25 Jahre »Krieg gegen den Terror«
Der westlich geführte Krieg gegen Staaten und Völker, deren souveräne Rechte und Lebensgrundlagen geht weiter
Seit dem 11. September 2001 ist das Datum für westliche Medien ein »Gedenktag«. Zwei Flugzeuge waren in die Türme des Welthandelszentrums in New York geflogen, die einstürzten. Ein Flugzeug stürzte in das Pentagon, ein viertes Flugzeug stürzte über freiem Feld ab. Präsident Bush zeigte sich zunächst überrascht und sprachlos – und verkündete schließlich den »Krieg gegen den Terror«. Sämtliche Geheimdienste der USA hatten den offenbar lange geplanten Anschlag nicht verhindert. Eine unabhängige Aufklärung fand nie statt.
»Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«
Am 14. September 2001 begannen die USA mit der Bombardierung Afghanistans. Am 20. September 2001 erklärte Präsident George W. Bush den »Krieg gegen den Terror« und gegen Al Qaida. Am 11. Oktober 2001 sagte Bush, es habe sich um »einen Angriff gegen die Herzen und Seelen der zivilisierten Welt« gehandelt. Die Welt komme zusammen, »um einen neuen, anderen Krieg zu führen«. Es solle der erste und, so hoffe man, »einzige Krieg des 21. Jahrhunderts sein«, so Bush: »Ein Krieg gegen alle, die den Terror exportieren wollen und ein Krieg gegen die Regierungen, die diese (Anm. Terroristen) unterstützen oder ihnen Zuflucht gewähren.«
Man werde »mit Al Qaida beginnen«, aber der Krieg werde damit nicht enden. Jede einzelne Terrorgruppe werde »gefunden, gestoppt und zerschlagen«. Er habe bereits eine Liste solcher Gruppen zusammenstellen lassen, die sei aber »erst der Anfang«. Man werde weitere Namen hinzufügen, Guthaben einfrieren und damit die Finanzierung aller Terrorgruppen weltweit stoppen, so Bush.
Ein entsprechendes »Zentrum für die Aufspürung, Identifizierung und Untersuchung der finanziellen Infrastruktur internationaler Terrornetzwerke« sei im Finanzministerium eingerichtet worden. Der Krieg werde nicht nur militärisch, sondern diplomatisch, finanziell und geheim geführt, erklärte Bush: »Wer nicht für uns ist, ist gegen uns«. Frei nach dem Motto: Alles ist erlaubt gegen die Barbaren.
2007 erklärte General Wesley Clark a.D. in einem Interview mit dem US-amerikanischen Sender Democracy Now, der Pentagon-Plan nach dem 11. September 2001 sei gewesen, sieben Länder in fünf Jahren »auszuschalten«: »Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran« zählte Clark auf. Das geschah und geschieht mit der Unterstützung von mehr als 80 Staaten in unterschiedlichen, von den USA geführten »Anti-Terror-Allianzen«.
Reflexion der Abwesenheit in New York
»Wo warst Du, wo waren Sie, als die Türme einstürzten?« – ist eine Standardfragen in Funk und Fernsehen, gefolgt von Erinnerungen überlebender Augenzeugen. Betroffene Familien und Angehörige haben kaum vergessen, daß sie im Fernsehen beobachten konnten, wie die Flugzeuge in die Türme flogen und einstürzten. Beeindruckend ist eine Reportage über Monica Iken-Murphy, die ihren Mann verlor, als der Südturm einstürzte, in dem er arbeitete. Die beiden waren seit zwei Jahren ein Paar, seit einem Jahr verheiratet. Das Leben lag noch vor ihnen.
Als sie hörte, daß Investoren planten, neue Türme an der Stelle zu errichten, wo Hunderte Menschen gestorben waren, setzte sich Monica Iken-Murphy vehement für den Bau eines Denkmals ein, das schließlich auch gebaut wurde. Zwei große Wasserbecken befinden sich heute dort, wo die Türme des Welthandelszentrums standen. Tag und Nacht strömt Wasser in die Becken hinab, am Beckenrand sind die Namen von 2.752 Personen eingraviert, die aus den Trümmern tot geborgen werden konnten. Die Wasserbecken sind mit einem Park umgeben, und für Monica Iken-Murphy ist es der Ort geworden, an dem sie bis heute ihrem Mann nahe sein kann. Reflecting Absence, so der Name des Denkmals, Reflexion, Nachdenken über die Abwesenheit.
