Der Pager-Angriff im Libanon und die Rolle von Palantir
Wenn Technologieunternehmen Krieg führen
Der September ist im Libanon zu Ende gegangen. Er ist zu einem Monat des Gedenkens und der Trauer geworden. Es ist ein schwieriger Monat für die Bevölkerung im Zedernstaat.
Neben den anhaltenden Angriffen im Süden des Landes, wo die israelische Besatzungsarmee Häuser, Felder, Obst- und Olivenhaine verwüstet und nach Angaben von Kriegsminister Israel Katz mehr als 60.000 Wohnhäuser dem Erdboden gleichgemacht hat, wurde der Tausenden Opfer gedacht, die bei israelischen Angriffen seit September 2024 getötet oder verletzt wurden. Man erinnerte an die Opfer der »Pager-Angriffe« am 17. Und 18. September 2024, man erinnerte an die Ermordung der Führung der Hisbollah, darunter auch der langjährige Generalsekretär Hassan Nasrallah und sein Cousin und Stellvertreter Hashim Saffiedim. Man erinnerte an die vielen Kinder, die bei israelischen Angriffen getötet wurden.
Allein im September 2024 wurden 178 Kinder getötet, 85 von ihnen wurden am 23. an einem einzigen Tag getötet. Im Zeitraum von Oktober 2023 bis September 2026 dokumentierte das libanesische Gesundheitsministerium den Tod von mindestens 775 Kindern. Berichten zufolge verloren mehr als 145 Familien mindestens zwei ihrer Kinder. Dutzende Familien verloren drei oder mehr Kinder zugleich. 70 Prozent der getöteten Kinder waren unter zwölf Jahre alt. UNICEF, die Kinderhilfsorganisation der UNO, warnte vor der Abstumpfung gegenüber diesen Katastrophen, die Familien und Angehörige ein Leben lang begleiten. Der Schutz der Zivilbevölkerung müsse dringend geachtet werden, so UNICEF.
Doch die weiter anhaltende Straflosigkeit wirkt wie eine Droge auf die Täter, auf das israelische Militär, das Kriegskabinett und auf seine Unterstützer, die Waffen und Geld liefern. Täglich werden Menschen nicht nur im Libanon, sondern auch in Palästina, im Gazastreifen und im Westjordanland, getötet und die Welt schweigt.
Für die Überlebenden und Verletzten der Pager-Angriffe wurde im Libanon eine Stiftung gegründet, die die Menschen auf ihrem harten Weg zurück ins Leben unterstützt. Zwei Jahre seien seit dem Massaker und dem Schweigen der Welt darüber vergangen, heißt es in einer Erklärung der »Stiftung für die Verletzten«. Diese hätten ihre Schmerzen in Würde verwandelt, »ihr habt uns gezeigt, daß Erholung bedeutet, nicht aufzugeben, sondern weiterzumachen«. Die Stiftung werde ihr Zuhause bleiben.
In vielen Medien des Globalen Südens wurde über betroffene Familien, Kinder, junge Frauen und Eltern berichtet, die den Versuch ihres neuen Lebens beschrieben. Ärzte kamen zu Wort, die damals rund um die Uhr operierten. Sie amputierten Finger, Hände, Arme, sie versuchten, verbrannte Gesichter, Augen zu retten. Viele der überlebenden Verletzten werden ein Leben lang auf Hilfe angewiesen sein.
Die Täter setzen ihr mörderisches Handeln ungestraft fort. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu, der bereits wegen möglicher Kriegsverbrechen im palästinensischen Gazastreifen mit internationalem Haftbefehl gesucht wird, verhöhnte die Opfer bei seiner Rede vor der UNO-Generalversammlung in New York. Mit seinem Auftritt verhöhnte Netanjahu auch die UNO und ihre Charta.
