkonflikte eine Wahl, die nichts an Wichtigkeit verloren hat, eher im Gegenteil.
Es steht zu befürchten, daß unsere ohnehin bereits rückständige Gesellschaft in Bezug auf Themen, wie work-life-balance, Wochen- und Lebensarbeitszeit oder ein Wohnen in Würde noch weiter ins Hintertreffen geraten wird, obschon Luxemburg weiterhin Heimat teils obszönen Reichtums ist.
Dort, wo es möglich ist, muß das Home Office endlich umfassend geregelt und zum Recht werden. In der Pandemie haben wir gesehen, wie viel technische Möglichkeiten zur Modernisierung der Arbeitswelt bereits möglich sind, und wie wenig davon, sei es aus Bürokratie oder aus Mißtrauen der Betriebe gegenüber ihren Angestellten, zurückbehalten wurde.
Stattdessen fordern die Unternehmen Flexibilisierungen in ihrem Sinne mit weiteren Deregularisierungen und Anhebungen der Arbeitszeiten, obschon mittlerweile immer mehr Menschen, insbesondere Schul- und Studienabgänger, keine Arbeit mehr finden. Eine Verkürzung von Wochen- und Lebensarbeitszeit wird oft selbst aus Reihen der Lohnverpflichteten von politisch Unbedarften mit der Frage gekontert, wer das denn bezahlen solle. Dabei ist es längst »bezahlt«:
Die seit dem letzten Weltkrieg massiv gestiegene Produktivität, nicht zuletzt durch fortschreitende Technisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt hat, entgegen der nicht nur sozialistischen Vorstellungen aus dem letzten Jahrhundert, daß Lohnarbeit im Alltag immer weiter an Bedeutung verlieren werde, wenn der geschaffene Wohlstand weiter wächst, zu nichts dergleichen geführt. Die geschaffenen Überschüsse wurden abgeschöpft, und die Beschäftigten stehen weiterhin vor einer Arbeitsmauer, die ihnen eine individuelle Entfaltung, mehr Zeit für die Kindererziehung, eigene Bedürfnisse oder Sorgenfreiheit im Alter weiterhin erschwert. Im Gegenteil wird in patronalen Kreisen bereits über weitere Verschlechterungen, wie neue Anhebungen des Rentenalters oder eine Ausweitung der Wochenarbeitszeit fantasiert, was von der neuen Regierung geliefert werden dürfte. Zuvor allerdings werden kleine finanzielle Bonbons ans Volk verteilt, um Sorgen zu zerstreuen.
Der weiter oben angesprochene Reichtum, an den jeder denkt, wenn das Gespräch auf Luxemburg fällt, dürfte weiterhin unangetastet bleiben. Doch auch die vergangene sozialliberale Koalition, von der man es eher erwartet hätte, brachte diesbezüglich nichts Brauchbares zustande, und dies in immerhin zehn Jahren Amtszeit. Das Geld zur Finanzierung von Renten und Steuerausgaben für Infrastrukturen oder das Gesundheitssystem wird vermutlich auch weiterhin dort geholt, wo ohnehin immer weniger vorhanden ist, während sich die Reichen und Industriellen aus jeder sozialer Verantwortung stehlen dürfen, insbesondere jener, für die Kosten von Streß, psychischen und physischen Erkrankungen aufzukommen, die steigende Arbeitshetze und Unvereinbarkeit von Lohnarbeit und Privatleben mit sich bringen.
Luxemburg: Ein reiches Land mit wachsender Armut, stagnierender Gesellschaftsentwicklung und Integrationspolitik, mit veralteten Strukturen in Arbeitswelt und Mobilität. Fortschritte müssen mit deutlicherem Druck angestoßen werden, als in den vergangenen Jahren. Auf die Gnade dieser Regierung sollte niemand warten.
