Kultur28. Februar 2026

»A moon will rise from the darkness«

Ein Buch von Francesca Albanese, das zum gründlichen Nachdenken auffordert

von Karin Leukefeld, Beirut

Ein Mond wird aus meiner Dunkelheit aufsteigen«. Die leicht geänderte Zeile stammt aus einem Gedicht von Mahmoud Darwish, dem großen palästinensischen Dichter und einem der wichtigsten arabischen Autoren. Der 1941 in dem palästinensischen Dorf Al Birwa, östlich von Acre geborene Darwish hat Flucht und Vertreibung, Verlust und Exil mit hunderttausenden Palästinensern geteilt. Für ihr Leid, ihre Trauer, ihr Dasein in der Fremde und die Verbundenheit mit ihrer Heimat fand er Worte, die jeder verstand, die stärkten.

»Ein Mond wird aus der Dunkelheit aufgehen« ist der Titel eines Buches, das »Berichte von Israels Völkermord in Palästina« enthält, wie der Untertitel sagt. Das Buch ist im Herbst 2025 in englischer Sprache mit der ISBN 9780745352312 bei Pluto Press in London erschienen und hat 224 Seiten. Das Titelbild »Kinder von Gaza träumen vom Frieden« wurde von Malak Mattar gemalt, einer palästinensischen Künstlerin aus Gaza. Sie ging als Kind in die UNRWA-Schulen, wo ihre Mutter als Lehrerin unterrichtete. Das Buch erschien parallel in Britannien und in den USA. Alle Erlöse aus dem Verkauf gehen an die UNO-Hilfsagentur für palästinensische Flüchtlinge, UNRWA.

Autorin des Buches ist Francesca Albanese, die UNO-Sonderberichterstatterin für die Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten (OPT). Es dokumentiert die drei Berichte der Sonderberichterstatterin, die sie während des israelischen Krieges gegen Gaza für den UNO-Menschenrechtsrat und die UNO-Vollversammlung verfaßt hatte: »Die Anatomie eines Völkermordes«; »Völkermord als koloniale Auslöschung«; »Von der Besatzungsökonomie zur Ökonomie des Völkermordes«.

Den Berichten und einer von Francesca Albanese verfaßten Einleitung vorangestellt ist das Vorwort der Herausgeber Mandy Turner und Lex Takkenberg sowie ein Vorwort der drei Vorgänger von Francesca Albanese im Amt: Richard Falk, Professor für Internationales Recht (Emeritus) an der Princeton Universität, der von 2008 bis 2012 UNO-Sonderberichterstatter OPT war; John Dugard, Professor für Recht an der Universität Witwatersrand und Leiden (Emeritus), UNO-Sonderberichterstatter OPT von 2001 bis 2008; Michael Lynck, er unterrichtete Recht an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, Western Universität London 1999 bis 2022, Professor Emeritus (2023), der von 2016 bis 2022 als UNO-Sonderberichterstatter OPT tätig war.

Ergänzt wird das Buch von einem umfangreichen Anhang mit Anmerkungen und Quellen zu den einzelnen Kapiteln, die zu eigenen Recherchen auffordern. Beigegeben sind dem Buch zu Beginn auf fünf Seiten Stimmen hochrangiger mit der Region und den Palästinensern vertraute Persönlichkeiten, darunter Ilan Pappe, Prinz Hassan Bin Talal von Jordanien, Craig Mukhiber, Andrew Feinstein, Avi Shlaim, Ramzy Baroud und viele weitere. Stellvertretend seien hier zwei der Kommentare wiedergegeben.

Raz Segal, außerordentlicher Professor für Studien des Holocaust und Völkermord an der staatlichen Stockton Universität Galloway in New Jersey, schreibt: »Der Mond wird aufgehen in der Dunkelheit« spiegelt das furchtlose Streben von Francesca Albanese nach Wahrheit, ihren Kampf für Rechenschaftspflicht und ihren Glauben an eine andere Welt wider, die tatsächlich schon aufgeht.«

