Energieanlagen und Schiffe unter Beschuß
EU will Straße von Hormus erst nach Ende der Kampfhandlungen in Iran »sichern«, um mehr Einfluß zu haben. Angriffe auf Gasfeld South Pars drohen den Krieg zum Flächenbrand zu machen
Die EU hat auf ihrem Gipfeltreffen in Brüssel weitgehend die deutsche Position zum Iran-Krieg bekräftigt. Demnach will sie Maßnahmen treffen, »um die Freiheit der Schiffahrt in der Straße von Hormus zu gewährleisten«, allerdings erst dann, wenn »die Voraussetzungen dafür gegeben sind«. Dies entspricht der Ankündigung des deutschen Kanzlers Friedrich Merz, dort erst nach Kriegsende intervenieren zu wollen. Dann allerdings ist geplant, im Nahen Osten Präsenz zu zeigen, um sich dort mehr Einfluß zu sichern.
Die Mitteilung erfolgte, während die Region nach Israels Angriff auf das iranische Erdgasfeld South Pars vor der Ausweitung des Kriegs zu einem Flächenbrand steht. Ursache ist zum einen, daß Israel Iran komplett zu zerstören sucht; dies gilt als Voraussetzung für die Schaffung eines »Groß-Israels«, die der Botschafter der USA in Israel als Ergebnis von Kriegen für möglich hält. Der Angriff auf das Erdgasfeld sowie Irans Gegenangriffe auf Energieanlagen auf der Arabischen Halbinsel erschweren es den Staaten dort zudem, nicht in den Krieg einzutreten. Zugleich richten die USA sich im Iran-Krieg weiter auch gegen China.
Iran zerstören
Auslöser der jüngsten Kriegseskalation waren Israels Angriffe auf das Erdgasfeld South Pars. Iran nutzt sein Erdgas vor allem zur Versorgung der eigenen Zivilbevölkerung, gegen die sich die Angriffe demnach gezielt richteten. USA-Präsident Donald Trump hatte den Angriffen explizit zugestimmt; das bestätigten Insider sowohl dem »Wall Street Journal« als auch der britischen Agentur Reuters. Dabei entspricht der Angriff der israelischen Strategie, den Iran komplett zu zerstören und nach Möglichkeit sogar zu zerschlagen. Dem dienen nicht nur die Welle der Morde an führenden Repräsentanten des iranischen Staats, sondern auch die gezielten Bombardements staatlicher Stellen in den kurdischen Gebieten im Nordwesten, wo Israels Regierung auf einen Aufstand kurdischer Milizen und einen offenen Bürgerkrieg setzt.
Der Aufstand kurdischer Milizen soll zudem die Minderheiten der Belutschen im Südosten des Landes sowie der Araber im Südwesten zu weiteren Aufständen anstacheln. Das Szenario weist starke Parallelen zum Vorgehen der westlichen Staaten – auch Israels – in Syrien auf, wo jahrelang islamistische, teils dschihadistische Milizen unterstützt wurden, um den Zentralstaat zu zertrümmern. Einer der auch von Deutschland unterstützten Dschihadisten regiert heute in Damaskus über ein politisch zerfallenes, ökonomisch ruiniertes und von regelmäßigen Massakern geplagtes Land.
»Groß-Israel«
Die Ziele, die Israel und die USA im Nahen Osten verfolgen, sind nicht identisch, sie weisen aber starke Überschneidungen auf. Der Botschafter der USA in Israel, Mike Huckabee, hat kürzlich seine Zustimmung zu einer israelischen Territorialexpansion erklärt. Befragt, wie er zur biblischen Aussage stehe, Israel könne alles Land von Ägypten bis zum Euphrat im Irak beanspruchen (Genesis 15), sagte Huckabee: »Es ginge in Ordnung, wenn sie das alles nehmen.« Huckabee schränkte anschließend ein, er meine nicht, daß Israel einfach so nach Libanon, Syrien und in den Irak einmarschieren dürfe. Sollte es jedoch von dort angegriffen werden »und das Land nehmen«, sei das »eine ganz andere Debatte«. Als Voraussetzung für die Schaffung eines »Groß-Israel« gilt, daß Iran so umfassend wie möglich zerschlagen und dem Iran nahestehende Organisationen wie die Hisbollah, gänzlich ausgeschaltet werden. Dies geschieht derzeit. Zudem hat Israel nicht nur den palästinensischen Gazastreifen völlig zerstört. Es hat auch die faktische Annexion des palästinensischen Westjordanlandes begonnen, wo von November 2024 bis Oktober 2025 laut UNO mehr als 36.000 Palästinenser vertrieben wurden. Die israelische Armee hat zuletzt schließlich weitere Teile Syriens besetzt und rückt nun auch noch in den Libanon ein.
