Ausland11. Februar 2026

Libanon

Von Schlagzeilen und hinter den Schlagzeilen

von Karin Leukefeld, Beirut

In den Nachrichten der libanesischen Tageszeitungen zeichnen sich die vielen Schwierigkeiten ab, denen die Libanesen trotzen müssen.

Die Schlagzeilen des Tages behandelten am Montag die Gespräche zwischen den USA und dem Iran in Oman, den Einsturz eines Wohnhauses in Tripoli und eine »Südlibanon-Tour« von Prmier Nawaf Salam. In den weitgehend zerstörten Orten Khiam und Kfar Kila machte Salam Versprechungen, von denen jeder im Libanon weiß, daß er sie nicht halten wird und kann.

Der Wiederaufbau soll nach Aussage des Regierungschefs mit einer Summe von 360.000 Millionen US-Dollar beginnen. 250 Millionen USD gibt die Weltbank als Kredit, die Französische Entwicklungsagentur hat 75 Millionen Euro zugesagt, die Europäische Union, Frankreich und Dänemark wollen 35 Millionen Euro als Beihilfe für Landwirtschaft und lokale Kooperativen beisteuern. Die Hilfe, die der Iran vor mehr als einem Jahr für den Wiederaufbau angeboten hatte, wurde von der libanesischen Regierung unter dem Druck aus Israel und den USA abgelehnt. Laut Angaben der Weltbank soll der Wiederaufbau 4,8 Milliarden US-Dollar kosten.

Hisbollah verurteilt Aggression

Die israelische Armee bombardiert und zerstört derweil täglich weiter die libanesische Infrastruktur. Mit mehr als 2.000 Luftangriffen im Oktober, November und Dezember 2024 verletzte die israelische Armee die Waffenruhe unmittelbar nach der Vereinbarung. Im zweiten Halbjahr 2025 wurde der Libanon mindestens 110 Mal bombardiert, so die Hilfsorganisation Norwegian Refugees Council (NRC). Im Januar 2026 zählte NRC mindestens 50 Luftangriffe aus Israel. NRC listet nur Angriffe mit Kampfjets auf, Drohnen-Angriffe und auch illegale Grenzübertritte der israelischen Armee auf libanesisches Territorium werden nicht mitgezählt. Mehr als 64.000 Personen sind weiterhin aus ihren Dörfern im Südlibanon vertrieben. Auch libanesische und UNO-Soldaten werden attackiert.

Die Hisbollah verurteilte am Montag die anhaltenden israelischen Angriffe vom Wochenende im Südlibanon. Die »gefährliche Aggression des israelischen Feindes, der in die Stadt Al Habariya (Bezirk Hasbaya) eingefallen ist und einen Offiziellen der Islamischen Gruppe aus seinem Haus entführt, ihn und seine Familie terrorisiert hat« deute auf eine neue Phase der Eskalation. Es handle sich um Atwi Atwi, der in der Gruppe Al-Jama al-Islamiya für Hasbaya und Marjeyoun zuständig sei. Die Hisbollah verurteilte auch zwei Angriffe auf ein Fahrzeug in Yanouh (Bezirk Tyros), bei dem drei Personen, darunter ein Kind getötet wurden. Hinzu kam ein tödlicher Angriff auf eine Person in Aita al-Shaab. Die Eskalation bestätige die Politik Israels, »die auf Mord, Terror, Piraterie und der kompletten Mißachtung der Souveränität des Libanon« basiere.

Man rechne mit einer neuen Phase israelischer Aggression. Entführungen, Angriffe und Verschleppungen zeigten, daß die gesamte Bevölkerung des Südens direkter und ständiger Gefahr ausgesetzt sei. Es fehle an Schutz und Abwehr für die Menschen, während der Feind, Israel frei von jeglicher Kontrolle, ohne Respekt für das internationale Recht und Abkommen vorgehe.

Der Alltag hinter den Schlagzeilen

In der Rubrik der »anderen wichtigen Nachrichten« berichtet die »L’Orient Le Jour« am Montag unter anderem darüber, daß Kuwait »acht libanesische Krankenhäuser im Südlibanon, der Bekaa Ebene und den südlichen Vororten von Beirut als terroristische Einrichtungen« gelistet habe.

