Ausland

Kampf um Aleppo

Islamisten und Regierungstruppen beschuldigen sich gegenseitig, Giftgas eingesetzt zu haben

Die im Internet verbreiteten Bilder sind dramatisch. Ein Säugling unter einer Gasmaske, Männer, die um Luft ringen. Hilfe erhalten sie von Rettern, auf deren Hemden und Schutzwesten das Abzeichen der Zivilschutzorganisation »Weißhelme« zu sehen ist. Ein Sprecher dieser Gruppe behauptete, die Atemnot sei Folge eines Giftgasangriffes der syrischen Armee im Ort Sarakeb östlich von Idlib.

Der Angriff sei angeblich nachts erfolgt. Laut Augenzeugen soll ein Hubschrauber die Gaszylinder abgeworfen haben. Die Art des Kampfstoffes könne man nicht bestimmen. Mindestens 33 Personen seien verletzt worden. Die in Istanbul ansässige oppositionelle »Nationale Koalition« machte den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad für den Angriff verantwortlich. Weder die russischen Streitkräfte, noch die USA-Armee, noch die UNO konnten indes den Vorfall bestätigen.

Die »Weißhelme« operieren in den von Regierungsgegnern kontrollierten Gebieten. Ihre Mitarbeiter werden in der Türkei ausgebildet; Geld kommt von der USA-Agentur USAID, vom britischen Fonds für Stabilität und Sicherheit in Konfliktgebieten sowie vom niederländischen Außenmini­sterium.

Die syrische Armee beschuldigte ihrerseits Regierungsgegner in Aleppo, Zivili­sten in den von der Regierung kontrollierten Ortsteilen Hamadaniyeh und Salaheddin mit Giftgas beschossen zu haben. Dabei seien sieben Menschen getötet und 14 verletzt worden. Das von Rußland geleitete Versöhnungszentrum bei Latakia erklärte, nach seinen Erkenntnissen seien die Angriffe in Aleppo von der Al-Nusra-Front, die sich neuerdings »Front zur Eroberung Syriens« nennt, und dem im Arabischen unter der Bezeichnung »Daesch« bekannten »Islamischen Staat« ausgegangen.

Laut dem Bericht habe das Personal eines Krankenhauses gesagt, möglicherweise sei Chlorgas eingesetzt worden. Das ist nicht auszuschließen. Im Dezember 2012 hatte die Al-Nusra-Front mit verbündeten Gruppen eine große Chemiefabrik in Aleppo gestürmt, in der auch Chlor für die Reinigung von Wasserleitungssystemen hergestellt wurde. Die syrische Regierung hatte den Fall sofort dem UNO-Sicherheitsrat gemeldet und auf die Gefahren hingewiesen.

Unterdessen halten die Kämpfe in Aleppo an. Entscheidend für die Zukunft der Stadt dürfte sein, wie sich die militärische Lage im Norden und Osten der Stadt entwickelt. Dort sind die Einheiten der syrischen Kurden, die YPG und YPJ, am stärksten. Nach langer Zurückhaltung kooperieren sie in und um Aleppo offen mit den syrischen und russischen Streitkräften. Das Washington Institut für Politik des Nahen Ostens forderte deswegen von der USA-Regierung mehr Unterstützung für die »moderate, sunnitisch-arabische« Opposition, um ein Erstarken der Kurden und deren »Expansion« nach Westen zu verhindern.

Noch werden die Kurden von den von den USA aufgebauten »Syrisch-Demokratischen Kräften« unterstützt. Diesem Zusammenschluß gehören sowohl ehemalige Militärs der »Freien Syrischen Armee« als auch andere arabische Milizen an, ebenso wie die nordirakischen Peschmerga. Letztere gelten als enge Verbündete der USA und der Türkei. Auch Deutschland hat sie mit Waffen ausgerüstet und bildet die kurdischen Kämpfer daran aus.

Wladimir Schapowalow von der Scholochow-Universität in Moskau verwies darauf, daß das Gebiet um Aleppo für alle Kriegsparteien von besonderer geostrategischer Bedeutung sei. »Für Regierungstruppen und ihre Gegner, für die Türkei und Saudi-Arabien, aber auch für die USA ist die Kontrolle über Aleppo ein Schlüssel zur Kontrolle über das Territorium Syriens und die Anrainergebiete.« Dies dürfte erklärten, warum sich dort bis zu 2.000 NATO-Soldaten befinden, wie der russische Politikwissenschaftler Semjon Bagdassarow gegenüber russischen Journalisten sagte: »Die eine Hälfte sind US-amerikanische Spezialkräfte und Pioniertruppen, die andere dänische, britische, französische und deutsche Truppen.« Die deutsche Bundesregierung dementiert die Anwesenheit der Kommandospezialkräfte der Bundeswehr in Nordsyrien.

Karin Leukefeld, Beirut

Die »Weißhelme« werden und von den USA, Britannien und den Niederlanden finanziert