Angst und Verstand verloren?
Deutschland und die Tentakel des Krieges
Eine vorlaute »Neue Zürcher Zeitung« bedauerte, daß »Europa« sich scheue, »Rußland klar als Feind zu benennen«. So schweige Deutschland zu den Hintermännern des Drohnenanschlags in Leipzig. Welche Sehschwäche des Blatts! Deutscher »Diplomaten«-O-Ton nannte Rußland schon längst einen ewigen Feind. Und Berlins zunächst widerwillig geübte Vorsicht, »den Kreml« offiziell für den Leipziger »Vorfall« in Haftung zu nehmen, rührte aus der Blamage russophober Schuldzuschreibungen für die Sprengung der North-Stream-Energieadern.
Pünktlich zum Weltfriedenstag am 1. September wurde, ohne Beweise vorzulegen, dieser vergiftete Pfeil gen Moskau geschleudert. Wer innen nichts kann, markiert draußen den starken Mann. Daß Wadephul und Co. sich an USA-Außenminister Powell erinnern, der im UNO-Sicherheitsrat falsche »Beweise« für den Kriegszug in den Irak vorlegte und sich dafür später schämte, darf bezweifelt werden.
Haben die politischen Eliten des Westens Angst und Verstand verloren, wie der einflußreiche russische Analyst Dmitri Trenin im Gespräch mit der »Berliner Zeitung« meinte? Er warf einen pessimistischen Blick auf die Weltlage. Die USA-Regierung, der Normen des Völkerrechts überdrüssig, hat in kalkulierter Entfernung von den Konfliktzonen der Welt die Büchse der Pandora geöffnet. Viele Bürger Rußlands verstünden nun, daß es im Ukraine-Krieg nicht mehr allein um den internationalen Status, sondern um die Existenz ihres Staates geht. Weil dessen Parzellierung immer wieder in Aggressorenträumen wabert, gewinnen apokalyptische Vorstellungen vom »Worst Case«, in dem die Sicherheit der Atommacht Rußland vollends ausgehebelt werden soll, eine bedrückende Aktualität.
Der sich in einem explosiven Status quo befindende Ukraine-Krieg hat seine Vorgeschichte. Der Bukarester Grundsatzbeschluß der NATO, die Ukraine in das Kriegsbündnis aufzunehmen, überschritt jene rote Linie, die Putin auf der 43. Münchner »Sicherheitskonferenz« am 10. Februar 2007 gezogen hatte. Indem die damalige deutsche Kanlrein Merkel und der damalige französische Präsident Sarkozy die Einleitung von Beitrittsverhandlungen blockierten, verhinderten sie eine frühere Reaktion Moskaus.
Neo-Cons wie die umtriebige US-amerikanische »Diplomatin« Victoria Nuland indes arbeiteten auf den Regime-Change in der Ukraine hin. Der Maidan-Putsch stürzte den demokratisch gewählten Präsidenten Janukowitsch und installierte eine USA-hörige Obrigkeit. Die friedenserhaltende Option einer Ukraine als Bindeglied zwischen der EU und der Russischen Föderation war vom Tisch gefegt.
Die Ereignisse auf der Krim mit dem Marinehafen Sewastopol und im Donbass waren die Folge. Nuland, unter USA-Präsident Biden Vizeaußenministerin, steuerte weiter einen scharfen antirussischen Kurs. Nach der Sprengung der »North-Stream«-Leitungen war ihr Jubelruf verräterisch.
Die Minsker Vereinbarungen, die nach den Angriffen ukrainischer Truppen auf die selbsternannten Volksrepubliken Donjezk und Lugansk in der Ostukraine geführt wurden, scheiterten an der Obstruktion des Westens, der Zeit gewinnen wollte, um die Ukraine aufzurüsten. Als nach dem Beginn des offenen Krieges beide Parteien in Istanbul verhandelten und ein Abkommen greifbar war, rief der britische Premier Boris Johnson mit Order aus den USA Kiew in die Schlacht zurück. Und als nach einem Treffen zwischen den Präsidenten Trump und Putin der »Geist von Anchorage« noch einmal Hoffnung auf eine Verständigung nährte, wurde er von Selenski und den nach Kriegsverlängerung strebenden Hardlinern in den USA und der EU gelöscht.
In der Russophobie der EU, sagt Trenin, nehme Deutschland eine Vorreiterrolle ein. Zwar gebe es in Rußland keinen tief verwurzelten Haß auf die Deutschen, aber man sehe eine Kontinuität in dem Bestreben, Rußland zu zerschlagen.
Bedenkt der politische Olymp in Berlin die Warnung des früheren Bundeswehr-Generals Harald Kujat, daß es eine Ermessensfrage einer kriegsführenden Seite ist, umfangreiche Unterstützungen an den Gegner als unmittelbare Kriegsbeteiligung anzusehen? Keine Angst? I wo, Großmannssucht pokert gern. Dabei wären Angst vor den Tentakeln des Krieges und Verstand, die Lunte am Erdball durch Friedensdiplomatie zu löschen, die Ultima Ratio einer besonnenen Regierung. Deutschland hat falsch gewählt.