Kein Ort der Erinnerung für 4,5 Millionen Menschen
Für die mehr als 4,6 Millionen Menschen, die in Folge des von Bush prokalmierten »Krieges gegen den Terror« getötet wurden, gibt es keine Gedenkstätte. Auch für die mehr als 38 Millionen Menschen, die durch die Kriege vertrieben wurden, gibt es kein Denkmal, auch nicht für deren verwüstete Dörfer, Felder, Lebensgrundlagen, es gibt keinen Ort für die Erinnerung an ihre Toten, wo sie einmal in Ruhe sitzen können. Die Vertriebenen leben in Zelten, Ruinen, oft in der Illegalität. Sie sind in Gefangenenlagern eingepfercht, in Gefängnissen verschwunden, bei der Schleusung durch unbekannte Gebiete gestorben oder getötet worden oder sie sind auf der Überfahrt über das Mittelmeer ertrunken.
In Afghanistan, im Irak, in Libyen, Pakistan, Somalia, Syrien und im Jemen geht der Krieg noch immer weiter. Und Israel, das nach dem 7. Oktober 2023 mit den USA und Verbündeten einen weiteren »Krieg gegen den Terror« erklärt hat, hat seinen Krieg auf »sieben Fronten« ausgeweitet: Gazastreifen, Westjordanland, Libanon, Syrien, Jemen, Irak und Iran. Der israelische Staat mit seiner heuchlerisch als »Israel Defense Forces« bezeichneten Aggressionsarmee hat verkündet, »gegen menschliche Tiere« im palästinensischen Gazastreifen zu kämpfen. Im südlichen Libanon und in Syrien haben die »Verteidigungskräfte« in Dutzenden Dörfern Haus um Haus zerstört und mit Bulldozern dem Erdboden gleichgemacht. Der Staat Israel will auf dem fruchtbaren Boden des Südlibanon mit seiner »IDF« eine »Pufferzone« schaffen, um sein eigenes »auserwähltes Volk« zu schützen.
Dafür wurden im Südlibanon eine halbe Million Menschen von ihrem Boden, aus ihren Häusern, aus ihren Dörfern vertrieben. Israel begründet seinen Krieg damit, daß diese Menschen sich wehren und die Hisbollah unterstützen. Das entspricht dem 2. Zusatzprotokoll des Genfer Abkommens, wonach die Verteidigung gegen die Besatzung durch ein Kolonialregime – Israel – zulässig ist. Die Hisbollah hat sich ausdrücklich darauf berufen und greift auf libanesischem Territorium gezielt israelische Soldaten, Panzer, Truppenverbände an. Israel tötet auf libanesischem Territorium Menschen und zerstört zivile Infrastruktur.
Die »vollständige Auslöschung«
Mustapha S., ein Bekannter der Autorin, berichtete Anfang August von der Zerstörung Hauses seiner Familie in einem Dorf bei Bint Jbeil durch die israelische Armee. Es war das vierte Mal, daß israelische Truppen ihr Haus zerstörten. In einer telefonischen Nachricht spricht er darüber, daß »sie«, bevor »sie« die Häuser zerstörten, immer das Eigentum der Bewohner plünderten und stahlen. Er weiß es von Augenzeugen aus dem Nachbarort, er kennt die Aufnahmen von Soldaten, die sich in den Küchen der Häuser vergnügen, die sie besetzten und dann in die Luft sprengten. Die Trümmer seines Familienhauses enthielten keine Hinweise auf Einrichtungsgegenstände, keine Farben, sagt er, kein Sessel rage irgendwo aus den Trümmern hervor.
Dann berichtete er über die Zerstörung des Friedhofes in ihrem Dorf.
»Als wir hörten, daß der Friedhof mit Bulldozern völlig eingeebnet wurde, haben wir uns gefragt: Warum?!! Das stellt in jeder Religion eine schwere Verletzung gegenüber den Verstorbenen und ihrer Würde dar. Doch dann wurde uns klar, daß Friedhöfe im Südlibanon eine ganz entscheidende Rolle für die jeweilige Dorfgemeinschaft spielen. Alle Friedhöfe in den Dörfern sind zu Fuß erreichbar.
In unserem Fall kann man den Friedhof von fast überall im Dorf sehen, da er im Tal liegt. Um ihn herum erheben sich die Hügel, und wir können buchstäblich sehen, wenn jemand zum Friedhof geht. Wenn meine Tante hinuntergeht, kann ich sie von unserem Haus aus als kleine Gestalt in der Ferne sehen und weiß, daß sie das Grab unseres Großvaters besucht. Mit meinen Augen kann ich erkennen, wo mein Großvater begraben ist.
