Frankreich erleidet größte Überschwemmungen seit 1959
Schäden summieren sich schon auf eine Milliarde Euro
Außergewöhnlich starke Regenfälle haben vor allem in West- und Südwestfrankreich zu zahlreichen sehr intensiven Hochwassern geführt, die alle Rekorde übersteigen, die in der seit 1959 geführten Wasserstandstatistik der staatlichen Wetterbehörde Météo France verzeichnet sind. Experten bezeichnen die Lage als »beispiellos«. Das für die Jahreszeit nicht unübliche Ansteigen der Flüsse hat die Situation dadurch verschärft, dass seit Anfang des Monats die Stürme Nils und Pedro große Regengebiete vom Atlantik in Richtung Frankreich geschoben haben. Die Regenmassen konnten nicht oder nur schleppend versickern, weil der Boden schwer oder kaum wasserdurchlässig ist.
Die Stürme haben viele durch die Überschwemmungen gelockerte Bäume entwurzelt und umgestürzt, so dass es zu Unterbrechungen der Stromversorgung kam und ganze Ortschaften tagelang im Dunkeln lagen. Viele Gegenden haben in den vergangenen Wochen 35-40 Tage Regen in Folge erlebt. Einen so »nassen« Februar hat es seit 1959 noch nie gegeben. Der Dauerregen führte zu hochgradig gesättigten Böden, was die Gefahr von Flussüberschwemmungen dramatisch erhöhte. Besonders betroffen war der Unterlauf der Flüsse Garonne, Loire und Charente, die vielerorts über die Ufer traten.
Verschärft wurde das noch dadurch, dass die Stürme Meereswasser in die Flüsse drückten und deren Wasser dadurch auf die umliegenden Niederungen auswich. Das führte zu Überschwemmungen von einem bis drei Metern über Normal, so dass in ganzen Straßenzügen und Ortsteilen Läden und Wohnungen im Erdgeschoss unter Wasser standen. Allein im Departement Lot-et-Garonne mussten seit Anfang Februar etwa 1.700 Menschen evakuiert werden. In der Kleinstadt Saintes standen zeitweise 2.000 Wohnungen unter Wasser. In den meisten betroffenen Gemeinden funktioniert die Wasseraufbereitung nicht, so dass das Leitungswasser ungenießbar ist und die Behörden Trinkwasser in Plastikflaschen verteilen lassen.
In manchen Ortschaften erleben die Einwohner bereits ihre achte Überschwemmung in zehn Jahren. Vielerorts mussten die betroffenen Menschen feststellen, dass die Überschwemmungen in diesem Jahr ihre schlimmen Erfahrungen von früheren Wetterkatastrophen weit in den Schatten gestellt haben und dass es beispielsweise längst nicht mehr reicht, den Kühlschrank oder andere Möbelstücke einen halben bis einen Meter hoch auf Ziegelsteinstapel zu setzen, um sie über dem Wasserspiegel zu halten.
In einigen Orten haben sich die Überschwemmungen wiederholt, nachdem das Hochwasser schon einmal zurückgegangen war und man mit dem Aufräumen begonnen hatte. Die Behörden heben die Einsatzbereitschaft und Effizienz von Feuerwehr und Technischem Hilfswerk, der Energieunternehmen und der Telekommunikationsbetriebe hervor, aber auch die Solidarität der betroffenen Bewohner untereinander. Glücklicherweise kam es insgesamt nur zu kaum einem halben Dutzend Todesfällen, weil Menschen ertrunken sind oder durch umstürzende Bäume ums Leben kamen. Seitens der Regierung steht für die am stärksten in Mitleidenschaft gezogenen Gebiete die Ausrufung des Naturkatastrophenzustands unmittelbar bevor, was die Begutachtung durch die Versicherungen und erste Zahlungen beschleunigen wird. Die Versicherungen schätzen, dass sich die Schäden seit Ende Januar schon auf mindestens eine Milliarde Euro summiert haben.
Klima- und Wetterexperten rechnen damit, dass es solche extremen Überschwemmungen durch die Klimaerwärmung und die Destabilisierung der Großwetterlagen künftig immer öfter geben wird. Umweltverbände verweisen darauf, dass solche Wetternotlagen zumeist durch Menschen verursacht werden.
»Die intensive Landwirtschaft und die hemmungslose Urbanisierung mit flächendeckender Betonierung haben zu einer katastrophalen Verarmung der Böden geführt«, stellt die Hydrologie-Ingenieurin Charlène Descollonges fest. »Sie können das Wasser nicht mehr wie einst aufnehmen und verwerten, sondern lassen es bei großen Regenfällen wie jetzt einfach nur abfließen. Dadurch häuft sich vor allem im regenreicheren Westen des Landes die Hochwassergefahr.«
Vielerorts habe der Mensch in die Natur eingegriffen und wundere sich nun über die Folgen. So wurden natürliche Feuchtgebiete, die eine ausgleichende Funktion hatten, durch die Drainage von Ackerböden trockengelegt. »Monokulturen ließen den Ackerboden in bedenklicher Weise verarmen«, meint Charlène Descollonges. Durch die Entfernung von Hecken zwischen den Äckern und durch den massiven Einsatz von Chemikalien wurde nicht nur die Artenvielfalt dramatisch verringert, sondern auch die natürliche Zusammensetzung und die Stabilität des Bodens, der jetzt schutzlos dem Wind ausgesetzt ist. »Durch die Begradigung des natürlichen Verlaufs von Bächen und Flüssen wurden regelrechte Hochgeschwindigkeits-Kanäle geschaffen, in denen das Wasser nur noch schnell in Richtung Mündung gelenkt wird und wo es über die Ufer tritt, wenn die Massen zu groß werden.«
Foto Cheffes, France

