Leitartikel19. Februar 2026

Wenn die Gier den Fußball frißt

von

Von der Weltmeisterschaft 2026 bleibt vor allem eines: Ein gigantisches Preisschild. Während die FIFA von der »Globalisierung des Spiels« schwärmt, wird in Nordamerika das Herz des Fußballs für zusätzliche Milliarden geopfert. Die schleichende Entwertung eines der größten Sportereignisse.

Es war einmal eine Zeit, in der die Qualifikation für eine Weltmeisterschaft eine nationale Errungenschaft für die jeweiligen Nationen war. Ein Ereignis, das Generationen prägte, weil es selten, exklusiv und sportlich hochklassig war. Fußballfans in Stadt und Land bekommen noch heute leuchtende Augen, wenn man ihnen Stichworte zu Turnieren von 1974, 1986 oder 1990 gibt. Unvergessene Spieler und Spiele. Doch wenn im Sommer 2026 erstmals 48 Mannschaften über den nordamerikanischen Kontinent touren, ist diese Ära endgültig vorbei. FIFA-Präsident und Friedenspreisstifter Gianni Infantino verkauft uns das neue Format als »sportliche Entscheidung«. Ein Blick in die Finanzbücher entlarvt dies als das, was es ist: Eine dreiste Lüge.

Die Aufstockung auf 48 Teams ist kein Akt der Nächstenliebe gegenüber kleineren Nationen, sondern eiskaltes Kalkül. Die FIFA folgt dem Geld. Da der europäische Markt gesättigt ist, müssen neue Claims abgesteckt werden. Mehr Teams bedeuten mehr Spiele, mehr Sendezeit und damit mehr Werbemilliarden. Daß dabei die sportliche Qualität verwässert wird, nimmt der Verband billigend in Kauf. Wenn sich künftig 60% der südamerikanischen Teams oder Nationen wie Neukaledonien fast schon per Automatismus qualifizieren, verkommt die Vorrunde zur Bedeutungslosigkeit.

Besonders zynisch wird es beim Blick auf die Gesundheit der Akteure. Um die lukrativen europäischen TV-Märkte zur Primetime zu bedienen, müssen die Spieler in der mörderischen Mittagshitze von Dallas oder Philadelphia auflaufen. Wir werden Spiele sehen, die nicht durch taktische Finesse, sondern durch physische Erschöpfung entschieden werden. Flankiert wird dieser Wahnsinn von logistischen Alpträumen: Reisen über 9.000 Kilometer innerhalb der Gruppenphase sind kein Sport, das ist eine Belastungsprobe für Mensch und Material. Ganz zu schweigen von den Unwägbarkeiten, denen die Fans ausgesetzt sein werden. Jene, die sich die obszön teuren Eintrittskarten überhaupt noch leisten können und eine unauffällige Social-Media-Vita von sich und ihren daheimgebliebenen Angehörigen für Spiele in den USA bei der Einreise vorweisen können.

Zurück zum Sportlichen: Der moderne Fußballer ist längst kein Athlet mehr, er ist ein Content-Lieferant in einem überhitzten Terminkalender. Waren internationale Spiele früher Straßenfeger, sind sie heute zur Kneipenbildschirm-Berieselung verkommen. Zwischen neuer Champions League, reformierter Klub-WM und nun einer aufgeblähten Weltmeisterschaft bleibt die spielerische Brillanz auf der Strecke. Was wir bekommen, ist eine Inflation der Emotionen. Wenn alles zum Event deklariert wird, ist am Ende nichts mehr ein Ereignis.

Die FIFA mag 2026 Rekordeinnahmen von neun Milliarden Dollar erzielen. Sie mag neue Märkte in Asien und Nordamerika erschließen. Doch der Preis dafür ist hoch: Die Magie, die das Turnier einst ausmachte, droht im Treibhaus der Kommerzialisierung zu verdampfen. Am Ende steht ein Produkt, das zwar reicher ist denn je, aber innerlich so leer wie die Versprechen seiner Funktionäre. Der Fußball wird zugänglicher, ja – aber er wird auch ein Stück ärmer an Bedeutung und beliebiger.