Belgischer Politiker muß wegen Lumumba-Mord vor Gericht
Brüssel – Gestärkt vom sozialistischen Lager erfuhren die antikolonialen und antiimperialistischen Bewegungen in Afrika nach dem Zweiten Weltkrieg einen Aufschwung, auf den der Westen mit Wirtschaftssanktionen, Unterstützung rassistischer Regierungen wie der in Südafrika oder gleich mit der direkten Liquidierung von Befreiungskämpfern wie Patrice Lumumba reagierte. Weil er bei der Ermordung des ersten freigewählten Premierministers des gerade von belgischer Kolonialherrschaft befreiten neuen Staates Kongo mutmaßlich eine Rolle gespielt hat, muß der ehemalige belgische Spitzenpolitiker Étienne Davignon nun – sechseinhalb Jahrzehnte später – vor Gericht.
Die Brüsseler Ratskammer entschied am Dienstag, daß der heute 93-jährige Davignon sich einem Strafprozeß stellen muß, berichtete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Zuvor hatte die Staatsanwaltschaft beantragt, daß er unter anderem wegen der Beteiligung an Kriegsverbrechen und »unrechtmäßiger Freiheitsberaubung« vor das Strafgericht treten muß.
Konkret geht es um die Rolle Davignons bei der Ermordung Lumumbas 1961. Der erste Premier des im Vorjahr von Belgien unabhängig gewordenen Kongo wurde nach seinem Sturz mit Hilfe der USA und der ehemaligen Kolonialmacht Belgien erschossen. Dabei soll Davignon als junger belgischer Diplomat eine Rolle gespielt haben. Der Kongo war 1885 von der Berliner Afrikakonferenz zwecks »Zivilisierung« in den »Privatbesitz« des belgischen Königs Leopold II. übergeben worden. Der ließ das riesige Gebiet und seine Menschen von Konzessionsgesellschaften rücksichtslos ausplündern.
Ein Sohn Lumumbas hatte schon vor rund anderthalb Jahrzehnten eine Klage gegen rund ein Dutzend Belgier eingereicht, die seiner Ansicht nach mit Lumumbas Ermordung in Verbindung stehen. Davignon, der von 1977 bis 1985 EU-Kommissar und auch Vizepräsident der EU-Behörde war, ist der einzige Angeklagte, der noch lebt.