Und hier Ghassan Abu Sitta, Professor für Chirurgie an der Amerikanischen Universität von Beirut und leitender Rektor der Universität von Glasgow. Er schreibt: »Als ich Ende November 2023 aus Gaza zurückkam, wurde mir klar, daß Israel nur die Spitze des völkermörderischen Eisbergs war. Der Rest war ein Apparat der das möglich machte. Ein System aus Staaten, Institutionen und Einzelpersonen, sicherte die Fortdauer eines Völkermordprojekts, das nun bereits in seinem dritten Jahr ist. Dieses Buch analysiert diesen Apparat und beleuchtet seine konstitutiven Komplizen.«

Den Nerv getroffen

»Sieht aus, als hätte ich einen Nerv getroffen«. So reagierte Francesca Albanese im Juli 2025 auf die Erklärung von USA-Präsident Donald Trump, seine Administration habe sie auf die Sanktionsliste gesetzt. Vorangegangen war ein »vertrauliches Schreiben«, das Francesca Albanese an mehrere der mächtigsten Unternehmen im Frühjahr 2025 geschrieben hatte. Unter den Empfängern waren u.a. Alphabet, Amazon, Caterpillar, Chevron Hewlett Packard, IBM, Lockheed Martin, Microsoft und Palantir.

Francesca Albanese informierte die Adressaten darüber, daß ihre Namen bald in einem UNO-Bericht stehen würden, weil sie »zu schweren Menschenrechtsverletzungen beitragen«, die Israel in Gaza und im Westjordanland verübe. Die Unternehmen, deren Chefs bestens in den höheren Spären der USA vernetzt sind, wandten sich hilfesuchend an das Weiße Haus, berichtete kurz darauf die Nachrichtenagentur Reuters. Die Trump-Administration verhängte gegen Francesca Albanese Sanktionen, weil sie »Drohbriefe geschrieben« habe.

Die Verleumdungen, der Haß, die Verfolgung, mit der die UNO-Sonderberichterstatterin überzogen wird, erinnern an mittelalterliche Verfolgungsjagden. Daß der Vergleich nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen Äußerungen des israelischen Botschafters bei der UNO, Danny Danon, in der UNO-Generalversammlung im Oktober 2025. In ihrem Bericht »Gaza Völkermord: Ein kollektives Verbrechen« hatte Francesca Albanese die internationale Gemeinschaft der Komplizenschaft beschuldigt, weil sie den Krieg Israels gegen die Palästinenser unterstützten und geschehen ließen. Botschafter Danon beschuldigte die Berichterstatterin, »Israel mit Lügen und Haß zu verfluchen«. Sie sei »eine Hexe« und ihr Bericht sei eine weitere Seite in ihrem »Buch der Verwünschungen«.

Wenn sie »hexen« könnte, reagierte Francesca Albanese, würde sie dafür sorgen, daß Israels Verbrechen »ein für alle Mal ein Ende hätten«.

Israels Unterstützer sind empört

Der breiten Kampagne gegen Francesca Albanese schlossen sich kürzlich auch die Außenminister Frankreichs und Deutschlands an. Jean-Noël Barrot und Johann Wadephul forderten ihren Rücktritt. Albanese habe sich bereits »mehrfach Ausfälle« geleistet, nach »den jüngsten Ausfällen gegenüber Israel« sei sie »in ihrer Position unhaltbar«, so der christlich-demokratische Außenminister Wadephul. Barrot warf ihr »Antisemitismus« vor und erklärte für die französische Regierung, man verurteile »vorbehaltlos die übertriebenen und schuldhaften Äußerungen von Frau Francesca Albanese, die sich nicht gegen die israelische Regierung richten, deren Politik man kritisieren darf, sondern gegen Israel als Volk und Nation, was absolut inakzeptabel ist«.

Auslöser war eine angebliche Aussage, die Francesca Albanese bei einem kurzen Videobeitrag anläßlich eines Podiums auf der Doha Konferenz des Senders »Al Jazeera« gemacht haben soll. Laut einer Übersetzung von Amnesty International (London) sagte sie: »Die Tatsache, daß die meisten Länder der Welt Israel nicht gestoppt, sondern bewaffnet, ihm politische Ausreden, politischen Schutz, wirtschaftliche und finanzielle Unterstützung gegeben haben […] Wir, die wir keine großen Finanzmittel, Algorithmen und Waffen kontrollieren, sehen jetzt, daß wir als Menschheit einen gemeinsamen Feind haben und daß Freiheiten, die Achtung der Grundfreiheiten, der letzte friedliche Weg, das letzte friedliche Instrument sind, das wir haben, um unsere Freiheit zurückzugewinnen.“ Die beiden Minister dagegen hatten Albanese vorgeworfen, sie habe Israel als »gemeinsamen Feind« der Menschheit bezeichnet.

