Informationskrieg im Sahel
Malis Übergangsregierung steht unter massivem Beschuß
Die Situation ist ernst: Durch koordinierte Angriffe der islamistischen Terrororganisation JNIM und der so genannten »Front de libération de l'Azawad« (FLA) auf die Hauptstadt Bamako und weitere wichtige Städte in Mali am 25. und 26. April und weiteren Attacken am 6. und 8. Mai haben mehr als hundert Menschen ihr Leben verloren. Unter den Opfern ist Malis Verteidigungsminister Sadio Camara. Seit dem 30. April blockiert JNIM einige in die Hauptstadt führende Straßen. Die Terroristen brennen Lastwagen nieder. Die Einwohner der Metropole fürchten um ihre Ernährungssicherheit.
JNIM untersteht der Terrororganisation Al-Kaida. FLA ist eine bewaffnete Gruppe von Tuareg-Sezessionisten. Diese Allianz kündigte am 30. April an, die Übergangsregierung unter Assimi Goïta »beenden« zu wollen. Man strebe einen »friedlichen und inklusiven Übergang« an, behaupten die Terroristen.
Präsident Goïta war nach dem Angriff am 25. April zunächst abgetaucht, was Spekulationen über seinen Verbleib und sein Wohlbefinden nährte. Er hält Frankreich und die Ukraine für mitverantwortlich für die Angriffe. Das Außenministerium der Russischen Föderation – das Land unterstützt Mali im Kampf gegen den Terrorismus – erklärte, erste Informationen deuteten darauf hin, daß »westliche Sicherheitsstrukturen« möglicherweise an der Ausbildung der Angreifer beteiligt waren. Im Oktober vergangenen Jahres hatte FLA-Sprecher Mohammed Elmaouloud Ramadane selbst eingeräumt, man unterhalte »gute Verbindungen zu den Ukrainern, zu Frankreich und den USA«.
Frankreichs Regierung äußerte sich nicht zu den Vorwürfen. Sie brauchte drei Tage, um die Angriffe zu »verurteilen« und »Solidarität« mit dem malischen Volk zu deklarieren. Eine ungewöhnlich lange Spanne für die Diplomaten am Quai d’Orsay, die politische Entwicklungen in Nord-, West- und Zentralafrika minutiös mitschneiden.
Mali wehrt sich gegen die Angriffe. Die Streitkräfte des Landes erklärten, mehr als 200 der Angreifer bei Gegenoffensiven getötet und zahlreiche Fahrzeuge und Motorräder zerstört oder sichergestellt zu haben. Eine weitere Gegenoffensive sei geplant, auch Luftschläge fliege man. Drei Tage nach den ersten Angriffen erklärte Präsident Goïta, die »äußerst ernste« Situation sei wieder unter Kontrolle. Eine Einschätzung, die einige Bewohner betroffener Städte in sozialen Medien zurückwiesen.
Die Militärstaatsanwaltschaft des Landes hat Ermittlungen wegen des Überfalls vom 25. April aufgenommen. Ersten Erkenntnissen zufolge gebe es belastbare Erkenntnisse, daß einige einheimische Militärs an »der Planung, der Koordination und der Ausführung« der Angriffe beteiligt gewesen seien. Die Staatsanwaltschaft wirft auch einigen Politikern der Opposition vor, involviert zu sein.
Das russische Außenministerium versicherte, weiterhin solidarisch an der Seite von Malis Regierung zu stehen. »Wir unterstützen ihr Engagement für Frieden, Sicherheit und eine nachhaltige sozioökonomische Entwicklung.« JNIM und FLA hatten Rußland aufgefordert, seine Soldaten aus Mali abzuziehen. Dem werde man nicht Folge leisten, unterstrich das Ministerium von Sergej Lawrow. Das aus der Gruppe Wagner hervorgegangene Afrikanski Korpus (»Afrikanische Korps«, in den deutschsprachigen Medien schlicht als »Afrikakorps« bezeichnet) untersteht seit November 2023 offiziell dem russischen Verteidigungsministerium. Die Einheit kämpft mit etwa 2.000 Soldaten an der Seite der Streitkräfte Malis. Sie hatte sich aus einigen der am 25. April angegriffenen Städte kampflos zurückgezogen, was einige Beobachter beunruhigt hatte.
Präsident Assimi Goïta empfing Rußlands Botschafter in Mali, Igor Gromyko, sowie eine Delegation russischer Militärs am 28. April. Ein Arbeitsbesuch, der auch symbolisch wichtig war: Für Goïta war es der erste öffentliche Auftritt nach den Angriffen vom 25. April – und ein deutliches Zeichen der Freundschaft mit Rußland. Westliche Medien nennen den ermordeten Verteidigungsminister Sadio Camara den »Architekten« der Beziehungen Malis zu Rußland. Die Aufgaben Camaras übernimmt Goïta selbst.
Klar ist: Gekämpft wird auch um die Deutungshoheit. Westliche Medien trügen durch gezielte Desinformation dazu bei, die Bevölkerung zu verunsichern, kritisieren Malis Streitkräfte und das Afrikanski Korpus. Mali kämpft seit 2012 gegen islamistische Aufstände. Noch länger kämpfen Tuareg-Verbände für Sezession. Die Tuareg gelten im Vielvölkerstaat Mali als unsichere Kantonisten – vor allem, weil der französische Imperialismus die Ethnie historisch zur Spaltung der Bevölkerung in seiner Kolonie mißbraucht hat. Ende 2025 streuten westliche Medien das Narrativ, Bamako werde bald von Dschihadisten übernommen. Die dortige Übergangsregierung hatte noch kurz vor den Angriffen von Erfolgen im Kampf gegen den Terrorismus gesprochen.
Ein schwerer strategischer Fehler ist ihr wohl selbst unterlaufen. Die Regierung Assimi Goïtas wirft Algerien vor, die Sezession der Tuareg zu unterstützen. Während Burkina Faso und Niger, die sich mit Mali zur Allianz der Sahel-Staaten zusammengeschlossen haben, ihre guten Beziehungen zu Algerien pflegen oder ausbauen, wandte Mali sich von seinem Nachbarn im Norden ab. Goïta nähert sich Marokko an und erkennt gar dessen kolonialen Anspruch auf Westsahara an. Gespräche hat er auch mit den USA und Israel aufgenommen – vermutlich in der Hoffnung, diese davon abbringen zu können, die Terroristen in seiner Heimat zu unterstützen.