Es ist Brauch, daß man, wenn man ins Dorf kommt, um die Eltern zu besuchen, zuerst den Friedhof besucht, bevor man einen Fuß ins Haus setzt. Man erweist seinen Vorfahren Respekt und geht dann erst nach Hause. Menschen, die ihre Angehörigen sehr vermissen, gehen schon vor Sonnenaufgang dorthin. Der Friedhof ist sehr wichtig im Leben der Dorfbewohner, hier ist auch ihre letzte Ruhestätte.
Meine Eltern lebten mehr als 35 Jahre in einem arabischen Golfstaat; wir wußten immer, wo sie ihre letzte Ruhe finden, wo sie beigesetzt werden würden. Das ist für uns sehr wichtig – es ist, als hätte man im Leben ein eigenes Haus. Für uns bedeutet diese Ruhestätte, insbesondere im eigenen Dorf, daß der eigene Name für die nächste Generation weiterlebt.
Diesen Ort gibt es nun nicht mehr. Jetzt, nachdem der Schock etwas abgeklungen ist, wird uns klar: Das ist die vollständige Auslöschung.«
Der Preis des Krieges
An der Brown Universität in Rhode Island, USA, wird seit dem 11. September 2001 in dem Projekt »Kosten des Krieges« präzise dokumentarisch erfaßt, welchen Preis der »Krieg gegen den Terror« hat. Dort spricht man von den »immerwährenden Kriegen nach dem 11. September«, den »forever wars post 9/11«. Das Projekt hat 38 Millionen Vertriebenen aus diesen Kriegen dokumentiert, mehr als 4,5 Millionen Tote, die direkt im Krieg oder an den Folgen der Kriege gestorben sind. Die Zahlen beziehen sich auf Afghanistan, Irak, Libyen, Pakistan, Somalia, Syrien und Jemen, die Kosten des Finanzministeriums der USA werden auf mehr als 8 Trillionen US-Dollar geschätzt. Umgerechnet wären das 6 Trillionen 882 Milliarden 300 Millionen Euro.
In einer öffentlichen Erklärung von Stephanie Savell, Direktorin des Projekts »Die Kosten des Krieges« heißt es, man gedenke »der Verwüstung, die tausende amerikanischer Familien« durch die Anschläge des 11. September 2001 erlebt hätten. Ebenfalls gedenke man »der tiefgreifenden Auswirkungen der darauffolgenden, von den USA geführten Kriege.« Weiter heißt es: »Die Militäroperationen, die ursprünglich im Namen dessen gestartet wurden, was Präsident Bush als ‚Krieg gegen den Terror‘ bezeichnete – beginnend mit der Invasion in Afghanistan im Jahr 2001 –, erstrecken sich mittlerweile auf Dutzende von Ländern und fordern weiterhin unvorstellbare Opfer an Menschenleben.
Die Trump-Regierung nutzt die Terrorismusbekämpfung weiterhin als Rechtfertigung für die Einleitung und Verschärfung einer Reihe von Operationen und Maßnahmen, darunter Luftangriffe auf Schiffe in der Karibik und im östlichen Pazifik sowie die Absetzung des venezolanischen Präsidenten Maduro – Operationen, die im vergangenen Jahr über 4,7 Milliarden US-Dollar gekostet haben. Die Forschungsarbeit unseres Projekts dokumentiert nicht nur die umfassenden Kosten, sondern unterstreicht auch die Dringlichkeit, übergeordnete Fragen zu diesen Militäroperationen zu stellen.«
Ein halbes Jahr nach Beginn des aktuellen Krieges gegen den Iran müsse man »wichtige Lehren ziehen«, meint Stephanie Savell. Die Entscheidung, Krieg zu führen, führe »über durch Gewalt getötete Menschen hinaus zur Zerstörung von Volkswirtschaften, wichtiger Infrastruktur und der Umwelt« lange nach dem offiziellen Ende eines Krieges.
Die Zahl der Toten in den Kriegsgebieten nach dem 11. September steige weiter an, »vor allem Kinder kommen durch die Nachwirkungen des Krieges, wie etwa die Ausbreitung von Krankheiten, ums Leben«. Die wichtigsten Fragen würde nicht gestellt, erklärt Stephanie Savell: »Schützen diese Kriege überhaupt jemanden? Welche Alternativen gibt es, und wie können wir als Nation Prioritäten setzen und in diese Alternativen investieren?«
Massive Aufrüstung, wie es die EU-Kommission verfolgt, verbunden mit einer massiven Verschuldung oder die »Aufholjagd für die Kriegstüchtigkeit«, die die deutsche Bundesregierung offenbar auch mit der Ansiedlung israelischer Kriegstechnologie gewinnen will, einschließlich solcher mit künstlicher Intelligenz, die nicht nur im Gazastreifen erprobt wurde, gehen da eindeutig in die falsche Richtung.

