Ausland21. April 2026

Libanon nach dem »schwarzen Mittwoch«

Spurensuche an Angriffsorten

von Karin Leukefeld, Beirut

Der »schwarze Mittwoch« hat sich bei vielen Menschen in Beirut in die Erinnerung eingegraben. Noch immer stehen die Menschen unter dem Schock des Blitzangriffs der israelischen Armee mitten am Tag. In nur zehn Minuten bombardierte Israels Luftwaffe 100 Ziele in der libanesischen Hauptstadt. Landesweit wurden 150 Ziele angegriffen. Wie immer sprach die israelische Armee von »Kommandozentralen und Drohnenwerkstätten der Hisbollah«.

Die Realität sieht anders aus. Die Zahl der Toten seit jenem 8. April 2026 ist auf mehr als 400 gestiegen. Manche Opfer konnten bis heute nicht geboren werden.

Beirut, 13. April 2026. Das vergangene Wochenende war äußerlich ruhig in Beirut. Kliniken, Notunterkünfte, Hilfsorganisationen und die Libanesen selber versuchen, den Schock des »schwarzen Mittwoch« in der vergangenen Woche zu verkraften. Über der Stadt hängt das Brummen der israelischen Drohnen, die das Leben der Bevölkerung, ihre Wege, ihre Telefonate, ihre Gespräche scannen.

Diese Art der Dauer-Überwachung der Bevölkerung eines souveränen Landes widerspricht dem Völkerrecht, doch Israel kümmert sich nicht um das Recht der Anderen. Partnerstaaten Israels schweigen und sehen zu. Internationales Recht und die UNO-Charta werden ebenso wenig geachtet wie die UNO-Friedensmission im südlichen Libanon. UNIFIL-Soldaten wurden von der israelischen Armee getötet, mehrere Blauhelme aus Frankreich, Ghana, Indonesien, Nepal und Polen wurden verletzt. Wenn schon UNO-Friedenstruppen von Israel nicht geachtet werden, was haben dann die Libanesen zu erwarten?

»Wir haben so viele Probleme, daß wir gar nicht wissen, wo wir anfangen sollen, uns Sorgen zu machen«, sagt eine Gesprächspartnerin und nimmt einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. »Die Leute rauchen zu viel«, sagt ihr Nachbar. »Sie sollten das sein lassen.«

Der israelische Blitzangriff am 8. April erfolgte um die Mittagszeit. Wenige Stunden zuvor war bekannt geworden, daß der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran für eine zweiwöchige Waffenruhe ausgesetzt werden sollte. Israels Reaktion war, in weiten Teilen des Zedernstaates 150 Ziele ohne Vorwarnung zu bombardieren, allein in der Hauptstadt Beirut schlugen mehr als 100 Bomben ein.

In Beirut war es Mittagszeit, als die Bomben fielen. Familien saßen zu Hause beim Mittagessen, Restaurants und Cafés waren gut besucht. Dichter Verkehr in den Straßen, in der ganzen Stadt waren Menschen unterwegs oder gingen in Büros, Kliniken, Geschäften ihrer Arbeit nach.

An der Küstenstraße bei Manara, unweit des Leuchtturms, traf es das Lamb House, Restaurant und Hotel mit bestem Blick aufs Meer. Wenige Hundert Meter oberhalb wurde ein Haus getroffen, in dem das beliebte Hanis Restaurant und ein Barbershop im Erdgeschoß untergebracht waren. Jetzt starren leere Fensterhöhlen aus den darüberliegenden Wohnungen auf die Häuser gegenüber. Lamb House, Hanis Restaurant und die Häuser boten Menschen Essen und Wohnen. Die gesamte Gegend ist ein Wohnviertel, von militärischen »Kommandozentralen« keine Spur.

Zerstört wurden die Gebäude mit ferngelenkten Raketen von israelischen Kriegsschiffen, die vor der Küste des Libanon liegen. Das Lamb House im Erdgeschoß wurde direkt vom Meer aus zerstört, die Rakete in Hanis Restaurant schlug vermutlich von oben in das Gebäude ein. Der Eingangsbereich zu Hanis Restaurant ist mit rot-weißen Bändern abgesperrt. Jemand hat die vielen Grünpflanzen vor der Eingangstür zusammengeschoben.

