Ausland17. September 2022

Der »Mittlere Korridor« und der Krieg

Pläne zum Ausbau eines Verkehrskorridors aus Europa nach China heizen die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan an

von German Foreign Policy

Der geplante Ausbau eines Verkehrskorridors aus Europa nach China im Interesse der EU heizt die Spannungen zwischen Aserbaidschan und Armenien an und war womöglich ein Motiv für den Überfall aserbaidschanischer Truppen auf Armenien zu Wochenbeginn. Bei der Transportroute handelt es sich um den »Zangezur-Korridor«, der aus Aserbaidschan über armenisches Territorium in Richtung Westen führt. Die Strecke wäre die kürzeste und kostengünstigste Verbindung aus der Türkei zum Kaspischen Meer.

Eine Alternative zu Rußland

Der sogenannte Mittlere Korridor für Transporte zwischen China und Europa ist in jüngster Zeit auf erheblich gesteigertes Interesse gestoßen. Ursache ist, daß die bislang überwiegend genutzte Nordroute über russisches und belarussisches Territorium verläuft; aufgrund des Wirtschaftskrieges der EU und der USA gegen Rußland ist das für den Westen zum Problem geworden. Die Transporte über die Nordroute sind nicht völlig zum Erliegen gekommen, aber deutlich geschrumpft; bereits im Juni war von einem Rückgang von 40 Prozent oder mehr die Rede.

Als »Mittlerer Korridor« wird die Route aus China nach Kasachstan, dann über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan sowie weiter durch Georgien bis in die Türkei bezeichnet. Containerzüge benötigen für die Strecke gewöhnlich 13 bis 14 Tage – deutlich weniger als die gut vier Wochen, die der Seetransport von der chinesischen Ostküste durch den Indischen Ozean sowie den Suezkanal bis nach Istanbul braucht. Bisher wurden mehr als 90 Prozent der Fracht über die Nordroute transportiert. Über den »Mittleren Korridor« liefen im Jahr 2021 lediglich 535.000 Tonnen. Im laufenden Jahr ist das Volumen nach Angaben der Organisation TITR (Trans-Caspian International Transport Route) schon erheblich in die Höhe geschnellt; die TITR rechnet mit einem Jahresvolumen von 3,2 Millionen Tonnen.

Über das Kaspische Meer

Mittlerweile befaßt sich auch die EU in wachsendem Maß mit dem »Mittleren Korridor«. Dies gilt nicht nur für den Gütertransport per Zug bzw. Container, sondern zunehmend auch für den Erdöltransport. Kasachstan ist fünftgrößter Erdöllieferant der EU, bisher aber bei seinem Export weitgehend auf das Pipelinesystem Rußlands angewiesen. Auch dies erweist sich wegen des westlichen Wirtschaftskriegs gegen Rußland als ernste Schwierigkeit; schon mehrmals ist es zu Unterbrechungen bei der Lieferung kasachischen Erdöls gekommen.

In der EU-Führung wird nun diskutiert, größere Mengen kasachischen Erdöls über das Kaspische Meer nach Aserbaidschan zu liefern, von wo aus es per Pipeline in Richtung Mittelmeer geleitet werden könnte. Dazu müßte Kasachstans Infrastruktur ausgebaut werden, was allerdings jenseits des Ölsektors ohnehin geplant ist, um die Kapazitäten des »Mittleren Korridors«, beispielsweise in den kasachischen Häfen am Kaspischen Meer, zu vergrößern.

In Brüssel heißt es, für den Ausbau des Mittleren Korridors könnten Beträge aus dem 300 Milliarden Euro schweren Infrastrukturprogramm »Global Gateway« genutzt werden, das die EU aufgelegt hat, um gegen Chinas Neue Seidenstraße zu konkurrieren.

