• Ausland22. Januar 2022

    »Ausländischer Angriff unwahrscheinlich«

    Havanna-Syndrom: CIA rudert zurück

    von dpa/ZLV

    Nachdem das Repräsentantenhaus der USA im September einstimmig beschlossen hat, Opfern des sogenannten Havanna-Syndroms staatliche Unterstützung zukommen zu lassen, ist der Auslandsgeheimdienst CIA jetzt in einem Zwischenbericht zurückgerudert. Wie USA-Medien am Donnerstagabend (Ortszeit) berichteten, geht die CIA »derzeit nicht davon aus, daß ein fremdes Land« für rätselhafte Kopfschmerzen, Hörverlust, Schwindel und Übelkeit, über die zunächst USA-Diplomaten in der kubanischen Hauptstadt und später auch Botschaftspersonal an vielen anderen Orten klagten, verantwortlich ist.

    Die CIA habe keine Beweise gefunden, die meisten Erkrankungen von Diplomaten seien »auf bisher nicht diagnostizierte Krankheiten oder Streß zurückzuführen«. Es gebe allerdings auch Fälle, die sich nicht erklären ließen. Es sei indes »unwahrscheinlich«, daß es sich um »eine anhaltende weltweite Kampagne« handle, so die CIA. Ein hochrangiger Beamter des Auslandsgeheimdienstes sagte der Nachrichtenagentur AFP zu dem Bericht: »Wir haben festgestellt, daß es unwahrscheinlich ist, daß ein ausländischer Akteur, einschließlich Rußland, eine anhaltende weltweite Kampagne durchführt, bei der US-Personal mit einer Waffe oder einem Mechanismus geschädigt wird.«

    Ab 2016 hatten Dutzende in Havanna lebende USA-Diplomaten und zum Teil auch ihre Angehörigen über Kopfschmerzen, Hörverlust, Schwindel und Übelkeit geklagt. Als Ursache diskutiert wurde in den USA der Einsatz von Schallkanonen oder Mikrowellensendern, was die Kubanische Akademie der Wissenschaften als »mit den Gesetzen der Physik nicht vereinbar« zurückwies. Trotzdem wurde das Botschaftspersonal der USA in Havanna auf ein Minimum reduziert.

    Später wurden auch an anderen Orten der Welt ähnliche Erkrankungen von Botschaftspersonal gemeldet, in China und Rußland, aber auch in Deutschland, Australien, Kolumbien, Österreich und sogar Washington. Dort schloß man nicht aus, daß es sich um eine Art »Angriff« handeln könnte. Außenminister Antony Blinken versicherte am Donnerstag: »Wir werden weiter alles tun, was wir können, um zu verstehen, was passiert ist, warum es passiert ist und wer dafür verantwortlich sein könnte.«

    Weiterlesen
  • Ausland22. Januar 2022

    Erfolgreicher Bildungsstreik in Frankreich

    von Valentin Zill

    Die Mobilisierung für den Bildungsstreik in Frankreich am 13. Januar war »historisch«, schwärmte die kommunistische Tageszeitung »L’Humanité«. Das Innenministerium sprach anschließend von 77.500 Demonstranten im ganzen Land. Eine deutliche Untertreibung, befand »L’Humanité«, denn: Fast alle Bildungsgewerkschaften hatten zu dem Streik aufgerufen, dazu Schüler- und Studentenvereinigungen sowie betroffene Eltern.

    Die Gewerkschaft FSU meldete, 75 Prozent des Grundschulpersonals und 62 Prozent des Personals an weiterführenden Schulen hätten gestreikt. »Die Erschöpfung und Verzweiflung aller im Bildungsbereich hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht«, hieß es im Streikaufruf. Das kaputtgesparte Bildungssystem war schon vor Corona eine Katastrophe.

    In Zeiten der Pandemie herrscht pures Chaos. Mies bezahlte Lehrkräfte bekommen nicht einmal Masken gestellt und ertrinken in Verwaltungsaufgaben. Schüler warten teils stundenlang auf die lediglich zwei Coronatests pro Woche. Die Inzidenz liegt aktuell bei über 4.500. »Wir streiken nicht gegen das Virus, sondern gegen die inkohärenten Maßnahmen dagegen«, äußerte sich eine Lehrerin in Paris. Auch die Schülerinnen auf dem abgedruckten Foto fordern finanzielle Mittel, um die Pandemie bekämpfen zu können, sowie Studienplätze für angehende Lehrkräfte. Beliebteste Parole des Tages: »Das Virus heißt Blanquer« – der verantwortet die Bildungspolitik der Regierung von Präsident Macron. Gewerkschaften fordern den Rücktritt des Ministers.