»Chinas Albtraum«
Während der Trump-Administration ein von Israel dominierter Naher Osten sehr gelegen käme, weichen die Interessen der USA in einem Punkt von den israelischen ab: Das Hauptziel Washingtons ist es, Chinas Einfluß aus der Region abzudrängen. Zu Beginn des Krieges hatte Präsident Trump noch eine »venezolanische Lösung« in Betracht gezogen – die Option, Irans Regierung im Kern im Amt zu lassen, sie allerdings zu einer außenpolitischen Unterordnung unter die USA zu zwingen. Dies gelang nicht. Wie Senator Lindsey Graham erklärt, kommt es Washington im Iran-Krieg dennoch vor allem darauf an, China zu schaden. »Venezuela und Iran besitzen 31 Prozent der weltweiten Ölreserven«, erläuterte Graham kürzlich auf Fox News; daß die USA sie künftig kontrollieren könnten, sei »Chinas Albtraum«.
Als nachteilig gälte es allerdings in Washington, würde ein Abgleiten des Nahen Ostens in einen Dauerkrieg eine dauerhafte militärische USA-Präsenz erfordern. Dann fehlten Waffen und Soldaten für den Machtkampf gegen China. Schon vergangene Woche erklärte der ehemalige Staatssekretär für die Luftwaffe der USA, Frank Kendall, China sei ein »gewaltiger Gegner« – »und jetzt setzen wir schon wieder JDAM-Raketen im Nahen Osten ein«, statt sie für Ostasien aufzubewahren.
Arabisches Dilemma
Israels Angriffe auf das Erdgasfeld South Pars haben den gesamten Nahen Osten einem Flächenbrand nähergebracht. Iran hat, wie angekündigt, auf sie reagiert, indem es seine Angriffe auf Energieinfrastrukturanlagen in den Ländern der Arabischen Halbinsel ausgeweitet hat. Teheran gibt an, es handle sich um Infrastruktur, an der der Kriegsgegner USA Beteiligungen halte. Die arabischen Golfstaaten streiten das – zumindest für einen Teil der Angriffsziele – ab.
Bisher haben sie es vermieden, selbst in den Krieg zu intervenieren: Sie stecken mitten in einem heiklen Prozeß der industriellen Modernisierung, der sie auf die postfossile Ära vorbereiten soll; jegliche Ausweitung des Krieges ist dafür weiteres Gift. Nach den jüngsten Angriffen Irans ist jedoch unklar, wie lange sie noch von Gegenangriffen absehen wollen. Am Donnerstag erklärte der saudische Außenminister Faisal bin Farhan al Saud, er hoffe, Iran werde umgehend »seine Angriffe auf seine Nachbarstaaten stoppen«. Wenn nicht, behalte Riad sich einen Kriegseintritt vor. Damit griffe der Iran-Krieg in vollem Umfang auf die gesamte Arabische Halbinsel aus.
Machtposition am Golf
Berlin und die EU sind bestrebt, den Iran-Krieg zu nutzen, um sich am Persischen Golf eine eigene Machtposition aufzubauen. Bereits am Mittwoch erklärte der deutsche Kanzler Merz, seine Regierung lehne jede aktive Beteiligung am Krieg ab; so werde es in der Straße von Hormus keine Beteiligung der Bundeswehr an militärischen Maßnahmen geben, solange die Kampfhandlungen andauerten. Zugleich behauptete Merz, »die Verantwortung für die gegenwärtige Krise der Region« trügen nicht etwa die USA und Israel, die den Krieg begonnen haben, sondern Iran. Zum Hintergrund sagte der Kanzler, er mache sich zwar für eine eigenständige Position der EU stark, »wo wir andere Interessen haben«, wolle aber vermeiden, »daß dieser Krieg zur Belastung für die transatlantische Partnerschaft wird«.
Merz teilte schließlich mit, Berlin dringe auf die »schnelle Beendigung des Krieges« und wolle »nach dem Ende der Kampfhandlungen« einen »Beitrag« zum Aufbau einer »Friedensordnung in der Region« leisten. Dazu gehöre unter anderem die »Debatte über freie Schiffahrt, etwa in der Straße von Hormus«. Frankreich bereitet bereits die Entsendung von Kriegsschiffen in die Meerenge nach dem Ende der Kampfhandlungen vor. Daran könnten sich auch deutsche Kriegsschiffe beteiligen.