Amnesty forderte die Minister in Österreich, Tschechien, Frankreich, Deutschland und Italien auf, sich öffentlich für die Falschaussagen zu entschuldigen und alle Forderungen gegen sie zurückzunehmen. Einige hätten ihre Kommentare in den sozialen Medien gelöscht, das reiche nicht, erklärte die Organisation. Die Regierungen müßten untersuchen, wie es zu derartigen Falschinformationen gekommen sei und warum ein »absichtlich gekürztes Video« mit dem die Aussagen von Albanese falsch dargestellt und grob verdreht wurden, nicht überprüft worden sind.

»France 24« (englisch) hat mittlerweile ebenfalls in seiner Sendung »Wahrheit oder Lüge« (Truth or Fake) nachgewiesen, daß die Vorwürfe nicht stimmen.

Den Ministern und ihren Mitarbeitern sei das Buch von Francesca Albanese empfohlen. Eigentlich sollten sie – in dem Amt, im dem sie sich aufhalten – sämtliche Berichte der UNO-Sonderberichterstatterin gelesen haben. Eigentlich wäre das ihre Aufgabe, und eigentlich hätten sie längst ihre Unterstützung für Israel einstellen müssen, wenn das Internationale Recht und die UNO-Charta für sie noch eine Bedeutung hätten.

Gerade darauf hat Francesca Albanese unermüdlich aufmerksam gemacht: Regierungen, Unternehmen und Einzelpersonen machen sich mitschuldig, wenn sie der Auslöschung der Palästinenser in Gaza und im Westjordanland, der Vernichtung von deren Lebensgrundlagen und Rechten nicht entgegentreten, und wenn sie nicht die Hilfe, Finanzierung, Waffenlieferungen an und Waffenkäufe von Israel einstellen.

»Eine Metapher für Hoffnung und Kraft

Das Buch »Ein Mond wird aufsteigen aus der Dunkelheit« wurde im Oktober 2025 fertiggestellt. Zu diesem Zeitpunkt dauerte der Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser in Gaza seit zwei Jahren an, und habe sich »mit Gewalt, ethnischer Säuberung, Apartheid und drohender Annexion des verbliebenen historischen Palästina beschleunigt«, heißt es im Vorwort der Herausgeber Mandy Turner und Lex Takkenberg.

Die Zeile aus dem Gedicht von Mahmud Darwish sei »eine Metapher für Hoffnung und Kraft selbst in den dunkelsten Zeiten.« Das Buch sei »den vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Kämpfen des palästinensischen Volkes um Freiheit, Gerechtigkeit und Würde« gewidmet. Bis dieser Tag der Freiheit komme, werde man »reden und sich allen Versuchen widersetzen, Stimmen für Palästina zum Schweigen zu bringen«.

Francesca Albanese widmet ihre kurze Einführung vor den drei ausführlichen Berichten, die den Kern des Buches ausmachen, denjenigen, die sie während der Ausbildung auf einen Weg gebracht haben, der sie an den Punkt brachte, an dem sie heute steht. Sie bedankt sich bei allen, die seit Oktober 2023 ihre Arbeit unterstützt haben, besonders auch bei ihren Vorgängern im Amt, die sie bestätigt haben.

Das Leben in Gaza sei »schmerzhaft und apokalyptisch«, schreibt sie. Apokalypse bedeute im Griechischen allerdings auch »aufdecken« und »entschleiern«. In Gaza sei nun offen, was lange verborgen gewesen sei, vieles käme ans Licht, fordere Aufmerksamkeit und Handeln. Veränderung werde vorbereitet und jede Veränderung bringe hohe Kosten mit sich.

Jeder sei gefragt angesichts dessen, was in Gaza geschehe, jeder Mensch, jede Gesellschaft. »Der Bogen der Geschichte neigt sich nur dann in Richtung Verantwortlichkeit, wenn wir uns weigern wegzuschauen«, so Francesca Albanese. »Und sagen, was ist.«