Leitartikel18. Juni 2026

Tödliches Marktversagen

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Von rund 2,2 Milliarden Menschen im Kindesalter ist laut einem neuen UNICEF-Bericht fast die Hälfte drei oder mehr Klimagefahren wie insbesondere Dürren, extremer Hitze über 35 Grad und Hitzewellen gleichzeitig ausgesetzt. Nahezu jedes Kind, heißt es im »Kinder-Klimarisiken-Bericht 2026«, sei mindestens einer Klimagefahr ausgesetzt.

Minderjährige leiden stärker unter den Folgen des Klimawandels als Erwachsene. Weil sie weniger effizient schwitzen, erhitzen sich ihre Körper schneller. Auch sind sie anfälliger für Krankheiten. Sie atmen doppelt so schnell wie Erwachsene und inhalieren dadurch viel mehr Schadstoffe. Auch brauchen Kinder relativ zu ihrem Gewicht mehr Nahrung und Wasser und bei extremen Wetterereignissen – Dürren, Brände, Hitzewellen, Überschwemmungen an Küsten oder Flüssen, Sand-, Staub- und Wirbelstürme – sind die Chancen, zu überleben, für sie kleiner.

»Kinder und Jugendliche sind am wenigsten für den Klimawandel verantwortlich, doch die Auswirkungen treffen ihre Generation und die folgenden besonders hart«, hieß es von UNICEF bei der Vorstellung des Berichts. Das gilt auch für die geografische Verteilung der Klimawandelfolgen, die ausgerechnet in jenen Ländern, die am wenigsten zur Erderhitzung beitragen und beigetragen haben, am verheerendsten sind.

Doch die Staaten, deren kapitalistisches System zum Großteil mit der Arbeitskraft versklavter Menschen aus Afrika und in den Kolonien geraubter Rohstoffe errichtet wurde, konnten bislang verhindern, daß bei der Verringerung des Treibhausgasausstoßes, der Energiewende und vor allem bei der immer wichtiger werdenden Anpassung an die Klimakrise das Verursacherprinzip zur Anwendung kommt.

Der kapitalistische Markt versagt auch, wenn es darum geht, sogenannte Hilfsgelder der ehemaligen Kolonialmächte und heutigen Industrieländer, bei denen es sich ja vielmehr um Reparationen handelt, gerecht hinsichtlich Klimarisiko und Bevölkerungsgröße zu verteilen.

So erhält laut dem aktuellen »Climate Adaptation Finance Index« (CAFI) der evangelischen deutschen Hilfsorganisation Brot für die Welt von 1.000 Menschen nur ein einziger einen Anteil, der seinem Klimarisiko entspricht. 96 Prozent der Betroffenen, heißt es im Bericht, seien stark oder extrem unterfinanziert – in absoluten Zahlen treffe das auf etwa sechs Milliarden Menschen zu.

Zu den am stärksten unterfinanzierten Ländern zählen Afghanistan, Tschad, Südsudan, Somalia, Niger, Mali und Jemen. Von den drei besonders betroffenen Ländergruppen – das sind die am wenigsten entwickelten Länder, die Staaten Afrikas sowie die Small Island Developing States (auf kleinen Inseln gelegene Entwicklungsländer) – erhalten demnach nur letztere eine moderate Finanzierung im Verhältnis zu ihren Klimarisiken.

Deshalb gilt es, den »Geberländern« und den von ihnen kontrollierten Institutionen die Verfügungsgewalt über die Klimahilfen zu entziehen. Die tendieren nämlich wie die Entwicklungshilfe dazu, für geostrategische Zwecke und als Exportunterstützung für heimische Unternehmen mißbraucht zu werden. Schlimmstenfalls werden die Gelder in einzelnen Projekten verschleudert, statt eine selbsttragende Energiewende einzuleiten.

Es ist daher nicht nur eine Frage der christlichen »Gerechtigkeit«, sondern auch der Effektivität, den Empfängerländern die Kontrolle über die Hilfsgelder zur Anpassung an den Klimawandel zu geben.