Netanjahu stolz auf Kriegsverbrechen
»Erinnern Sie sich an die Piepser«, fragte Netanjahu während seiner knapp 40-minütigen Rede in New York. Mehr als die Hälfte der Delegierten hatten bereits zu Beginn seiner Rede aus Protest den Saal verlassen. Netanjahu hielt einen Funkmeldeempfänger in die Luft, einen sogenannten Pager. Begleitet von Jubelrufen und Beifall der noch Anwesenden in der Halle, rief Netanjahu: »Ich sage Ihnen was, Hisbollah wird sich sicherlich an sie erinnern.«
Der kleine Showeffekt mit dem Hochhalten des Funkmeldeempfängers, war Teil von militärischen Erfolgsmeldungen Netanjahus darüber, wie Israel die Hamas zerbombt und auf die Hisbollah »eingeprügelt« habe und das so lange fortsetzen werde, bis Israel sicher sei und seine Verbündeten auch. Israel kämpfe selbst »für die Feiglinge, die die Halle verlassen« hätten.
Im November 2024 hatte Netanjahu bestätigt, daß Israel für den Angriff mit den präparierten Funkmeldegeräten verantwortlich gewesen sei. Menschenrechtsorganisationen und Vertreter des Menschenrechtsrates der UNO verurteilten die Angriffe als Kriegsverbrechen. Doch viele zumeist westliche Vertreter von Politik und Medien machten aus ihrer Hochachtung vor dem Terroranschlag keinen Hehl. Gerhard Schindler, Ex-Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND, sprach von einer »äußerst professionellen und herausragenden geheimdienstlichen Operation (...), die in die Geschichte der außergewöhnlichen nachrichtendienstlichen Aktionen eingehen« werde.
Israel erklärte, man habe Hisbollah-Kämpfer und Ziele der Hisbollah ins Visier genommen und »ausgeschaltet«. Tatsächlich waren die meisten der Opfer Zivilisten, auch Kinder. Mindestens 42 Personen wurden getötet, mehr als 3.400 Menschen wurden verletzt. Die Überlebenden erlitten schwerste Verletzungen an Händen, im Gesicht und an Augen, viele erblindeten.
Palantir führt Israels Krieg
Ermöglicht wurde der Angriff von Palantir. Die Software des USA-Konzerns, seine Künstliche Intelligenz (KI), war direkt in die Angriffe auf Palästinenser im Gazastreifen nach dem 7. Oktober 2023 involviert. Ein knappes Jahr später wurde Palantir auch bei der »Pager-Attacke« im Libanon eingesetzt.
Vor wenigen Tagen wurden Aussagen des damaligen israelischen Militärministers Yoav Gallant veröffentlicht. Danach sei das eigentliche Ziel gewesen, die Walkie-Talkies der Hisbollah zu zerstören, berichtete die israelische Tageszeitung »Yedioth Ahronoth«. Man habe dann aber festgestellt, daß die Hisbollah die Funksprechgeräte untersucht habe, weil sie Manipulationen vermutete. Sie schickten Geräte zur Überprüfung in den Iran, der wiederum sandte Prüfgeräte in den Libanon, um die Pager zu überprüfen. Daraufhin habe Israel eingegriffen, so Gallant. Der Hisbollah-Techniker, der die Geräte untersucht hatte, wurde bei einem Luftangriff getötet, die aus dem Iran gelieferte Prüftechnik wurde zerstört.
Die Pager wurden gezündet, um zu vermeiden, daß Hisbollah erkannte, daß Israel entdeckt hatte, daß der Hisbollah Zweifel an den Geräten gekommen waren. Der Angriff sei seit mehr als zehn Jahren geplant gewesen, so Gallant. Das Ergebnis sei »sehr beeindruckend« gewesen. »Hisbollah hat mehr als 2.000 Verletzte, die ihre Finger, Augen oder Hüfte verletzt haben«, erklärte Gallant.
Viele internationale Medien haben »Dokumentationen« veröffentlicht, die darstellen sollen, was genau wie, wann und vom wem bei der Mossad-Operation getan worden sei. Weitere Filme und Serien sind angekündigt. Doch es liegt im Wesen eines Geheimdienstes, daß er schönfärbt, wenn es um eigene Einsätze geht.