    Die Streikenden setzten ein deutliches Zeichen, das die Regierung nicht ignorieren konnte. Noch für den selben Abend lud sie Gewerkschaftsvertreter zu »ernsthaften Verhandlungen«. Ergebnis: Ein paar hundert Lehrer sollen zusätzlich eingestellt werden, dazu 3.300 Hilfskräfte für die Beaufsichtigung von Schülern an weiterführenden Schulen und die Verwaltung. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Lange versprochene medizinische Masken sollen »ab dieser Woche« ausgeliefert werden – wenn Schulen sie bestellen. FFP2-Masken sind nur für Vorschullehrer vorgesehen.

    »Krümel« seien das, befand die Gewerkschaft CGT Éduc’Action. Zusammen mit anderen Gewerkschaften will sie »den 13. Januar verlängern« und weiter streiken. »Der 13. Januar zeigt gut, daß es das Kräfteverhältnis ist, das die Regierung zwingt, zu verhandeln.« Fabien Roussel, Generalsekretär und Präsidentschaftskandidat des Parti communiste français (PCF), begrüßte den Streik. Klassenzimmer müßten endlich mit Luftfiltern ausgestattet werden, alle Lehrkräfte müßten FFP2-Masken bekommen und die Coronaregeln müßten umsetzbar gestaltet werden. Zudem fordert er 140.000 neue Stellen für Lehrer und Hilfskräfte, beschränkte Klassenstärken und 30 Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten des Bildungssystems.

    Weiterlesen
  • Ausland22. Januar 2022

    Auf und Ab in der Türkei

    von Rüdiger Göbel

    Die Preise für Energie und Sprit gehen durch die Decke, die Zustimmungswerte für Staatschef Erdogan in den Keller

    Die Türkei versinkt in Armut und Agonie. Die Währungskrise trifft mittlerweile auch den türkischen Buchmarkt. Verleger, die kein Papier auf Lager haben, sind bereits gezwungen, den Druck einzustellen. Sie können sich die Produktionskosten schlicht nicht mehr leisten. Das Problem: Das für den Buchdruck benötigte Papier wird nicht in der Türkei hergestellt, sondern im Ausland gekauft. Durch den dramatischen Wertverlust der Türkischen Lira in den vergangenen Monaten sind die in Euro oder US-Dollar ausgewiesenen Rechnungen schlicht nicht mehr bezahlbar. Die Papierpreise sind um 120 bis 250 Prozent gestiegen – was sich wiederum im Buchpreis niederschlägt, auch bei Schulbüchern. Der Präsident des türkischen Verlegerverbandes, Kenan Kocatürk, warnt gegenüber der Nachrichtenagentur dpa vor einer »kulturellen Austrocknung« des Landes.

    Der türkische Journalist Bülent Mumay beschreibt in seiner letzten FAZ-Kolumne »Briefe aus Istanbul« in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« vom 14. Januar eindrücklich die dramatischen Folgen der Inflation für die breite Masse der türkischen Bevölkerung. »Seit dem 1. Januar hat sich der Brand in unseren Portemonnaies noch ausgeweitet. Stromrechnungen stiegen um beinahe 125 Prozent an. Damit kletterte der Preis für Elektrizität in den letzten vier Jahren im Präsidialsystem, von dem Erdogan versprochen hatte, es würde die Wirtschaft ‚abheben‘ lassen, um 370 Prozent. Nicht der Strom versetzte uns einen Schlag, sondern das Palastregime.«

    Auch die Preise für Erdgas sind demnach zum Jahreswechsel um 50 Prozent gestiegen, weitere Anhebungen sind in Vorbereitung. Die Spritpreise sind im vergangenen Monat um fast 40 Prozent nach oben geklettert; im Vergleich zum Jahresanfang ist Benzin heute doppelt so teuer. Auf Tabak und Alkohol gibt es noch dazu neue Sondersteuern. In der ersten Januarwoche ist die Inflation nach offiziellen Angaben auf über 36 Prozent gestiegen. »Die reale Inflation liegt allerdings weit höher«, weiß Mumay. »Sechzig Prozent der Bürger sagen, die Preise seien um mehr als hundert Prozent gestiegen.« Ein Wocheneinkauf im Supermarkt ist für viele reiner Luxus. Speiseöl und Fleisch gelten mittlerweile als Wohlstandssymbole.

