Von »deutschem Boden« im Libanon und einstürzenden Wohnhäusern
Reportage aus Tripoli
Montag, 16. Februar 2026. Es ist früh am Morgen, als der Wagen Beirut in Richtung Norden verläßt. Ziel der Fahrt ist die nordlibanesische Hafenstadt Tripoli, wo vor wenigen Tagen weitere Häuser eingestürzt sind und 14 Menschen unter ihren Trümmern begraben wurden. Der Weg führt über die Corniche, die Küstenpromenade der libanesischen Hauptstadt, entlang des östlichen Mittelmeers. Wie jeden Morgen absolvieren dort Frühaufsteher zügigen Schrittes ihr morgendliches Walking-Programm.
Landeinwärts ist die Corniche von Soldaten gesäumt, die eine Art Schutzkette bilden, dazwischen stehen ihre Militärfahrzeuge. Besonders dicht stehen die Soldaten gegenüber dem militärischen Teil des Hafens von Beirut. Der Fahrer konzentriert sich auf den dichter werden Verkehr, prüft die Außenspiegel, die Hupe verschafft ihm immer wieder Durchfahrt.
In Beirut ist in diesem Morgen auch der deutsche Bundespräsident Steinmeier aufgewacht. Dem Kurzprogramm des Bundespräsidialamtes ist zu entnehmen, daß er am Abend zuvor auf dem Flughafen von Beirut gelandet ist. Auf seinem Programm standen Treffen mit der Regierungsspitze des Libanon: Präsident Joseph Aoun, Ministerpräsident Nawaf Salam und Parlamentspräsident Nabi Berri. Am Montagabend traf der Bundespräsident Soldaten auf der Fregatte »Sachsen-Anhalt« der deutschen Bundesmarine. Es sei ihm »eine Ehre« die Gäste »an Bord der ‚Sachsen-Anhalt‘ willkommen zu heißen«, so Steinmeier: »Wir stehen hier, wenn man so will, auf einem Stück deutschen Bodens im Libanon – Schiffsboden genauer gesagt – fest vertäut im Hafen von Beirut.«
Die deutsche Fregatte ist Teil der seeseitigen UNO-Friedensmission für den Libanon UNIFIL, was Steinmeier später auch erwähnt. Sie soll »Waffenschmuggel verhindern«. Das »deutsche Schiff« hat es dem Bundespräsidenten so sehr angetan, daß er seine Rede damit auch wieder schließt. Mit diesem »deutschen Schiff unter den Füßen und dem libanesischen Sternenhimmel über uns« wolle man »gemeinsam anstoßen (….) auf die deutsch-libanesische Freundschaft, auf Verläßlichkeit und auf eine gemeinsame und geteilte Zukunft«, sagt Steinmeier, der am folgenden Tag dann nach Jordanien reiste, zu einem »Stabilitätsanker«, wie er später sagte.
Mit dem Libanon und Jordanien besuche der Bundespräsident »zwei Nachbarländer Israels«, heißt es in den Nachrichten. Der Fokus seiner Reise liege auf der »Sicherheit Israels«, die seit der Adenauer-Zeit im alles überragenden Interesse der Bundesregierung ist. Zwar spricht Steinmeier von der »Sicherheit der Region«, doch die Sicherheit der Länder, die wie der Libanon, Syrien und die besetzten palästinensischen Gebiete, täglich von Israel attackiert werden, spielen offensichtlich eine untergeordnete Rolle.
Die Mühen der Ebenen
Die Mühen der Ebenen sind nicht die Sache bei Staatsbesuchen. Weder die schlechten Lebensverhältnisse vieler Libanesen stehen auf dem Programm des deutschen Präsidenten, noch die Probleme der »neuen« Flüchtlinge aus Syrien, die zumindest im Kurzprotokoll des Präsidialamtes nicht vorkommen. Zwar wird der 218 Opfer der Explosion im Hafen von Beirut im Jahr 2020 gedacht, nicht aber der mehr als 3.000 Libanesen, die bei einer ferngesteuerten Explosion ihrer persönlichen Funkrufempfänger, im September 2024 schwer verletzt, verstümmelt oder getötet wurden. Israel übernahm schier stolz die Verantwortung für die Mossad-Aktion und wurde bis heute für den nach internationalem Recht auf die Zivilbevölkerung verbotenen Angriff nicht zur Rechenschaft gezogen.
Der Libanon und Israel müßten »ihre Verpflichtungen aus dem Waffenstillstandsabkommen von 2024 erfüllen«, mahnt der deutsche Bundespräsident in Beirut. Der Libanon müsse die Entwaffnung der Hisbollah sicherstellen, um die Voraussetzungen für einen israelischen Rückzug zu schaffen, so Steinmeier. Zumindest im Protokoll bleibt unerwähnt, daß Israel seit dem »Waffenstillstand« mehr als 10.000 Angriffe auf den Libanon geflogen hat, wie aus UNO-Zahlen hervorgeht. Israel hat ganze Landstriche und Dörfer dem Erdboden gleich gebombt, fast täglich werden bei den Angriffen Menschen getötet.