Der »Zangezur-Korridor«

Für den Ausbau des Mittleren Korridors ist in Aserbaidschan und der Türkei seit geraumer Zeit die Nutzung des »Zangezur-Korridors« im Gespräch. Dabei handelt es sich um eine Route, die aus Aserbaidschan über armenisches Territorium – entlang der armenisch-iranischen Grenze – in Aserbaidschans westlich gelegene Exklave Nachitschewan führt. Nachitschewan wiederum grenzt unmittelbar an die Türkei. Der »Zangezur-Korridor« besitzt gegenüber der bislang genutzten Strecke über Georgien den Vorteil, daß er kürzer ist, was die Kosten für den Bau sowie die Nutzung zusätzlicher Straßen und Eisenbahnschienen reduziert.

Aus türkischer Sicht gilt darüber hinaus als vorteilhaft, daß der Transport ans Kaspische Meer zu einer Angelegenheit alleine zwischen der Türkei und Aserbaidschan würde. Aserbaidschan ist der Türkei eng verbunden: Beide Länder haben alte historische Bindungen; die aserbaidschanische Sprache weist darüber hinaus starke Ähnlichkeiten mit der türkischen Sprache auf. Nationalisten in beiden Ländern verwenden für das Verhältnis zwischen Aserbaidschan und der Türkei oft die Formel »eine Nation, zwei Staaten«.

Streit um die Transportroute

Bislang wird die Nutzung des »Zangezur-Korridors« allerdings durch den Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan blockiert. Aserbaidschan hat den Zugang zu dem Korridor im Krieg vom Herbst 2020 freigekämpft; zuvor hatte ihn die international nicht anerkannte Republik Arzach (Berg-Karabach) kontrolliert. In dem Waffenstillstandsabkommen vom 9. November 2020 ist die Nutzung des »Zangezur-Korridors« als Verbindungsglied zwischen Aserbaidschan und seiner Exklave Nachitschewan skizziert; über die Interpretation des Wortlauts und über dessen Umsetzung gibt es aber Streit.

Dabei geht es etwa um die Frage, ob Armenien Straßen- und Schienenfahrzeuge kontrollieren darf, die durch den Korridor fahren. Zudem fürchten Armenien und der Iran, ein faktisch von Aserbaidschan kontrollierter Korridor entlang ihrer Grenze werde sie real voneinander abschneiden. Die Spannungen, die seit 2020 um den »Zangezur-Korridor« schwelen, sind zuletzt immer heftiger entbrannt. Insbesondere in Aserbaidschan wird der Konflikt immer wieder als eine der Ursachen des jüngsten aserbaidschanischen Überfalls auf Armenien – in der Nacht von Montag auf Dienstag dieser Woche – genannt.

Einmischung von außen

Die Kämpfe, die nach Aserbaidschans Überfall auf Armenien entbrannt sind, haben nach offiziellen Angaben 176 Todesopfer gefordert – 105 armenische und 71 aserbaidschanische Soldaten. Nachdem ein erster, noch am Dienstag früh von Moskau vermittelter Waffenstillstand am Mittwochmorgen gebrochen wurde, konnten beide Seiten sich am Mittwochabend auf einen neuen Waffenstillstand einigen, der zunächst hielt.

Dabei droht nun die weitere Internationalisierung des Konflikts. Waren seit dem Krieg von 2020 Rußland und die Türkei die tonangebenden auswärtigen Mächte, so machen ihnen nun die EU und die USA diesen Status streitig. Die EU hat einen Sondergesandten nach Baku und Jerewan entsandt, der dort nun Verhandlungen führt.

In Jerewan wird am Wochenende die Sprecherin des USA-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, eintreffen – offiziell, um die Unterstützung der USA für Armenien zu demonstrieren. Für Rußland hatte Präsident Wladimir Putin persönlich Verhandlungen zur Beilegung des Konflikts geführt. Die Türkei wiederum ist so eng mit Aserbaidschan verbündet, daß ihr Einfluß in dem Konflikt gesichert ist. Daß nun auch noch äußere Rivalitäten den alten, erbitterten Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan überlagern, verheißt nichts Gutes.