Leitartikel14. November 2023

Der Tourist als Spiegel der Gesellschaft

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Seit vielen Jahren wird, wer mitteilt, seinen Urlaub auf den Balearen verbringen zu wollen, schief angesehen. Springen einem beim Gedanken an Mallorca oder Ibiza zuerst betrunkene deutsche oder englische Schmerbäuche vor das innere Auge. Die Schönheit der Region drängt sich erst im zweiten oder dritten Gedankengang auf. Oder wer weiß auf Anhieb, daß es auf der größten Insel der Balearengruppe vor der Küste Kataloniens 5 Naturreservate und mehr als 40 geschützte Gebiete gibt?

Der Sauftourismus hat viel Reputation zerstört. Waren die Billigtouristen in früheren Jahren willkommen, um mit ihnen schnelles Geld zu machen, hat mittlerweile ein Umdenken stattgefunden. Um den allnächtlichen Exzessen ausländischer Touristen Herr zu werden, wurden drastische Strafen eingeführt. Die berühmten Sangria-Eimer wurden ebenso verbannt, wie andere Komasauf-Optionen an den Stränden und in den Etablissements. Die schiere Masse der Touristen, die glauben, in der Ferne die Sau rauslassen und den Frust von Arbeitsplatz und Heim abreagieren zu können, droht zum unüberwindbaren Problem zu werden.

Auch in anderen Ländern müssen Maßregelungen getroffen werden, um den Besucherströmen entgegenzutreten, die ja bisher nahezu ausschließlich als gute Einnahmequellen und selten als Problem galten. So spielen sich auch auf der Akropolis von Athen skurrile Szenen ab, wenn Aufseher mit Trillerpfeifen hinter Touristen herlaufen, die meinen, Absperrungen gelten nicht für sie und seien nur hinderlich auf dem Weg zum nächsten Instagram-Foto mit potentiell vielen Likes.

Während es, bleiben wir mal in Athen, an andren historischen Stätten in der Stadt, die mit derselben Eintrittskarte besucht werden können, idyllisch bleibt und man beim Blick auf den Zeus-Tempel oder was davon übrig ist, die Seele baumeln läßt, werden an der Akropolis wilde Gefechte mit Selfiesticks (im Volksmund »Deppenzepter« genannt) um die besten Foto-Plätze ausgefochten. Dies alles auf dem Rücken der lokalen Kultur, Natur und Bevölkerung.

Auch andernorts leiden beliebte Touristenmagnete unter der Jagd nach Likes in den sozialen Medien. Im bayerischen Nationalpark Berchtesgaden etwa und auch andernorts im Alpenraum, surren einem schon mal Drohnen um die Ohren und drohen, das Gleichgewicht am Berg verlieren zu lassen. Auch wer keine Fluggeräte dabei hat, interessiert sich häufig selten für Natur und Mitmenschen. Allzu häufig werden Pflanzen und Absperrungen zertrampelt, um möglichst unberührt anmutende Aufnahmen zu erzielen, die im Netz viel Ruhm einbringen. Davon kann nicht nur Berchtesgaden ein Lied singen, sondern auch etwa Lavendelbauern in Frankreich, deren Felder regelmäßig zertrampelt werden.

Nicht selten begeben sich Fototouristen für immer bessere Schnappschüsse in akute Lebensgefahr. Die Folge: Immer häufiger müssen Zäune, Gitter und Warnschilder her, die dann den wahren Naturfreunden auf ihren Touren die Freude vermiesen. Sie müssen leiden unter der wachsenden Unfähigkeit der Gesellschaft zu Eigenverantwortung.

Zuletzt mußte ja bekanntlich auch das luxemburgische Müllerthal neue Schilder und Absperrungen installieren, weil Menschen in der Natur nicht mehr ausreichend aufmerksam mit sich und ihren Kindern sein können. Die Natur ist kein Spielplatz, das müssen auch Berggeher endlich begreifen, die etwa bei winterlichen Temperaturen und ohne entsprechende Ausrüstung in die Hochalpen aufbrechen, nur um sich im Anschluß an ihre Rettung aus auswegloser Lage über die Kosten zu beschweren, welche ein Einsatz der Bergrettung mit sich bringt. Letztere ist vielerorts mittlerweile mit ihren Möglichkeiten am Anschlag und beklagt die wachsende Gleichgültigkeit der Menschen.

Diese ganzen Beispiele könnte man paaren mit neuesten Erhebungen über zunehmende Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr oder andernorts, wo Respekt und verantwortungsbewußtes Handeln gefragt sind. Das Gesamtbild ist ernüchternd.