    Und während der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner islamistischen Regierungspartei AKP auf ein Wirtschaftswunder durch steigende Exporte hofft – negierend, daß importierte Grundstoffe in Devisen und nicht in wertloser Lira bezahlt werden –, sitzt so mancher in der kalten Wohnung, die er nicht mehr heizen kann, oder verzichtet auf Medikamente. Die Popularität Erdogans sinkt angesichts der Preisexplosion. In einem Beliebtheitsranking des türkischen Meinungsforschungsinstituts Metropoll ist der Staatschef zum Jahreswechsel nur noch abgeschlagen auf Platz vier gelandet. Der Bürgermeister der Hauptstadt Ankara, Mansur Yavas von der CHP, ist demnach mit einer Zustimmung von 60 Prozent der beliebteste Politiker im Land, gefolgt vom Istanbuler Bürgermeister Ekrem Imamoglu (ebenfalls CHP) mit 51 Prozent. Vor Erdogan mit 37,9 Prozent Zustimmung liegt selbst noch die Präsidentin der konservativen Iyi-Partei, Meral Aksener (38,5 Prozent).

    Erdogans Antwort: Ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen seine Rivalen, basierend auf den üblichen Terrorkomplotten, mit denen die türkische Opposition seit Jahren ausgeschaltet und eingesperrt wird. Gegen Imamoglu wurden Vorwürfe lanciert, er habe nach seinem Amtsantritt in Istanbul 2019 hunderte »Extremisten«, darunter Mitglieder der als »Terrororganisation« verbotenen und verfemten Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), mit Posten in der Stadtverwaltung versorgt. Das Innenministerium hat bereits eine Untersuchung eingeleitet. Bürgermeister Yavas in Ankara muß sich mittlerweile gegen dieselben Anschuldigungen wehren.

    Für die von ihr zu verantwortende Not der Bürger hat die Regierungspartei nur Verachtung übrig. Vorstandsmitglied Mücahit Birinci hat angesichts des wachsenden Unmuts über die Teuerungen zur Ruhe aufgerufen: »Preissteigerungen kommen und gehen. Dagegen muß man nicht jedes Mal protestieren.« Der AKP-Politiker Samil Tayyar gibt – bei 30 Prozent realer Arbeitslosigkeit – den guten Rat mit auf den Weg: »Wenn es den Leuten nicht gelingt, ihre Ausgaben zu senken, sollen sie doch ihr Einkommen steigern.« Wen wundert es da, wenn selbst der Frömmste, frierend und derart vorgeführt, den Glauben an die AKP verliert.

    Weiterlesen
  • Ausland22. Januar 2022

    Bis vor die russische Haustür?

    von Klaus Wagener

    Moskau fordert Stopp der NATO-Ostexpansion – Wertewesten konzeptionslos

    Die Beziehungen zwischen Rußland und den NATO-Staaten, speziell den USA, befinden sich in einem miserablen Zustand. Die Spannungen flammten wieder auf, als die ukrainische Führung begann, einen massiven Truppenaufbau an der Grenze der Donbass-Republiken zu betreiben und eine Wiedereroberung der beiden Volksrepubliken wie auch der zu Rußland gewechselten Krim offen propagierte. Diese Unternehmen würden nach Lage der Dinge nur dann in den Bereich der Möglichkeiten geraten, wenn sich die US-amerikanische Führung zu einer massiven Militärintervention entschließen würde. Aber selbst dann wäre ein Erfolg keineswegs gesichert.

