Nie waren die Kandidaten so zahlreich
Schon 35 Anwärter wollen in das Rennen um die französische Präsidentschaft 2027 gehen. Die politische Landschaft dürfte dadurch weiter zersplittern B
Bereits 35 Politiker der verschiedenen Lager hocken Medienberichten zufolge in den Startblöcken, um 2027 für die französische Präsidentschaft zu kandidieren. Das wären mehr als je zuvor in der Geschichte der 1958 gegründeten Fünften Republik. Diese starke Zersplitterung ist für viele problematisch, denn sie fördert im Zweifel die Polarisierung. Tatsächlich läuft das Rennen Umfragen zufolge auf eine Stichwahl im zweiten Wahlgang zwischen Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon hinaus, bei der derzeit die größeren Erfolgsaussichten die Kandidatin des rechtsextremen Rassemblement National (RN) hätte.
Dabei verfügen beide Bewegungen bis auf unbedeutende Splitterparteien über keine echten Bündnispartner. Daher müssen sie sich darauf beschränken, anderen Oppositionsparteien Wähler abspenstig zu machen. RN wildert bei den Republikanern und die linke Bewegung La France insoumise (LFI) bei den Grünen, wobei beide den jeweiligen Zielgruppen Versprechungen machen, die ganz auf deren Überzeugungen zugeschnitten sind.
Der gemeinsame Gegner beider Gruppen ist das Lager, das noch hinter Präsident Emmanuel Macron steht, der nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal kandidieren darf. Das größte Handicap dieses Lagers ist jedoch dessen dürftige Bilanz – mit vielen unerfüllten Versprechungen und gutgemeinten Reformen, die der Präsident nicht durchsetzen konnte. Darum wird dieses Zentrum nicht vom ehemaligen Premier und Präsidenten der Regierungspartei Renaissance, Gabriel Attal, angeführt, sondern von Expremier Édouard Philippe und dessen Zentrumspartei Horizons.
Dieser ehemalige Regierungschef hat den Präsidenten zwar unterstützt, war aber stets auf Distanz bedacht. Jetzt profiliert er sich als rechtsliberaler Kandidat und als aussichtsreichster Sammler von Wählern, die sich die Rückkehr zu einem stabilen und einigermaßen erfolgreichen rechten Regierungsregime wünschen. Philippe trägt sich sogar mit der Idee, die konservativen Kräfte in einem neuen Wahlbündnis oder einer neuen, regierungsfähigen Partei zu sammeln. Das erklärte er am vergangenen Wochenende auf einem Meeting in Tourcoing.
Dazu gehöre, bei der traditionell auf die Präsidentenwahl folgenden Parlamentswahl in jedem Wahlkreis einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Diese Mitte-Rechts-Kandidaten sollten »unter einem gemeinsamen Banner« antreten, um nach der nächsten Parlamentswahl eine Mehrheit zu bilden. Dazu gelte es, auf Gemeinsamkeiten zu setzen und Differenzen zurückzustellen. »Wir müssen eine Koalition aus all jenen bilden, die die Werte teilen, die uns grundsätzlich wichtig sind«, sagte er. In diesem Sinne hat bereits vor zwei Wochen Justizminister Gérald Darmanin seine Unterstützung für Philippe angekündigt und seine eigenen Ambitionen auf das Präsidentenamt aufgegeben.
Störend ist in diesem Strategiespiel noch die Rolle von Bruno Retailleau, dem Präsidenten der rechtskonservativen Oppositionspartei Les Républicains. Er will LR nach mehreren schweren Wahlniederlagen wieder zu einer regierungsfähigen Partei machen, ohne dabei die eigenen Ambitionen auf die Präsidentschaft aufzugeben.
Die linken Kräfte, die nicht wieder wie bei früheren Wahlen nur als Mehrheitsbeschaffer für den selbstherrlichen LFI-Gründer Mélenchon dienen wollen, haben sich von ihm abgewandt und suchen mit einer Basisabstimmung im Oktober nach einem eigenen Präsidentschaftskandidaten. Aussichtsreichster Anwärter ist der EU-Deputierte Raphaël Glucksmann, der seit vielen Jahren dem Parti socialiste (PS) nahesteht, aber 2018 mit Place publique eine eigene linke Partei gegründet hat.
Die Grünen haben noch nicht entschieden, ob sie sich im Oktober an der Suche nach einem gemeinsamen linken Präsidentschaftskandidaten beteiligen oder einen eigenen Kandidaten aufstellen. Wie dem auch sei, die Aussichten eines linken Kandidaten neben und gegen Mélenchon sind verschwindend gering. Das gilt auch für den Nationalsekretär des Parti communiste français (PCF), Fabien Roussel, der als eigener Kandidat aufgestellt werden soll.

