Von Multilateralismus und guten Worten
»Multilateralismus mag unvollkommen sein«, erklärte Luxemburgs Staatsoberhaupt in seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung. »Doch die Enttäuschung darüber sollte uns zu Reformen veranlassen, nicht dazu, ihn abzulehnen. Die Frage ist daher nicht, ob wir den Multilateralismus noch brauchen. Die Frage ist, ob wir den Mut haben, ihn zu verbessern.« Das sind kluge Worte, die man ihm in seine Rede geschrieben hat. Die entscheidende Frage ist allerdings, ob unsere Regierung selbst bereit und in der Lage ist, dieser Linie konstruktiv zu folgen.
Zweifel sind angesagt, denn bei der Betrachtung der Entwicklungen in der Welt blieb der Großherzog bemerkenswert einsilbig. Zwar erwähnte er, dem gängigen Narrativ folgend, »Rußlands Angriffskrieg gegen die Ukraine«, der »den Krieg zurück auf unseren Kontinent gebracht« habe – aber die Schreiber der Rede vergaßen bezeichnenderweise nicht nur den Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien zu nennen, den ersten Krieg in Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, sondern es blieben vor allem die aktuellen Kriege südlich unseres Kontinents unerwähnt – der israelische Völkermord-Krieg gegen die Palästinenser und der Angriffskrieg der USA und Israels gegen den Iran, der vor allem dafür verantwortlich ist, daß die Energiepreise weltweit explodieren und als weitere Folge die Kosten in fast allen Bereichen des Lebens und damit auch die Inflation in die Höhe steigen.
Es ist absolut richtig, wenn in der Rede des Großherzogs, die wohl vor allem als Bewerbungsrede für einen erneuten nichtständigen Sitz Luxemburgs im UNO-Sicherheitsrat für 2031/32 gedacht war, betont wird, wir sollten »Vertrauen in unsere Möglichkeit zur Zusammenarbeit haben«. Leider folgen darauf keine konkreten Vorschläge dafür, wie durch Zusammenarbeit nicht nur Kriege beendet, sondern auch die Ursachen für Kriege und Krisen Schritt für Schritt beseitigt werden können.
Als der vom Internationalen Strafgerichtshof per Haftbefehl gesuchte israelische Regierungschef seine von Haß und Lügen durchsetzte Rede hielt, haben laut Beobachtern die Delegationen von 77 Ländern den Saal verlassen, darunter die EU-Länder Irland, Spanien und Slowenien – warum hat Luxemburgs Delegation nicht den Mut dazu aufgebracht?
Kein bisher hörbarer Protest gegen die unsäglichen Ausfälle des USA-Präsidenten gegen den Iran, den er in die Hölle zu schicken drohte, und gegen Kuba, das er demnächst übernehmen will.
Die Bewerbung Luxemburgs für die Mitgliedschaft im Sicherheitsrat geschehe »in aller Bescheidenheit, aber auch mit der Überzeugung, daß ein kleines Land eine andere Perspektive einbringen, Standpunkte annähern und dazu beitragen kann, eine gemeinsame Basis zu finden, wenn dies am schwierigsten ist«, heißt es völlig richtig in der Rede das Großherzogs.
Warum fehlt dem kleinen Land der Mut, wie Brasiliens Präsident vor der Weltgemeinschaft auf das größte Problem unserer Gegenwart hinzuweisen, daß nämlich Billionen Dollar ein neues Wettrüsten finanzieren und geopolitische Spannungen regionale Konflikte in einen Flächenbrand globalen Ausmaßes zu verwandeln drohen. »Krieg ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern das völlige Scheitern der Politik«, sagte Lula da Silva in seiner Rede.
Bleibt anzumerken, daß es nicht ausreicht, gute und richtige Worte zu finden oder die Welt auf unterschiedliche Weise zu interpretieren. Es kommt darauf an, sie zu verändern!
Uli Brockmeyer