    Dies wäre das erste Mal seit 1945, daß es die US-amerikanische Militärmaschine mit einem gleichwertigen, möglicherweise sogar überlegenen Gegner zu tun bekäme. Nun allerdings nicht mehr auf dem Höhepunkt ihrer Machtentfaltung, sondern ausgezehrt durch die Korruption und Profitsucht einer großenteils neoliberal privatisierten Söldnerarmee und ihres militärisch-industriellen Komplexes, dazu ausgebrannt durch die verlorenen Kriege gegen weitaus schwächere Gegner wie Irak, Afghanistan oder Syrien.

    Die westlichen Hoffnungen auf einen (fiktiven) Guerillakrieg nach einer Eroberung der Ukraine durch die russischen Streitkräfte sagen viel über die Lageeinschätzung der strategischen Zirkel. Nicht wenige Militärexperten haben erhebliche Zweifel an den Erfolgsaussichten einer US-amerikanischen Militärintervention.

    Offenbar sehen das die führenden Kreise des Pentagon ähnlich. Hier besteht erkennbar wenig Neigung, wegen der ukrainischen Protofaschisten eine weitere demütigende Niederlage zu riskieren. Washington hatte also abgewunken und sich stattdessen in die üblichen Sanktionsdrohungen geflüchtet. Wie üblich sollten es die härtesten und schwersten seit der Erfindung des Rades werden. Die russische Führung hatte sich ihrerseits wenig beeindruckt gezeigt und im Gegenzug ein Ende der Ostexpansion der NATO gefordert. Und nicht nur das: Rußland hat den Abbau aller Militäreinrichtungen, die nach dem Ende des Kalten Krieges in Osteuropa errichtet wurden, gefordert.

    Nicht ohne Grund – Washington hat die ukrainischen Rußlandhasser massenweise mit modernem Kriegsgerät ausgerüstet. Pentagonchef Lloyd Austin hatte »die Tür« für einen NATO-Beitritt der Ukraine und Georgiens »offen« gesehen. Für notorische Kriegstrommler wie NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg gibt es natürlich nichts und niemanden, der dazu berechtigt wäre, die Expansion des »rein defensiven« NATO-Bündnisses zu stoppen.

    Wladimir Putin hat dies nicht grundlos als eine existentielle Bedrohung Rußlands bezeichnet. Moskau wäre von der Ukraine aus mit modernen Raketen binnen Minuten zu erreichen – eine Bedrohung, die Rußland nicht ohne Antwort lassen könne. Es gebe keine Möglichkeit, sich weiter zurückzuziehen. »Keinen Schritt zurück!«, hatte Außenminister Sergej Lawrow Stalins Worte vor der Schlacht von Stalingrad wiederholt.

    Aus der (vorläufigen) Weigerung Washingtons, an der Seite der Ukraine gegen Rußland zu Felde zu ziehen, ergibt sich zumindest eine gewisse Verhandlungslogik – sehr zum Unwillen nicht weniger europäischer Rußlandfalken. So traf sich der russische Vizeaußenminister Sergej Ryabkow am 10. Januar mit seiner USA-Amtskollegin Wendy Sherman in Genf, zwei Tage später nahm Vizeaußenminister Alexander Gruschko in Brüssel am NATO-Rußland-Meeting teil. Nur einen Tag später diskutierte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa in Wien mit dem russischen OSZE-Botschafter Alexander Lukaschewitsch die brisante Lage in Osteuropa.

    Bei diesen Gesprächen bestätigte sich der Eindruck, der schon bislang aus dem Tauziehen um die Ukraine zu gewinnen war: Die Musik spielt in Washington und in Moskau – EU-Europa ist abgemeldet. Das Gespräch Ryabkow-Sherman war das substantielle, Brüssel und Wien hatten eher Informationscharakter. Das war nicht gerade das, was man in Brüssel, Paris und Berlin sehen wollte.

    Wie kaum anders zu erwarten, kam es in Genf zu keinen substantiellen Bewegungen. In den westlichen Stäben herrscht große Verunsicherung, wie auf die russischen Vertragsvorschläge zu antworten ist. Sherman, aber auch Stoltenberg und nebenbei auch die neue deutsche Außenministerin Annalena Baerbock wußten sich nicht anders zu helfen, als auf die alten antirussischen Satzbausteine des Wertewestens und die Sanktions- und Drohpolitik zurückzugreifen.

