Unser Leitartikel : Millionen Kubikmeter Giftmüll – nur ein »Sturm im Wasserglas« ?
Als die Diskussion um die Mülldeponien, die sich auf einer riesigen Schlackenhalde zwischen Differdingen und Sanem befinden, vergangene Woche aufflammte, winkte der hiesige Statthalter des Stahlkonzerns ArcelorMittal ab und behauptete, das sei alles nur ein »Sturm im Wasserglas« . War das nur eine Frechheit oder Ausdruck einer Überheblichkeit, die auf dem Wissen beruht, dass die Stahlherren in diesem Land seit jeher unantastbar sind ?
In Differdingen pfeifen es die Spatzen seit Jahrzehnten von allen Dächern, dass auf der Deponie, die seit ewig von der Stahlindustrie genutzt wird, alle möglichen Industrieabfälle, giftige Nebenprodukte und Rückstände aus der Stahlproduktion völlig unkontrolliert abgelagert und vergraben wurden.
Wenn es um strategische Investitionen ging, klammerten die Hüttenbesitzer, angefangen bei der HADIR, über die ARBED und bis hin zu ArcelorMittal, den Umweltschutz systematisch aus, und die Deponie auf der Schlackenhalde wurde zu einer preiswerten Lösung für Problemabfälle – so wie es während Jahrzehnten der »Ronnebierg« zwischen Oberkorn und Beles war.
Niemand weiß, was alles an Giften auf der Deponie gelagert ist, ob und in welchem Ausmaß inzwischen die Korn (die »Chiers« ), der »Kaléckerbaach« und das Grundwasser durch giftiges Sickerwasser belastet sind, und die Stahlherren und die Regierung gingen offenbar immer einvernehmlich davon aus, man sollte keine schlafenden Hunde wecken.
Als im Dezember 2017 im Differdinger Gemeinderat eine Debatte über die Mülldeponie geführt wurde, da ein Antrag vorlag, auf dem Gelände zwei neue Deponien einzurichten, hatte der Vertreter der KPL eine Sanierung der bestehenden Deponie gefordert, und der Gemeinderat hatte einstimmig die Regierung wissen lassen, er lege formellen Einspruch gegen neue Deponien ein, die zum Teil auch noch die »historische« Giftmülldeponie überlagern sollten.
Geplant waren (sind ?) immerhin eine Bauschuttdeponie mit einem Fassungsvermögen von 6,7 Millionen Kubikmetern und eine Deponie für giftigen Industriemüll von 2,6 Millionen Kubikmetern und einer Lebensdauer von 40 (!) Jahren. Entstehen würde ein Müllberg mit einer Höhe von 56 Metern, der die Luftströme stark verändern und freie Luftbewegungen im Korntal zusätzlich einschränken würde.
Dass der Interessenvertreter der Stahlbarone nur einen »Sturm im Wasserglas« ausmacht und so tut, als habe er noch nie etwas vom Prinzip »Pollueur-payeur« gehört, ist eine Sache. Was aber sagen das Wirtschaftsministerium und das Umweltministerium, oder sollte dieser Umweltskandal der Regierung die Sprache verschlagen haben ?
Wäre es nicht an der Zeit, dass die Regierung den kommunalen Verwaltungen und Gemeinderäten aus Differdingen und Sanem Aufschluß darüber gibt, was der Stand der Ding ist ? Wurden überhaupt Wasseranalysen oder Bohrungen vorgenommen (und mit welchem Resultat ?), um festzustellen, welche Gifte in dem riesigen Müllberg gelagert sind und wie sie sich inzwischen auf die Umwelt auswirken ? Wird überhaupt über eine Abdichtung oder eine Sanierung der Deponie nachgedacht ?
Die Einwohner aus Differdingen und Sanem haben die Schnauze gestrichen voll und erwarten umgehend Erklärungen und Lösungsvorschläge. Andernfalls könnte der sprichwörtliche »Sturm im Wasserglas« sich ganz schnell zu einem politischen Tornado ausweiten.
Ali Ruckert
