Leitartikel27. April 2021

Zweitausend Milliarden Dollar

von Uli Brockmeyer

Eine Zahl, die kaum vorstellbar, aber vor allem nicht nachvollziehbar ist. Knapp zwei Billionen US-Dollar, das sind 2.000 Milliarden, haben die Staaten der Welt im vergangenen Jahr für Rüstung und Krieg ausgegeben! Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr eine Steigerung um immerhin 2,6 Prozent.

Man hätte annehmen können, daß angesichts der weltweit grassierenden Pandemie die Staatenlenker auf die Idee gekommen sein könnten, etwas weniger Geld in die Rüstung zu stecken und dafür das heimische Gesundheitswesen von Grund auf zu sanieren. Aber mit dieser Vorstellung wurde die Vernunft fast aller dieser Leute weit überschätzt. Laut den aktuellen Zahlen, die das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI am Montag veröffentlicht hat, haben unter den Staaten, die beim Ranking der Militärausgaben die vorderen Plätze belegen, lediglich Brasilien und Rußland deutlich weniger für ihr Militär ausgegeben.

Die USA, die bekanntlich mit am meisten an der Corona-Pandemie zu leiden hatten, stehen inzwischen mit geschätzten Gesamtausgaben von 778 Milliarden Dollar für immerhin 39 Prozent der weltweit für Rüstung und Krieg registrierten Ausgaben – etwa soviel wie alle zwölf im Ranking darauf folgenden Staaten.

Auffallend ist, daß sich wieder einmal die NATO-Länder in den Vordergrund drängen, wenn es darum geht, viele Milliarden in die Rüstung zu stecken. Das vor Jahren festgelegte Klassenziel, mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für das Militär aufzuwenden, haben nun auch weitere Länder erreicht, insgesamt sind es laut SIPRI zwölf statt wie zuvor neun NATO-Staaten.

Die bösen Russen, die bekanntlich laut bürgerlichen Medien nicht nur die Ukraine, sondern den gesamten »freien Westen« mit ihrer überbordenden Militärmacht bedrohen, haben nicht nur ihre Ausgaben deutlich zurückgefahren, sondern liegen mit 61,7 Mrd. Dollar etwa auf dem Niveau von Britannien und Saudi-Arabien und nur knapp über dem von Deutschland und Frankreich. Die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den Ländern mit der rasantesten Steigerung.

Es kommt hier nicht nur darauf an, die horrenden Ausgaben des einen Staates mit einem anderen zu vergleichen. Vor allem sollten einige Relationen ins rechte Licht gerückt werden. Da ist zum einen die quasi im Stundentakt mit einigen Nuancen in den Medien wiederholte Mär von der immensen Bedrohung, der wir durch Rußland und China ausgesetzt sind. Angesichts der aktuellen Zahlen stellt sich das ein wenig anders dar. Die Militärausgaben der USA betragen etwa das Zwölfeinhalbfache der russischen, und auch mehr als das Dreifache der chinesischen. Drei weitere NATO-Staaten geben jeweils annähernd ebensoviel aus wie Rußland. Wer jetzt noch die Größe des jeweiligen Landes und die Bevölkerungszahlen zum Vergleich heranzieht, kann sich ein besseres Bild darüber machen, wer hier wen militärisch übertrumpfen möchte.

Die wichtigste Schlußfolgerung, die vernünftig denkende Menschen aus den aktuellen Angaben ziehen sollten, ist jedoch die, daß gerade angesichts der Pandemie, angesichts des desolaten Zustands, den die Gesundheitssysteme der meisten Ländern der Welt heute bieten, und auch angesichts der wachsenden sozialen Probleme und des fortschreitenden Klimawandels – immerhin gehört das Militär zu den größten Umweltverschmutzern – diese zweitausend Milliarden Dollar für solche Zwecke ausgegeben werden sollten, die nicht noch mehr Schaden, sondern eher Nutzen bringen. Nicht Rüstung, sondern allgemeine Abrüstung muß das Ziel sein – für alle Länder, ohne Ausnahme.