Milliardengeschäfte durch Krieg
Kampfjets werden durch Kampfeinsatz zum Verkaufsschlager. Heckler & Koch liefert Sturmgewehre
Die europäische Rüstungsindustrie frißt sich satt : Die von der NATO unter Führung der USA verursachten Kriege im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika nähren nicht nur deutsche und französische Konzerne – sie stellen gleichzeitig das Versuchsgelände, auf denen die neuesten und teuersten Waffensysteme unter realen Kampfbedingungen getestet werden können. Jüngste Verkaufserfolge für Frankreichs Flugzeugbauer Dassault Aviation, an dem auch Airbus mit 42 Prozent beteiligt ist, sind nicht zuletzt das Ergebnis des Einsatzes der im südfranzösischen Mérignac gefertigten Mehrzweckkampfflugzeuge vom Typ »Rafale« in Syrien und Libyen. Indien hat angekündigt, seine Luftwaffe mit 36 Maschinen von Dassault zu verstärken. Die deutsche Waffenschmiede Heckler & Koch wiederum festigt mit dem Verkauf von 100.000 Sturmgewehren an Paris die Waffenbrüderschaft mit Frankreich im Kampf um die Macht im Orient.
Schon im August letzten Jahres hatte Staatspräsident François Hollande einen Vertrag mit Katar über den Kauf von 24 »Rafale« unterschrieben – der Stückpreis des zweistrahligen Jägers beläuft sich Schätzungen zufolge auf 110 Millionen Euro. Die sozialdemokratische Regierung in Paris versetzte mit dem Waffendeal gleichzeitig der eigenen zivilen Luftfahrt einen harten Schlag : Die nationale katarische Fluggesellschaft Qatar Airways erwarb sich mit dem Kontrakt von Doha die Landeerlaubnis auf französischen Regionalflughäfen wie Lyon und Nizza und darf ihre Kunden nun von dort abholen – in Konkurrenz zur ohnehin seit Jahren finanziell angeschlagenen heimischen Air France.
Dassault Aviation hat sich 29 Jahre lang vergeblich bemüht, Kampfjets zu exportieren. Nun endlich ist der Konzern erfolgreich – mit Hilfe der von den Präsidenten Nicolas Sarkozy und François Hollande befohlenen Bombeneinsätze. Die Präsenz der »Rafale« über den Schlachtfeldern in Irak und Syrien wurde von NATO-Militärs sowie deren Partnern in den arabischen und afrikanischen Diktaturen mit anerkennendem Beifall begleitet. Abdel Fattah Al-Sisi, der sich 2013 in das Amt des ägyptischen Präsidenten geputscht hatte, erwarb nun für seine Luftwaffe 24 Maschinen bei Dassault. Geschätzter Preis, der auch die Ausbildung ägyptischer Piloten am Kriegsgerät beinhaltet : 5,4 Milliarden Euro.
Indien hatte anfangs auch ein Geschäft über 126 Kampfflugzeuge aus Mérignac angestrebt, muß sich nun – wohl auch aus finanziellen Gründen – vorerst mit 36 »Chasseurs« zum Gesamtpreis von rund 8,2 Milliarden Euro zufriedengeben. Der Bau des größeren Teils der Maschinen sollte nach Indien verlegt werden, doch der Transfer hochgeheimer Technik schien Frankreichs Militärisch-industriellem Komplex am Ende eine zu »riskante« Variante. Statt dessen werden nun die Banken des Landes beteiligt, die den Indern die Hälfte des Kaufpreises mit verbilligten Darlehen vorstrecken sollen.
Weniger Beifall als das milliardenschwere Exportgeschäft mit den »Rafale« erhielt im bereits auf Hochtouren laufenden französischen Präsidentschaftswahlkampf der Handel mit den Deutschen. Zwar wurden in den vergangenen Jahrzehnten geistig und politisch sowohl die Maginot-Linie als auch die Wacht am Rhein weitgehend überwunden. Doch selbst ein »linker« Präsidentschaftskandidat wie Arnaud Montebourg verlangte unlängst, seine Armee müsse »französisch schießen« . Die rechtskonservative Zeitung »Le Figaro« klagte : »Seit 40 Jahren bewährt in den Wüsten Malis wie in den Straßen von Paris, lebt unser Sturmgewehr FAMAS aus der Waffenmanufaktur Saint-Etienne seine letzten Stunden.« Für 300 Millionen Euro liefert statt dessen Heckler & Koch 100.000 Gewehre vom Typ HK 416 Richtung Westen. Kriegsminister Jean-Yves Le Drian schwärmt, das Geschäft helfe den Waffenbrüdern Frankreich und Deutschland, ihre »soliden Beziehungen in der Verteidigung und besonders die in der Rüstungsindustrie zu festigen« .
Hansgeorg Hermann