    Hier sieht die Lage allerdings komplett anders aus als noch 2008, während der Finanzkrise, oder 2014 nach dem Maidan-Putsch. Rußland hat intensiv – und wie es aussieht, ziemlich erfolgreich – daran gearbeitet, sich gegen Sanktionen und Blockaden zu immunisieren. Ryabkow konnte recht entspannt auf die Rückwirkung dieser Erpressungspolitik auf die Ökonomien des Westens, speziell der EU, verweisen. Die russische Forderung nach einem Stopp der Ostexpansion der NATO wird ein Dauerthema werden. Es dürften wohl die Nadelstreifenträger aus Industrie und Finanzen sein, welche die überambitionierten Ostlandreiter wie Baerbock und Stoltenberg auf den Boden der Tatsachen zurückholen.

    Es ist für die westliche »Elite« und deren olivgrüne Derivate nur schwer zu verdauen, daß nach jahrhundertelanger westlicher Vorherrschaft die ehemals Verachteten und Getretenen nun beginnen, Forderungen zu stellen, die nicht mehr einfach vom Tisch zu wischen sind. Da setzt bei einigen Vertretern des identitätspolitischen Menschenrechtsinterventionismus sichtbar Schnappatmung ein. Die eurasische Kooperation mit ihren Hauptprotagonisten China und Rußland hat eine Entwicklungsstufe erreicht, welche die Aussichten auf erfolgreiche Regime-Change-Operationen ebenso minimiert haben wie die Chance, mißliebige Staaten mit Sanktionen in die Knie zwingen zu können. Dem Wertewesten kommen seine Repressionsinstrumente abhanden. Keine so schlechte Botschaft für 2022.

    Weiterlesen
  • Ausland21. Januar 2022

    BRD liefert Israel atomwaffenfähige U-Boote

    von dpa/ZLV

    Die »faktische Atommacht« Israel kauft drei weitere atomwaffenfähige U-Boote der hochmodernen »Dakar«-Klasse, die von der deutschen Rüstungsschmiede TKMS (ThyssenKrupp Marine Systems) in Kiel gebaut werden sollen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur (dpa) »handelt es sich um die größten U-Boote, die TKMS bislang entwickelt hat.« Bisher seien dies 70- Meter-U-Boote für die Marine Singapurs mit Dieselantrieb gewesen. Hingegen wird die neue Klasse für Israel nach dpa-Informationen von einer Brennstoffzelle angetrieben. Auf dem Kieler Werftgelände würden derzeit eine neue Halle und eine Brennstoffzellenfertigung errichtet.

    Nach Angaben des israelischen Militärministeriums soll das erste U-Boot »innerhalb von neun Jahren« geliefert werden. Der Umfang des Rüstungsdeals liege bei rund drei Milliarden Euro, bis zu 540 Millionen Euro würden aber von der deutschen Regierung übernommen. Israels Premier Naftali Bennett sagte, der Rüstungsdeal stärke »Israels nationale Sicherheit erheblich«. »Der Kauf der U-Boote wird den Fortbestand unserer Fähigkeiten gewährleisten und unsere strategische Überlegenheit auf Jahre hinaus sichern«. Israel verfügt bereits über sechs U-Boote aus Deutschland. Die drei neuen U-Boote sollen ältere Modelle ersetzen.

    Zuvor hatte Israel in Kiel von TKMS und German Naval Yards bereits vier Korvetten bauen lassen. Die Schiffe der SA'AR 6-Klasse sollen für die kommenden 30 Jahre das Rückgrat der israelischen Kriegsmarine bilden. Israel behauptet, damit vor allem Gasförderplattformen im Mittelmeer schützen zu wollen.

    Die Geschäftspartner einigten sich laut offizieller Mitteilung zudem auf eine strategische Industriekooperation über mehr als 850 Millionen Euro. Das Geld soll in israelische Unternehmen, unter anderem im Rüstungssektor, investiert werden.

    Weiterlesen
  • Ausland21. Januar 2022

    Poker gegen Rußland

    von Arnold Schölzel

    Deutsche Außenministerin Baerbock zu Antrittsbesuchen in Kiew und Moskau. Kriegshetze geht weiter

    Vor knapp sechs Jahren sagte der damalige deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) »Bild am Sonntag«: »Was wir jetzt nicht tun sollten, ist durch lautes Säbelrasseln und Kriegsgeheul die Lage weiter anzuheizen.« Mit »wir« waren die NATO und ihre Großmanöver in der Nähe der russischen Westgrenze gemeint. Seitdem wurde deren Umfang von Jahr zu Jahr größer, zum Beispiel bei beiden »Defender Europe«-Übungen der Jahre 2020 und 2021. Gemessen an der Berichterstattung in den Konzern- und Staatsmedien fanden die nicht statt.

