Kultur10. April 2021

Ein Caravaggio zum Spottpreis?

von dpa/ZLV

Ein Gemälde, das womöglich vom legendären italienischen Barockmaler Michelangelo Merisi da Caravaggio stammt, wäre in Spanien um ein Haar zum Spottpreis versteigert worden. Aufgrund der aufgekommenen Zweifel legte das renommierte Madrider Auktionshaus Ansorena den für Donnerstagabend geplanten Verkauf des Werkes im allerletzten Moment auf Eis. Das Ölgemälde sollte für einen Startpreis von 1.500 Euro angeboten werden, könnte aber laut Experten bis zu 150 Millionen Euro wert sein.

»La Coronación de las Espinas«, eine 111 mal 86 Zentimeter große Darstellung der Dornenkrönung Christi, wurde bisher dem Maler José de Ribera (1591-1652) zugeschrieben. Nun werde es von Experten ganz genau unter die Lupe genommen, sagte die Sprecherin des Hauses Ansorena. Vorsichtshalber sei ein Exportverbot für das Werk verhängt worden, sagte unterdessen Kulturminister José Manuel Rodríguez Uribes im spanischen Fernsehen. Die Zeitung »El Mundo« berichtete, den Eigentümern des Gemäldes, deren Identität unbekannt ist, seien im letzten Augenblick Zweifel gekommen.

Der Spanier José de Ribera war ein Caravaggista, ein Anhänger des Caravaggismo. Er lebte und arbeitete Anfang des 17. Jahrhunderts jahrelang in Rom und Neapel. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß man angenommen hat, er habe das Werk gemalt. Falls es sich herausstellen sollte, daß es sich um einen Caravaggio handelt, »könnte der Preis bei 100 bis 150 Millionen liegen, wenn man es an einen Privatsammler verkauft«, zitierte »El Mundo« den italienischen Experten Vittorio Sgarbi.

Sgarbi ist überzeugt, daß es sich um ein Werk Caravaggios (1571-1610) handelt. Um ein »Ecce Homo«, das der Künstler, der sich durch eine im Frühbarock neuartige, ultrarealistische Bildgestaltung auszeichnete, nach Erkenntnissen von Kunsthistorikern im Jahr 1605 für den Kardinal Massimo Massimi gemalt haben soll. Die Handschrift Caravaggios erkenne man unter anderem »am brutalen Blick des Mannes links im Bild« sowie »an der Hand, die die drapierte rote Stola hält – ein unbestreitbares Caravaggio-Motiv«.

Sgarbis Ansicht teilt unter anderem eine von der italienischen »La Repubblica« befragte Caravaggio-Expertin. »Er ist es!«, meinte Maria Cristina Terzaghi ohne jeden Hauch eines Zweifels. Doch sind sich alle Experten einig? Keinesfalls. »El Mundo« zitierte zum Beispiel Nicola Spinosa, der als Fachmann für die neapolitanische Kunst des 17. Jahrhunderts gilt. Sein Urteil: »Das ist kein Caravaggio.«