Kultur20. September 2023

Willie Nelson bringt auf »Bluegrass« seine Klassiker in neuem Stil

von dpa

Der Mann ist ein Phänomen – wegen seiner unnachahmlichen Stimme, seinem markanten Gitarrenspiel und als Autor zahlloser Country-Klassiker. Weit über 100 Studioalben hat Willie Nelson in gut 60 Jahren veröffentlicht – Live-Alben und Kompilationen nicht mitgerechnet. Die alten Kumpels, mit denen er einst Platten aufgenommen hat, darunter Johnny Cash, Waylon Jennings und Merle Haggard, sind schon seit Jahren tot. Willie macht weiter, mit nunmehr 90 Jahren, unermüdlich. Erst im Frühjahr strich er zwei Grammys ein – einen für seine vorletzte Platte »A Beautiful Time« (2022) als »Best Country Album«, den anderen für die »Best Country Solo Performance«.

Mit »Bluegrass« ist nun schon sein zweites Album in diesem Jahr erschienen. Der Name steht für jene Stilrichtung, die ab den 40er Jahren Folk, Country und Gospel auf akustischen Instrumenten verschmolz. Daß er musikalisch kaum Berührungsängste kennt, hat Nelson längst unter Beweis gestellt. Die endlose Liste seiner Gesangspartner reicht von Julio Iglesias über Bob Dylan und Toots Hibbert bis Snoop Dogg, stilistisch pendelte er von Country und Jazz über Western Swing und Rock bis Reggae.

Angesichts dieser Vielseitigkeit ist es erstaunlich, daß Nelson erst jetzt, im hohen Alter, sein erstes Bluegrass-Album aufgenommen hat. Schon im Vorfeld der Veröffentlichung hatte Nelson mit Gitarren-Crack Billy Strings, der selbst in Europa Hallen mit seiner Bluegrass-Gruppe füllt, »California Sober« veröffentlicht – samt sehenswertem Video.

Nun also ein ganzes Bluegrass-Album, zusammengesetzt aus zwölf älteren Nelson-Songs – neu eingespielt mit Kontrabaß, Banjo und Mandoline, quietschender Fiddle und nicht zuletzt der knarzenden Dobro von John Ickes, die zum Beispiel »On The Road Again«, Nelsons Erkennungsstück und Hymne auf das Tourleben, neues Leben einhaucht. Und was noch mehr beeindruckt als die meisterliche Begleitband, das ist Nelson selbst, der selbst im hohen Alter noch mit kraftvoller Stimme aufwarten kann – ob bei getragenen Walzern wie »Sad Songs And Waltzes« oder bei Uptempo-Songs wie »Still Is Still Moving To Me«.

2023 war bisher ein gutes Jahr für ihn: Im April fanden sich zum Konzert zu seinem 90. Geburtstag so viele illustre Gäste ein – von Neil Young über Keith Richards, Beck, Tom Jones, Booker T, Ziggy Marley und Snoop Dogg bis zu Kris Kristofferson und Emmylou Harris –, daß das Konzert auf zwei Tage ausgedehnt wurde. Zuvor war auf dem Sundance Festival eine fünfteilige Dokumentation über ihn vorgestellt worden. Und noch für dieses Jahr ist ein neues Buch angekündigt: »Energy Follows Thought: The Stories Behind My Songs«.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt's aber doch: Nelson singt nur, seine charakteristische Gitarre »Trigger« kommt auf dem neuen Album leider nicht zum Zug. Wer den Musiker live sehen will, hat übrigens in den USA diesen Herbst reichlich Gelegenheit. Auch mit 90 ist Willie noch ausgiebig auf Tour. Ein Phänomen!