Leserpost
Diplomatie ist kein Makel, sondern die Pflicht eines Außenministers
Mit großem Erstaunen und ehrlich gesagt auch mit Entsetzen habe ich den Kommentar von Diego Velázquez zu Xavier Bettel gelesen.
Darin wird suggeriert, Bettel sei »in Putins Falle getappt«, weil er es wagt, über Vermittlung und Gespräche nachzudenken. Wenn die Suche nach diplomatischen Lösungen inzwischen bereits als Falle gilt, stellt sich die Frage, welchen Weg die Kritiker eigentlich noch sehen.
Ich sehe die Sache genau umgekehrt.
Xavier Bettel verdient Anerkennung für seinen Mut. Denn offenbar gehört heute mehr Mut dazu, über Dialog und Vermittlung zu sprechen, als immer neue Forderungen nach Aufrüstung, Waffenlieferungen und Druck zu unterstützen.
Besonders erstaunt mich diese Kritik vor dem Hintergrund der jüngsten Warnungen von Professor Jeffrey Sachs. Sachs ist nicht irgendein Kommentator. Er ist Professor an der Columbia University, Berater von Regierungen und internationalen Institutionen und seit Jahrzehnten einer der bekanntesten Ökonomen und geopolitischen Analysten der Welt.
Bereits zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate schlägt Sachs öffentlich Alarm. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz warnt er eindringlich vor einer direkten Konfrontation zwischen Europa und Russland. Er begründet dies nicht mit Schlagworten, sondern mit einer langen Kette politischer Fehlentscheidungen und gescheiterter diplomatischer Chancen. Er verweist auf die Kontroversen um die NATO-Osterweiterung, auf die Ereignisse von 2014, auf das Scheitern von Minsk II, auf die nie verwirklichten Friedensverhandlungen von Istanbul im Jahr 2022, auf die Folgen der Nord-Stream-Zerstörung sowie auf die zunehmenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Kosten der Eskalation für Europa.
Seine Schlussfolgerung ist eindeutig: Europa braucht dringend eine Rückkehr zur Diplomatie, bevor aus dem Krieg in der Ukraine eine noch größere europäische Katastrophe wird.
Genau deshalb irritiert mich die Kritik an Bettel. Wenn selbst die Diskussion über Vermittlung und Gespräche bereits problematisch sein soll, welche Alternative bleibt dann noch? Immer mehr Waffen? Immer mehr Eskalation? Immer mehr Tote?
Ein Außenminister hat nicht die Aufgabe, Kriege zu verwalten oder ihre Fortsetzung zu begleiten. Seine Aufgabe besteht darin, Wege zum Frieden zu suchen.
Die Geschichte Europas lehrt etwas Einfaches: Jeder Krieg endet irgendwann am Verhandlungstisch. Die Frage ist nur, wie viele Menschen bis dahin noch sterben müssen.
Deshalb begrüße ich ausdrücklich, dass Xavier Bettel den Mut hat, über Dialog und Vermittlung zu sprechen.
Nicht das ist naiv.
Naiv ist die Vorstellung, Frieden könne ohne Diplomatie entstehen.
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Unsere Leserin reagiert auf einen Leitartikel in der Freitagausgabe (29. Mai) im »Luxemburger Wort«

