Leitartikel24. Dezember 2025

Der Kern der Weihnachtsbotschaft

von Alain Herman

Weihnachten ist eines jener »abendländischer« Feste, die man nur erträgt, wenn man sie gegen den Zeitgeist liest. Zu gründlich ist seine Entkernung betrieben worden, zu erfolgreich die Verwandlung einer ursprünglich historischen Provokation in ein gefälliges Ritual, das sich widerspruchslos in die Logik von Markt, Konsum, sentimentalistischem Opium und staatlicher Selbstvergewisserung einfügt. Gerade deshalb lohnt es sich, die zweitausendjährigen Wurzeln der Hoffnungsfeier unter die Lupe zu nehmen.

Als Bertolt Brecht 1928 in einer Umfrage auf die Frage nach seinem Lieblingsbuch lakonisch antwortete: »Sie werden lachen: die Bibel«, war das weniger ein Bekenntnis als ein Hinweis. Wer die Texte ohne religiösen Weihrauch, sondern historisch-materialistisch analysiert, stößt nicht auf mystische Idylle, sondern vermag besonders im Neuen Testament klare soziale Botschaften herauszulesen. Die Geburt des »Gottessohnes« findet nicht im Zentrum der Macht statt, nicht im Palast, sondern am Rand der Gesellschaft. Die ersten Zeugen sind Hirten, gesellschaftlich marginalisiert, politisch machtlos. Der Titel »Kyrios« (Herr), den die Erzählung verwendet, war im römischen Imperium dem Kaiser vorbehalten. Ihn einem Kind aus der plebejischen Klasse zuzuschreiben, Jesus von Nazaret, war kein Missverständnis, sondern eine innerhalb der Sklavenhaltergesellschaft sozialrevolutionäre Kampfansage.

Die frühen christlichen Gemeinden haben diesen Kern durchaus so verstanden. Ihre zeitweise praktizierte Gütergemeinschaft, ihre Ablehnung sozialer Hierarchien, ihre Skepsis gegenüber staatlicher Loyalität erwiesen sich in einer imperialen polytheistischen Klassengesellschaft nicht nur als eschatologische Sektiererei, sondern als radikale Antwort auf konkrete ökonomische Machtverhältnisse. Jesus‘ spätere Bergpredigt (»Selig die Armen«) kann in diesem Kontext nicht rein moralisch interpretiert werden. Sie stellt keine Verklärung des Mangels dar, sondern die Infragestellung einer Ordnung, die Armut produziert und normalisiert.

Dass diese Sprengkraft später neutralisiert wurde, gehört zur Geschichte der Institutionalisierung. Mit der Staatskirche wurde aus der Zumutung ein Ritus, aus der sozialen Provokation eine Jenseitsvertröstung, aus der Umkehr der Verhältnisse ein innerlicher Seelenzustand. Weihnachten wurde in puncto Herrschaft, Eigentum und Ungleichheit anschlussfähig gemacht. Darin liegt bis heute die ideologische Funktion.

Doch der dialektische Lauf der Geschichte kann nicht durch Rituale erledigt werden. In einer spätkapitalistischen Gegenwart, in der der westliche Kapitalismus sein schwindendes hegemoniales Gewicht mit Aufrüstung, Propaganda, Zensur, innerer Repression, systematischer Feindbildpflege und dem Abbau sozialer Sicherungssysteme zu kompensieren versucht, steht die alte Frage nach der Hoffnung auf eine gerechtere, friedlichere »Welt« stärker denn je im Raum. Nicht als Glaubensfrage, sondern als materielle. Hier zeigt sich, dass der im Urchristentum enthaltene kommunistische Gedanke nicht als nachträgliche Utopie, sondern als historische Notwendigkeit wiederkehrt. Die Bekämpfung von Armut und Krieg erfordert im erreichten historischen Stadium ein bewusstes Abbiegen auf einen sozialistischen Entwicklungspfad, der kein uniformer, sondern ein langwieriger, widersprüchlicher, eigenständiger, aber stets wissenschaftlich gerahmter für jedes einzelne Land sein muss.

»Sozialismus oder Barbarei« – das ist keine Parole, – langfristig betrachtet – vielmehr eine Unvermeidlichkeit. Ihr früher, noch unscharfer Ausdruck findet sich in der antiken Weihnachtsgeschichte, deren subversiver Gehalt jede bestehende Ausbeuterordnung herausfordert.