Zahlen des Völkermordes in Gaza
Wiederaufbau des Gazastreifens wird Generationen dauern
Ausgeschlossen von den politischen Spielen, die die »Siegermächte« im Gaza-Krieg vor der internationalen Presse aufführen, arbeiten die Organisationen der UNO die Folgen des Krieges statistisch aus. In genauen Schaubildern werden aktuell die »Auswirkungen auf den Gazastreifen« aufgelistet.
Gesichtslose Zahlen, hinter denen sich das Grauen für die mehr als 2 Millionen Menschen, die den israelischen Vernichtungskrieg in dem palästinensischen Küstenstreifen überlebt haben, nicht einmal erahnen lassen.. Ein besonders großer Schock wird der Anblick des zerstörten Gazastreifens für die Menschen sein, die Anfang des Krieges verhaftet wurden und im Zuge des Gefangenenaustausches am Montag dorthin zurückkehrten. Viele werden keine Wohnungen, keine Häuser, keine Arbeitsplätze, keine Angehörigen mehr vorfinden.
Die Statistik
Im Zeitraum zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 31. Juli 2025 wurden im Gazastreifen 67.173 Menschen getötet und 169.780 verletzt. Nicht alle Toten konnten identifiziert werden. Die von der UNO identifizierten Toten sind 27.605 Männer, 18.430 Kinder, 9.735 Frauen und 4.429 ältere Menschen. Hinzu kommen 411 Menschen, die an Unterernährung starben, 108 von ihnen waren Kinder. Die Zahlen beziehen sich auf Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums in Gaza, sie wurden bis zum 31.7.2025 von der UNO überprüft. Unbekannt ist die Zahl der Toten, die unter Trümmern liegen und bisher nicht geborgen werden konnten.
Für das besetzte Westjordanland werden für den gleichen Zeitraum 1.048 Tote gemeldet, darunter 799 Männer, 212 Kinder, 20 Frauen und 17 ältere Menschen.
Der Vollständigkeit halber werden von der UNO auch die Zahlen für Israel in einem Kasten aufgelistet: Von den mehr als 1.200 gemeldeten Toten konnte die UNO bis zum Berichtsdatum 1.162 verifizieren, darunter 33 Kinder. Ungefähr 5.400 Verletzte werden gemeldet. Diese Zahlen beziehen sich auf den 7. Oktober 2023. Im Gazastreifen wurden 466 Israelis getötet und 2.956 wurden verletzt. Diese Zahlen beziehen sich auf Soldaten, die bei der Bodenoffensive in Gaza getötet oder verletzt wurden. Die Quelle für diese Zahlen sind israelische Medien und die israelische Armee.
Die systematische Vernichtung von Wohnraum
Balakrishnan Rajagopal, der UNO-Sonderbeauftragte für das Recht auf Wohnen sagte in einem Gespräch mit dem katarischen Nachrichtensender Al Jazeera, die Menschen fänden »nichts als Trümmer« in den Gebieten vor, aus denen sich die israelischen Streitkräfte zurückziehen. Konkret sprach Rajagopal über Teile von Gaza Stadt und den Norden des Gazastreifens. Der Wiederaufbau werde Generationen dauern, zehntausende Menschen – die seit dem Waffenstillstand in ihre Wohnviertel im Norden zurückkehrten – durchlebten ein »schweres Trauma«.
Nach Schätzungen der UNO wurden 92 Prozent aller Wohngebäude in Gaza seit Beginn des Krieges beschädigt oder zerstört, nahezu alle Überlebenden müssen in Ruinen, Zelten oder anderen Notunterkünften leben. Im Zuge des Anfang 2025 vereinbarten Waffenstillstandes sollten Zelte und Wohnwagen nach Gaza gebracht werden, um die Menschen besser unterbringen zu können. »Fast nichts« hab den Gazastreifen in dieser Zeit erreicht, so Rajagopal. Israel habe das durch seine anhaltende Blockade verhindert.
