Leitartikel24. Juli 2026

»Alpha« – das »Omega« der öffentlichen Schule?

von Alain Herman

»Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende«, heißt es in der Offenbarung des Johannes. Alpha und Omega, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets, bilden dort eine symbolische Einheit für das Umfassende, das Inkommensurable, religiös gesprochen: das Göttliche.

Wie Zeus auf dem Olymp scheint auch Bildungsminister Claude Meisch zu agieren, wenn es um »Alpha – zesumme wuessen« geht. Das Projekt war von Beginn an sein »coup de cœur«, und nachdem die Entscheidung im ministeriellen Götterhimmel gefallen war, sollte an ihm wohl kein Weg mehr vorbeiführen – Pilotprojekt und LUCET-Evaluation hin oder her. Anders lässt sich zumindest schwer erklären, weshalb ein seit Februar fertiger Bericht erst im Juli veröffentlicht wurde, nachdem zusätzliche Begutachtungen eingeschoben worden waren und seine Ergebnisse zusammen mit weiteren Evaluationen eine »globale und kontextualisierte« Präsentation erfahren sollten. Das Ministerium bestreitet, unbequeme Resultate zurückgehalten zu haben; der Verdacht aber, dass wissenschaftliche Erkenntnisse weniger der ergebnisoffenen Prüfung als der nachträglichen Legitimation einer bereits beschlossenen Reform dienen sollten, ist damit nicht gänzlich ausgeräumt.

SNE und SEW haben deshalb zu Recht Kritik geübt. Vier Pilotschulen, eine kleine Stichprobe und eine Evaluation, welche die Kinder noch nicht einmal bis zum Ende der Grundschule begleitet hat, reichen kaum aus, um ein System landesweit zu verallgemeinern, dessen langfristige Auswirkungen auf Deutschkenntnisse, Zyklusverlängerungen und Orientierung unbekannt bleiben. Auch positive Hinweise aus den Pilotschulen ändern daran nichts. Hinzu kommen fehlende Räume und Personalressourcen, eine weitreichende Sprachwahl, die Eltern auf ungesicherter Grundlage treffen sollen, sowie, wie das SEW hervorhebt, das Fehlen eines Gesamtkonzepts, das Sprachförderung, soziale Abfederung und die Reform des gesamten Sprachenunterrichts zusammendenkt.

Wissenschaftlicher wäre es gewesen, gleichzeitig mehrere, gleich ausgestattete Pilotmodelle anlaufen zu lassen: die Alphabetisierung auf Französisch, Deutsch als konsequent vermittelte Fremd- beziehungsweise Zweitsprache, eine luxemburgische Alphabetisierung und einen gestaffelten zweisprachigen Schriftspracherwerb. Erst deren langfristiger Vergleich, gemeinsam ausgewertet mit Lehrkräften, Gewerkschaften, Eltern und Wissenschaft, hätte es ermöglicht, für ein multinationales Land wie Luxemburg nicht das Lieblingsprojekt eines Ministers, sondern das überzeugendste Alphabetisierungssystem zu bestimmen.

Droht »Alpha« also zum »Omega« des öffentlichen Bildungssystems zu werden? Angesichts der bereits vorangetriebenen Zersplitterung der Schullandschaft ist diese Frage keineswegs bloße Polemik. Eine Einwanderungsgesellschaft, die ihre Kinder immer früher nach Sprachwegen, Schultypen und Bildungsangeboten sortiert, treibt die Segregation zweifellos bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit.

Gerade das, was Luxemburg ausgemacht hat und durch eine gemeinsame, starke öffentliche Schule verwirklicht wurde – dass die schaffenden Menschen schon in jungen Jahren kommunikativ zusammenfinden, später gemeinsam in Vereinen tätig werden, das soziale Leben vorantreiben, in sozialen und politischen Kämpfen zusammenstehen und für gesellschaftlichen Fortschritt eintreten –, wird verstärkt aufs Spiel gesetzt, jedenfalls wird jene gesellschaftliche Fragmentierung, ergo Entsolidarisierung zusätzlich verschärft, die infolge der arbeitsweltlichen Flexibilisierung, der in Zergliederung begriffenen Arbeitsteilung und der Ausartung der eskapistischen Konsumangebote, einschließlich der medial-virtuellen, ohnehin längst im Gange ist.