In Corniche al Mazraa, einem dicht bewohnten Viertel weiter südlich, schlugen die Bomben in ein zehnstöckiges Wohnhaus ein. Sämtliche umliegenden Gebäude sind unbewohnbar. Auf einem im Hinterhof liegenden Parkplatz sind sämtliche Fahrzeuge verbrannt, manche Autos wurden durch die Wucht der Explosion durch die Luft geschleudert und landeten in den Trümmern des zerstörten Wohnhauses.

»54 Menschen sind hier getötet worden«, sagt der Kollege, der mich begleitet. Vermutlich seien noch nicht alle Toten geborgen worden. Ein Bagger trägt die Trümmer ab und schüttet sie auf einen Lastwagen, überall sind staubbedeckte Arbeiter zugange. In einem der schwer beschädigten Häuser werden Wände und Decken geprüft, in einem anderen Gebäude werden die ersten Mauern wieder aufgebaut.

Dem Gebäude zur Hauptstraße hin ist durch die Explosion ein Teil der unteren Außenwand abgerissen worden. »Zur Straße hin ist Rafai, die bekannte Rösterei«, sagt der Kollege und zeigt auf das leuchtend orangene Schild. »Im hinteren Bereich waren die Mitarbeiter an den Röstmaschinen, sie wurden alle getötet.«, Im Verkaufsraum der Rösterei sollen Menschen verletzt überlebt haben. »Israel sagt, im Keller sei eine Drohnenfabrik der Hisbollah gewesen«, so der Kollege. Wie schon so viele Male zuvor wurde aber auch in dem Keller dieses Wohnhauses keine Drohnenfabrik gefunden.

Eine ältere Frau spricht den Kollegen an und berichtet, ihr Haus sei nur wenige hundert Meter entfernt, in einer Seitenstraße. Fenster seien kaputt gegangen, doch sonst sei für sie und ihre Familie alles in Ordnung. Sie sei Lehrerin an einer französischen Schule und verstehe nicht, warum jemand Wohnhäuser zur Mittagszeit aus dem Nichts bombardiert!

Sie verstehe auch nicht, warum im Libanon immer Krieg sein muß. Sie habe den Eindruck, die Libanesen seien schlechte Menschen, immer gegeneinander eingestellt. Das Haus sei ja von Israel bombardiert worden, wirft der Kollege ein. Ja, aber viele Libanesen wollten doch immer nur Krieg. Natürlich nicht alle, aber viele liebten andere Länder mehr als Libanon, zeigt sie sich überzeugt. Dann entschuldigt und verabschiedet sie sich. Sie müsse nach Hause.

Tallet Khayat, »Hügel des Schneiders«, ist ein vornehmes Wohnviertel am Rande des Stadtteils Verdun. Hier schlug eine Rakete in einem zehnstöckigen Wohnhaus ein und riß Wohnungen bis zum obersten Geschoß auseinander. Zu sehen sind Schränke in den Wohnungen, an einem hängt noch ein grünes Hemd. Die vorderen Wohnungen wurden durch die Rakete vom hinteren Teil des Hauses abgetrennt und sind in einem Trümmerhaufen zusammengefallen. Unter den Trümmern liegt eine unbekannte Zahl getöteter Bewohner, heißt es. Auf den Trümmern hat jemand ein Plakat des ehemaligen Ministerpräsidenten Rafik Hariri befestigt.

Das Hariri-Bild sei ein Hinweis darauf, daß in dieser Gegend vorwiegend sunnitische Muslime lebten, erklärt der Kollege. Auch Hariri war Sunnit und gut befreundet mit Saudi-Arabien und dem früheren französischen Präsidenten Jacque Chirac. Israel versuche mit den willkürlichen Bombenangriffen gegen alle Teile der libanesischen Gesellschaft, diese gegeneinander und vor allem gegen die Schiiten aufzubringen. »Schiitien = Hisbollah«, das versucht Israel den Libanesen einzuhämmern. Noch geht diese Gleichung nicht auf.