Auch jetzt werde nichts die Menschen in Gaza erreichen, »wenn Israel nicht aufhört, die Grenzübergänge zu kontrollieren«, betonte der UNO-Experte. Das sei »entscheidend«. Die Vernichtung von Wohnhäusern und Wohnungen bezeichnete der UNO-Sonderberichterstatter als »Domizid«, womit die systematische und umfassende Zerstörung menschlichen Wohnraums gemeint ist. Die Vernichtung des Wohnraums sei ein zentraler Bestandteil des israelischen Völkermords an den Palästinensern.
Zerstörtes Kulturerbe
Die UNO-Organisation für das Wohnen, HABITAT, veröffentlicht eine Karte, in der die Zerstörungen in verschiedenen Regionen des Gazastreifens in Tonnen Trümmer aufgelistet werden. Die am meisten zerstörten Gebiete mit bis zu 20.000 Tonnen Trümmer sind im Norden des Gazastreifens, in Gaza Stadt, Khan Younis und Rafah. Die Gesamttonnenzahl an Trümmern im Gazastreifen wird mit 61.472 Tonnen angegeben. Die Zahlen wurden über den Abgleich verschiedener Satellitenaufnahmen ermittelt.
Das UNO-Umweltprogramm UNEP hat ebenfalls eine Karte veröffentlicht, die das Ausmaß der Zerstörung an den 350 Kulturstätten im Gazastreifen zeigt. Die bekannten Kulturstätten liegen im Norden des Gazastreifens, in Gaza Stadt, Khan Younis und Rafah. 316 dieser Orte wurden untersucht. Über den ganzen Gazastreifen verteilt finden sich zahlreiche, teilweise nicht zugängliche weitere Kulturstätten. Nach palästinensischen Angaben wurden 226 Kulturerbe-Stätten durch israelische Angriffe zerstört oder beschädigt. 138 Orte seien nahezu vollständig zerstört. Dabei handelt es sich um archäologische Ausgrabungen, historische Gebäude, Museen und historische Friedhöfe. Laut ersten Untersuchungen kann es bis zu acht Jahren dauern, bis alle Kulturerbe-Stätten wieder restauriert sein könnten. Die Kosten dafür werden auf mehr als 260 Millionen Euro geschätzt.
Die Verwüstung durch Israel
92 Prozent aller Schulen müssen komplett wiederaufgebaut und renoviert werden. Mehr als 2.300 Bildungseinrichtungen, darunter 63 Universitätsgebäude wurden zerstört. 658.000 Schulkinder und 87.000 Studenten konnten seit zwei Jahren nicht unterrichtet werden. Mindestens 780 Lehrer und Professoren wurden getötet.
125 Krankenhäuser und Kliniken wurden ganz oder teilweise zerstört, 1.722 Krankenpfleger und medizinisches Personal wurden getötet. Mindestens 2.600 Menschen wurden getötet bei dem Versuch, Nahrungsmittel für ihre Familien zu finden, mehr als 19.00 wurden dabei verletzt. 89 Prozent der Wasser- und Sanitäranlagen in Gaza wurden ganz oder teilweise zerstört. Die tägliche Menge an Wasser, die den Menschen zur Verfügung steht, beträgt – laut Statistik – aktuell 6 Liter am Tag. Die Menge von Wasser in Notsituationen sollte standardgemäß 20 Liter pro Person pro Tag betragen.
Neben 92 Prozent zerstörten Wohnungen und Wohnhäusern wurden auch 88 Prozent aller Werkstätten und Geschäfte zerstört. 62 Prozent der Bewohner des Gazastreifens haben ihre Besitzurkunden für Land und Häuser verloren.
Mindestens 270 Journalisten, Kameraleute und Medienpersonal wurden getötet. Am 12. Oktober, dem Tag als bereits der Waffenstillstand gefeiert wurde, haben in Gaza Stadt bewaffnete Milizen, die von Israel finanziert wurden und werden, den der bekannten palästinensischen Journalisten Saleh Aljafarawi gezielt erschossen. Saleh Aljafarawi hatte zuletzt Berichte und Bilder von Menschen geschickt, die in den Trümmern den Waffenstillstand feierten. Ein Foto zeigt ihn mit Kindern, die aus dem Wrack eines ausgebrannten Fahrzeugs lachen.