In Tripoli warten derweil Bewohner des Ortsteils Tabbaneh vergeblich auf Hilfe. Am 8. Februar stürzten ihre alten Häuser unter der Wucht winterlicher Regenfälle ein, 14 Menschen starben. Die Häuser standen einst oberhalb einer viel befahrenen Straße mit Geschäftshäusern, Cafés und einer Tankstelle. Die Straße zu dem höher gelegenen Viertel steigt steil einen dicht bebauten Berg hinauf, jeder kann den Weg zu der Einsturzstelle zeigen. Auf einem Gehweg vor noch höher gelegenen Häusern sitzen und stehen einige Menschen, die sich angeregt unterhalten. Drei Polizeibeamte stehen etwas abseits und beobachten das Geschehen.
Alle Ersparnisse verloren
Unter den Menschen ist auch die 78-jährige Leyla Mahmud Tishreen. Ganz in schwarz gekleidet sitzt sie gegenüber den Trümmern und wischt sich Tränen aus den Augen. Hier habe sie seit ihrer Heirat vor 56 Jahren mit ihrem Mann gelebt, berichtet sie. Ihr Mann sei vor vier Jahren gestorben, sie habe allein dort gewohnt. An diesem Tag hatte sie das Haus verlassen, um zu einem ihrer Kinder zum Essen zu gehen. Kaum sei sie dort angekommen habe sich die Nachricht von den einstürzenden Häusern wie ein Lauffeuer in Tabbaneh verbreitet. Voller Angst sei sie mit ihrem Sohn und dessen Familie zurück zu ihrem Haus gelaufen, doch es sei nicht mehr da gewesen. Nur Trümmer, sagt die 78-Jährige und zeigt auf eine Kachel, die aus den Trümmern hervorschaut. »Mein Boden hatte diese Kacheln«, sagt sie.
»Meine Wohnung war ganz oben, im 3. Stock, nach und nach haben wir renoviert, repariert.« Alle ihre Ersparnisse, die sie »für ein gutes Leben im Alter« zurückgelegt hatte, seien verloren gegangen. Sie lebe jetzt bei ihrer Tochter, die im Parterre eines Hauses in der Nähe wohnt. Ihr Sohn wohne auch in der Nähe, doch es sei ein hohes Haus. Er wohne im 7. Stock, einen Aufzug gebe es nicht, die Treppen hinauf könne sie nicht mehr steigen. »Und unser Haus ist auch einsturzgefährdet«, sagt ihr Sohn und zeigt auf seinem Handy Fotos und Videos, auf denen tiefe Risse in Boden, Decken und in den Wänden zu sehen sind. »In unserem Haus leben 170 Menschen, was wird geschehen, wenn es einstürzt?!«
Wir sind Menschen, wir brauchen eine Wohnung
Immer wieder entwickelt sich ein lebhaftes Gespräch unter den Menschen, die ihre Wohnungen verloren haben. Man habe sie zwar registriert, doch wisse man nicht wann, wo und wie sie Hilfe erhalten würden, auch nicht, wie viel es sein werde. »Wir wollen doch nur, daß man sich um uns kümmert«, sagt ein Mann in staubiger Arbeitskleidung. »Wir sind Menschen, wir sind arm. Wir brauchen ein Haus, eine Wohnung, wir brauchen Kleidung, Essen und Medizin.«
Nur wenige Kilometer entfernt, im Zentrum von Tripoli ist Bürgermeister Abdul Hamid Kerimeh ein viel beschäftigter Mann. Nur wenige Minuten hat er Zeit, um Fragen zu beantworten, dann wartet schon der Nächste darauf, zu ihm vorgelassen zu werden. Es ist erst seit sechs Monaten im Amt, sagt er höflich. Er habe eine schwere Last aus den vorherigen Jahren übernommen. »Vor der Finanzkrise hatten wir 60 Millionen US-Dollar auf der Bank, 2 Millionen davon sind uns geblieben.« Die Häuser in Tabbaneh seien nicht die einzige Herausforderung für den Stadtrat.
Mit der Regierung in Beirut sei ein Notfallplan ausgearbeitet worden. Vorgesehen seien Zahlungen an die obdachlos gewordenen Menschen für ein Jahr, damit sie eine neue Wohnung finden könnten. Weitere Evakuierungen seien vorgesehen, der Wiederaufbau werde vermutlich erst in zwei Jahren richtig beginnen können, sagt Bürgermeister Karimeh. »Ein Ingenieursteam hat die Aufgabe, die Bausubstanz zu prüfen, dann werden Neubaugebiete ausgesucht.« Zudem werde in Tripoli mehr investiert. Der Hafen sei stärker frequentiert, ein nahe gelegener Flughafen werde renoviert, jährlich werde es zukünftig eine Messe geben und eine neue Freihandelszone nahe am Hafen werde eröffnet. »Das wird neue Investoren anlocken, Arbeitsplätze schaffen«, sagt er. Er sei zuversichtlich, daß die Stadt wirtschaftlich wieder auf die Beine kommen werde.