Die libanesische Regierung befasse sich mit der »Anpassung der Gehälter« im öffentlichen Dienst, die seit dem Bankenkrach 2019 noch immer nur »einen Bruchteil ihres Wertes« von vor 2019 betrügen.

Das von der Hisbollah betriebene Kleinkreditunternehmen Al Qard al-Hassan kann für drei Monate seine Wohnungshilfe für Inlandsvertriebene wieder aufnehmen. Während des Krieges 2024 waren diese Einrichtungen gezielt von Israel zerbombt worden. Israel behauptete, es handele sich um »die Finanzstruktur der Hisbollah«, Mitarbeiter des Unternehmens wurden von den USA auf die Sanktionsliste gesetzt worden, weil sie eine von der »Hisbollah kontrollierte Finanzeinrichtung« geführt hätten.

Katastrophe mit Ansage

Zu den Schlagzeilen des Tages gehören auch Fotos und ein ausführlicher Bericht über den Einsturz eines Wohngebäudes in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli. Es sei bereits das fünfte Haus, das in diesem Winter in Tripoli eingestürzt sei, berichtet »L’Orient Le Jour«. Bis zum Montagmorgen seien 14 Tote aus den Trümmern geborgen worden, darunter auch alte Menschen und Kleinkinder. Nach Angaben des Zivilschutzes wurden noch zehn Personen unter den Trümmern vermutet. Der Bürgermeister von Tripoli sei zurückgetreten. Abdul Hamid Karimeh begründete den Rücktritt damit, daß die Stadt »zerstört« sei. Die Stadtverwaltung habe kein Geld und keine Mittel, um die Schäden zu beheben, die an vielen Gebäuden bestehen.

Die Regierung rief alle Libanesen auf zu helfen. Die Zivilschützer sollten sich auf die Aufnahme von Vertriebenen vorbereiten, die sichere Unterkünfte brauchen. Die Regierung kündigte Unterstützung an und erklärte, die Krankenhauskosten für die Verletzten zu übernehmen. Innen- und Justizminister sollen in Tripoli die Arbeit vor Ort zu überwachen. Ministerpräsident Salam kündigte finanzielle Unterstützung in Form von Wohngeld für diejenigen an, die aus ihren unsicheren Häusern evakuiert werden.

Viele Menschen hatten schon am Sonntag gegen die städtischen Behörden protestiert, denen sie Untätigkeit vorwarfen. Seit langem seien die Probleme bekannt, doch niemand habe etwas zum Schutz der Bewohner der maroden Häuser unternommen.

Der Einsturz traf ein Wohngebäude in Bab al-Tabbaneh, einem ärmlichen Viertel in Tripoli. Angrenzende Gebäude seien evakuiert worden, weil auch diese einsturzgefährdet seien. Seit Beginn des Winters sind bereits vier Gebäude eingestürzt. Der Verband der Immobilienbesitzer forderte eine landesweite Untersuchung von einsturzgefährdeten Gebäuden und warf dem Staat Fahrlässigkeit vor. Die Katastrophe sei vorhersehbar gewesen, man weise seit Jahren daraufhin, daß Tausende Gebäude in Tripolis und im ganzen Land eine unsichere Bausubstanz hätten.

In einem gemeinsamen Bericht von UN Habitat und UNICEF wurde bereits 2018 Tabbaneh als »einkommensschwaches, benachteiligtes Viertel« beschrieben, mit »schwacher öffentlicher Sozial- und Grundversorgung« und »begrenzten Lebensgrundlagen«. Die Einwohnerzahl wird damals mit 20.499 Personen angegeben, rund 17 Prozent waren Syrer und palästinensische Flüchtlinge aus Syrien. Die Probleme der Bevölkerung wachsen angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und chronischen Erkrankungen. 51 Prozent der Wohnhäuser benötigten schon 2018, als der UNO-Bericht entstand, umfassende Reparaturmaßnahmen und »Notfallinterventionen«.

Tripoli gilt als eine der ärmsten Städte im Libanon. Söhne der Stadt sind allerdings auch der langjährige Ministerpräsident Najib Mikati und sein Bruder Taha, die von »Forbes« mit jeweils 3,1 Milliarden US-Dollar als die beiden reichsten Männer des Libanon gelistet werden. Ihr auf Telekommunikations-Firmen beruhender Reichtum hat für Tripoli und seine Bewohner ebenso wenig Fortschritt gebracht, wie viele Worte verschiedener Regierungen.