Palantir: Wir stehen an der Seite Israels
Tatsache ist, daß das US-amerikanische Unternehmen Palantir sowohl in die Pager-Angriffe im Libanon als auch in Angriffe auf den Gazastreifen involviert war – und ist. Detailliert beschrieben wird das Vorgehen des israelischen Geheimdienstes in einem Buch über Alex Karp, Mitbegründer und Geschäftsführer von Palantir. »Die Technologie des Unternehmens wurde von den Israelis während der Militäroperationen im Libanon im Jahr 2024 eingesetzt, die die oberste Führung der Hisbollah dezimierten. Sie kam auch bei der Operation ‚Grim Beeper‘ zum Einsatz«, bestätigte Michael Steinberger, der Autor des Buches. Alex Karp gilt als der philosophische Kopf hinter dem Unternehmen. Er hatte zur Zeit der zweiten Generation der »Frankfurter Schule« an der Goethe Universität in Frankfurt am Main u.a. bei Jürgen Habermas studiert.
»The Philosopher in the Valley«, so der Titel des Buches: »Alex Karp, Palantir and the Rise of the Surveillance State«, zu Deutsch etwa: »Der Philosoph aus dem Tal (Silicon Valley) – Alex Karp, Palantir und der Aufstieg des Überwachungsstaates«. Das Unternehmen stehe »stolz hinter der US-Regierung«, so Karp. Er persönlich sei zudem »stolz darauf, daß wir Israel auf jede erdenkliche Weise unterstützen«. Eine deutsche Übersetzung des Buches liegt nach Wissen der Autorin (noch) nicht vor.
Der Plan zur Infiltration menschlicher Agenten
Die libanesische Tageszeitung »Al Akhbar« schrieb, in die Funkmeldegeräte sei ein hauchdünner Chip eingebaut worden, nicht dicker als ein Blatt Papier. Der Chip sei in die Batterie der drahtlosen Geräte integriert worden und sei der eigentliche Sprengsatz gewesen, mit der Stärke einer Bombe. Das verwendete Material stamme nicht aus Israel, sondern sei in einer militärischen Einrichtung in den USA hergestellt worden. Die Wirkung sei schon verschiedentlich geprüft worden. Konkret wurde die Ermordung von Yahya Ayyash genannt. Ayyash gehörte der Hamas an und wurde im Januar 1996 durch einen ferngesteuerten Sprengsatz in seinem Mobiltelefon getötet.
Geheimdienste weltweit würden solche Sprengvorrichtungen benutzen, so Al Akhbar weiter. Sie seien ein »inhärentes strukturelles und grundlegendes Merkmal von Geheimdiensten«. Israel allerdings kenne keine Grenzen dafür, wie weit eine solche Täuschung gehen könne. Al Akhbar nennt als Hauptverantwortlichen den Leiter des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, Yossi Cohen. Die Infiltration im Libanon sei umfassend gewesen und habe bereits im Jahr 2000 begonnen. Damals war die israelische Armee unter dem Druck der Hisbollah, aber auch Israel-intern gegen die Besatzungspolitik, nach 18 Jahren Besatzung aus dem Libanon abgezogen. Der nach dem 11. September 2001 von den USA ausgerufene »Krieg gegen den Terror« habe dann enorme finanzielle und technologische Kapazitäten freigesetzt. Cohen sei verantwortlich gewesen für einen »Plan zur Infiltration durch menschliche Agenten«, der innerhalb der Hisbollah aufgebaut worden sei.
Die Beteiligung großer Technologieunternehmen an Kriegshandlungen wird inzwischen offen und mit viel Geld gefördert. Das Unternehmen Palantir wird – in Kooperation mit Israel und deutschen und anderen Rüstungsunternehmen und Startups seinen Einfluß ausbauen. Francesca Albanese, Sonderberichterstatterin der UNO für Menschenrechte in den besetzten palästinensischen Gebieten, hat Palantir in einem Anfang Juli 2025 veröffentlichten Bericht als Mitwirkenden am Völkermord im Gazastreifen genannt.
In Deutschland ist Palantir willkommen. Am 24. September erhielt Peter Thiel, Mitbegründer und Hauptinvestor von Palantir, den Axel Springer Award.