    Heute steht zudem fest, daß Steinmeier Halluzinationen hatte. Denn laut deutschen Politikern und Medien hat es nicht einmal eine Truppenstationierung der NATO in Osteuropa gegeben. Am Dienstag erklärte Steinmeiers Amtsnachfolger Sigmar Gabriel (SPD) auf »tagesspiegel.de«, die NATO stehe »gar nicht an Rußlands Grenzen«. Und fügte an: »Nur im Baltikum gibt es seit dem Einmarsch der Russen auf der Krim einen NATO-Verband, der aber nicht einmal permanent organisiert ist.« So läuft das in den Beziehungen westlicher Staaten mit Rußland gegenwärtig.

    In der Bundesrepublik läßt sich eine mindestens dreifache Politik beobachten, ein wahrer Poker: Erstens wiederholen Bundeskanzler und Außenministerin rituell, wie Olaf Scholz (SPD) am Montag in Madrid und Annalena Baerbock (Grüne) in Kiew, daß die Manöver russischer Streitkräfte an der ukrainischen Grenze »eine Gefahr für die Souveränität der Ukraine« seien. Die Lage sei »sehr, sehr ernst« und Rußland werde im Falle eines Angriffs auf die Ukraine einen hohen Preis bezahlen. Nun aber gehe es darum, eine Eskalation zu verhindern.

    Zweitens versuchen die deutschen Medien von »Bild« bis FAZ und Staatsfunk, sich wieder einmal in antirussischer Hysterie zu übertreffen. Der »Spiegel« forderte zum Beispiel die Lieferung »letaler Waffen« an Kiew. Das schloß Außenministerin Baerbock am Montag in Kiew offiziell aus.

    Drittens und entscheidend sahen sich die USA zu Gesprächen mit Rußland unter Ausschluß von EU und NATO veranlaßt, sehr zu deren Ärger. Zu diesem Elefanten im Raum und dem Hintergrund – Rußland hat offenbar ein militärisches Gleichgewicht bei bestimmten Waffen mit den USA hergestellt – äußerten sich Baerbock und ihr russischer Amtskollege am Dienstag in Moskau öffentlich nicht.

    Bei ihrer Pressekonferenz im Anschluß an ein ursprünglich auf eine Stunde angesetztes, aber mehr als zweieinhalb Stunden dauerndes Gespräch betonten beide auffällig zahlreiche gemeinsame Interessen: Handel, Wasserstoffproduktion, Wiederaufbau Syriens, Rettung des Atomabkommens mit dem Iran, Umgang mit Afghanistan, das Dayton-Abkommen auf dem Balkan und anderes mehr.

    Lawrow hielt gegen entsprechende Vorhaltungen Baerbocks fest, daß sich russische Streitkräfte zu Manövern auf russischem Territorium befänden, Moskau nicht drohe, wohl aber Drohungen der NATO ausgesetzt sei. Er forderte deutsches Engagement, damit Kiew seine »Sabotage« am Minsker Abkommen beendet und seine Verpflichtungen erfüllt. Das Abkommen sei »alternativlos« und Rußland keine Seite in dem Konflikt.

    Zugleich bescheinigte er der Biden-Regierung, daß sie im Unterschied zu der Donald Trumps in dieser Frage eine »realistische Position« einnehme. Aber die Beziehungen zwischen seinem Land und der EU seien »Geisel der antirussischen Linie in Brüssel und der einiger EU-Staaten«. Darauf könne Berlin Einfluß nehmen. Die Gespräche seien »von Nutzen«: »Wir können uns nur langsam vorwärts bewegen.«

    Am selben Tag berichteten Medien, daß kanadische Spezialkräfte zur Unterstützung Kiews entsandt worden seien. Das Muster lautet: Gespräche führen und die Bedrohung Rußlands ausbauen.

    Weiterlesen
1 | 2 | 3 | 4 | ... 2186 |