In der Nacht nach den Angriffen konnten drei Bewohner des Hauses auf Tallet Khayat aus dem obersten Stockwerk geborgen werden. Die zwei Frauen und ein Mann stiegen mit Unterstützung von Rettungshelfern über einen Kran herunter. Augenzeugen dokumentierten die Szene und verbreiteten die Aufnahmen über soziale Medien.

Fährt man vom »Hügel des Schneiders« Richtung Süden und Westen, kommt man in den Ortsteil Jnah am Rafik Hariri Krankenhaus vorbei. Von hier ist das Mittelmeer nicht mehr weit, man muß lediglich eine große Straße überqueren. Den Strand allerdings erreicht man doch nicht so einfach. Der öffentliche Strand, wo sich viele der Vertriebenen aus dem Südlibanon mit einfachen Zelten eine Bleibe eingerichtet hatten, mußte hier dem edlen Summerland Resort weichen, einer weitläufigen Strand- und Restaurantanlage für zahlende Gäste. Es gehört zur Kette der Kempinski Hotels.

Die Menschen, die in Jnah wohnen, sind arm. Sie sind Arbeiter, Erntehelfer, putzen oder helfen in Werkstätten. Hier wohnen Äthiopier, Sudanesen, Syrer und andere Ausländer in einfachen Häusern. Das Viertel erinnert an die palästinensischen Flüchtlingslager im Land. Libanesen, die hier wohnen, hatten vor dem libanesischen Bürgerkrieg (1975 – 1990) östlich von Beirut gelebt, wo sie Farmland hatten oder auf dem Farmland anderer arbeiteten.

In Jnah wurden am »schwarzen Mittwoch« zwei Häuser zerstört. In einem wurden sieben Personen getötet, das andere Haus war leer, weil die Besitzerin den vorherigen Bewohnern gekündigt hatte, berichtet Hussan, ein hochgewachsener junger Mann. Aufmerksam beobachtet er den Bagger, der die Trümmer der Häuser auf einen Lastwagen schaufelt. Die Aufräumarbeiten habe die Stadtverwaltung angeordnet, sagt Hussan. Er gehe nicht mehr zur Schule, sondern arbeite bei seinem Onkel in einer Werkstatt, um der Familie zu helfen. Er wohne am anderen Ende von Jnah, gekannt habe er niemanden aus den Häusern. „»Es waren arme Leute«, fügt der junge Mann hinzu. »Ich verstehe nicht, warum sie getötet und ihre Häuser zerstört wurden. Frauen, Kinder. Ich verstehe nicht, wie man so etwas tun kann.«

Ein junger Mann untersucht die Trümmer, die die israelische Bombardierung hinterlassen haben. Eine Sandschaufel für Kinder, ein Malbuch, einen Koran packt er in die Seitentasche seines Motorrades. Er wolle die Schaufel seinem Sohn mitbringen, sagt er. Die Frage, ob er zur Familie gehört habe, verneint er und signalisiert, daß er weitere Fragen nicht wünscht.

Wir sehen, was von den einst hier lebenden Menschen übriggeblieben ist: ein Koran, ein Koranlehrbuch, ein zerstörtes Motorrad, ein Kinderbuch. Aus einer Tasche, die halb geöffnet ist, ragt ein verblaßtes Farbfoto hervor. Es zeigt ein Ehepaar, das stolz in die Kamera blickt. Neben ihnen sitzt Hassan Nasrallah und lächelt.

Der langjährige Vorsitzende der Hisbollah kannte Armut. Er war selbst als Vertriebener in Karantina, einem Lager in der Nähe des Hafens von Beirut aufgewachsen, wo sein Vater einen kleinen Laden hatte. Im September 2024 wurde Nasrallah bei einem massiven Luftangriff von acht israelischen Kampfjets in Haret Hreik, einem Wohnviertel im Süden von Beirut, getötet.