Kultur08. Juli 2026

Bis 27. September in der Abtei Neumünster

»Un Orchestre à Soi« – Hommage an vergessene Musikerinnen

Was haben Hildegard Von Bingen, Francesca Caccini und Alma Mahler gemeinsam? Sie sind Komponistinnen, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Über Jahrhunderte prägten weibliche Talente die Musikgeschichte, wurden jedoch durch gesellschaftliche Strukturen und Religionen (veraltete Konventionen, Zwänge, Normen) oft an den Rand gedrängt oder gar aus den Geschichtsbüchern gestrichen.

Um möglichst vielen Menschen ihre Musik näherzubringen, haben Léa Chevrier und Laureline Amanieux ein eigenes Orchester erdacht: eine Ausstellung in Form einer Ton- und Dokumentarinstallation. »Un Orchestre à Soi« bietet ein Klangereignis zum Entdecken, ein Karaoke zum Mitmachen und eine Dokumentarreihe zum Verstehen. Die im Schatten der Geschichte stehenden Interpretinnen treten ins Rampenlicht und erfahren so ihre wohlverdiente Würdigung.

Betreten Sie ein Phantomorchester, um ein räumliches elektroakustisches Werk zu hören, das Lieder von Frauen seit dem 12. Jahrhundert verbindet. Diese Stimmen, ehemals immer im Hintergrund, werden über pulsierende Pulte verbreitet und erobern nach und nach ihren berechtigten Platz zurück. Transparente Schleier und Holzdrucke zeigen Porträts von Komponistinnen, aber auch ihre Briefe, Zeitungen, Träume.

Hildegard von Bingen, um 1098 bei Alzey-Worms, Rheinland-Pfalz geboren, 1179 im Benediktinerkloster Rupertsberg bei Bingen am Rhein gestorben, hinterließ unter dem Namen »Symphonie der Harmonie der himmlischen Erscheinungen« eine Sammlung geistlicher Lieder mit 77 liturgischen Gesängen sowie das liturgische Drama »Ordo virtutum«.

Francesca Caccini, Sopransängerin, deren Gesangskunst ihr den Beinamen »La Cecchina« (Singvogel) einbrachte, spielte Laute, Gitarre und Cembalo. Francesca, 1587 in Florenz geboren, 1640 ebenda gestorben, gehört zu den Pionieren der Gattung Oper. Ihre Ballett-Oper »La liberazione di Ruggiero dall’isola d’Alcina« (1625) gilt als früheste erhaltene Oper einer Frau.

Alma Mahler, 1879 in Wien geboren, 1964 in New York gestorben, zog große Künstler in ihren Bann. Mit dem Komponisten Gustav Mahler, dem Architekten Walter Gropius und dem Dichter Franz Werfel, verheiratet, stand sie stets im Schatten ihrer Lebensgefährten. Ihre musikalische Begabung konnte sie nicht professionell ausbauen. Von ihrem kompositorischen Schaffen sind 17 Lieder überliefert.

Erlernen Sie von großartigen Komponistinnen geschriebene Gesangsausschnitte mit Karaoke und geben Sie der Installation Ihre Stimme. Ihr Gesang, der in Echtzeit analysiert wird, kann sich dann in das Klangwerk einfügen, das bei jedem Besuch bereichert wird.

Schauen Sie sich zum Schluss eine Dokumentarserie an, die den Werdegang von bahnbrechenden Frauen nachzeichnet. In acht Episoden (je fünf Minuten) erfahren Sie, warum diese trotz ihres brillanten Werdegangs aus der Geschichte gedrängt wurden.

Léa Chevrier, Absolventin der staatlichen Hochschule für Film, Fotografie und Ton (ENS Louis-Lumière) in Paris, erforscht die erzählerischen Möglichkeiten des räumlichen Klangs und arbeitet in den Bereichen Podcast und Audible, eine Plattform für Hörbücher, im Arte Radio, dem Portal des europäischen Kulturkanals sowie bei Louie Media, einem Pariser Medienunternehmen, 2018 von Mélissa Bounoua und Charlotte Pudlowski gegründet.

Mit »Trobairitz« (der weiblichen Form von Troubadour), einem immersiven 3D-Hörerlebnis, entführt Léa über Kopfhörer in das 12. Jahrhundert und erzählt in einer akustischen Fiktion die Geschichte der realen Komponistin Béatrice de Die (geboren um 1140, gestorben nach 1175). Auch mit Hilfe der Performance »Maddalena morir non può« (rund um das Werk von Maddalena Casulana) arbeitet die Künstlerin an der Wiederentdeckung der über Jahrhunderte hinweg unsichtbar gemachten weiblichen Genies.

Laureline Amanieux, Regisseurin audiovisueller Dokumentarfilme und Podcasts, promovierte Doktorin der Literaturwissenschaften, Autorin eines Romans über das unbekannte Schicksal einer Dichterin aus dem frühen 20. Jahrhundert (erscheint Anfang 2027), führt Regie bei »Un Orchestre à Soi«. Acht wegweisende europäische Komponistinnen vom Mittelalter bis zum frühen 20. Jahrhundert werden porträtiert, darunter Hildegard von Bingen, Fanny Mendelssohn, Clara Schumann, Louise Farrenc, Cécile Chaminade, Barbara Strozzi, Élisabeth Jacquet de La Guerre und Mel Bonis. Die Doku-Reihe zeigt die Hürden auf, denen Frauen in der von Männern dominierten Musikwelt ausgesetzt waren.

»Un Orchestre à soi«, von der Pariser Produktionsfirma Circé production et narrative in Zusammenarbeit mit dem Centre National de la Musique (CNM) produziert, ist bis Sonntag, dem 27. September zu erleben. Abtei Neumünster, 28, Rue Münster, Luxemburg-Grund. Eintritt frei. Öffnungszeiten: Täglich von 10 bis 18 Uhr.