Leitartikel29. April 2021

Inzidenzen, statt Äpfel und Birnen



Seit mehr als einem Jahr ist die Welt fest im Griff von Inzidenzen. Insbesondere Deutschland hat dieses eine Werkzeug im Umgang mit der Corona-Krise als heiliges Mantra überhöht und damit von Anfang an seine Nachbarländer unter Druck gesetzt. Auch Luxemburg stand sehr früh im Fokus des Berliner Krisenmanagements, mit bekannten Effekten. Selbst das Schengener Abkommen war diesem Druck nicht mehr gewachsen. Viele Menschen fragten sich jedoch, warum Länder, die in dieser Gesundheitskrise wesentlich höhere Mittel aufwenden, als andere, um das Infektionsgeschehen zu analysieren und Gefahren zu erkennen, dafür zum Buhmann wurden.

Seit einiger Zeit schon stellen die ReViLux-Daten eine wichtige Informationsquelle dar, wenn es um die Virusvarianten hierzulane geht. Mehr als 30 Prozent der positiven Fälle werden mittlerweile sequenziert und dabei hohe Vorkommen von Varianten festgestellt. In den Nachbarländern ist dieser Überwachungswert nicht annähernd so hoch. Insbesondere Deutschland, das seinen Nachbarn immer wieder mit Grenzmaßnahmen droht bei hohen Variantenvorkommen, sequenziert nur einen absoluten Bruchteil. Wer wenig untersucht, findet entsprechend wenig.

So ähnlich verhält es sich mit der Teststrategie. Als Luxemburg bereits eine landesweite systematische Massentestung auf die Beine gestellt hatte, wurden in Deutschland immer noch nur Menschen getestet, die einen Risikokontakt hatten, ganz gleich ob sie die typischen Symptome der Infektion hatten. Die Testrate war auch im Anschluß noch lange Zeit nicht vergleichbar. Das Massentesten gab Luxemburg eine deutlich bessere Einschätzungsmöglichkeit des Infektionsgeschehens – und Inzidenz-Ärger mit seinen Nachbarn. In einem am 23. April im Fachmagazin »The Lancet« veröffentlichten Artikel merken Prof. Paul Wilmes (Covid-Taskforce), Dr. Joël Mossong und Dr. Thomas Dentzer von der Santé genau dies an.

Seit Beginn der Krise wurde demnach jeder Einwohner Luxemburgs im Schnitt 3,6-mal getestet. Dabei sei die Gesamtpositivrate mit 2,6 Prozent vergleichsweise niedrig geblieben im Gegensatz zu etwa Deutschland (5,6 Prozent) oder den Niederlanden (17 Prozent), wo die Deckung der Tests gering sei.

Luxemburg führt außerdem wöchentlich serologische Stichproben durch, die es in den anderen Ländern, bis auf Belgien, nicht gibt. Diese Stichproben lassen auf die Gesamtbevölkerung erwartbare Fälle erkennen. In Luxemburg, da sind sich die Experten einig, sei die Zahl unentdeckter Fälle bei etwa 0,8 Prozent. Im erwähnten Belgien wird diese mit 62,3 Prozent angegeben.

Dies zeige, daß die Inzidenzen auf 100.000 Einwohner, welche immer wieder wie einHeiligenbild etwa in Deutschland vorweg getragen wird, so unterschiedlich seien, wie die Maßnahmen in den einzelnen Ländern. Die Experten erklärten, daß es besser sei, wenn auch Positivitätsraten, Belegung von Kliniken mit Corona-Patienten oder die Seroprävalenz in Risikobewertungen mit einflössen. Auch die jeweilige Impfstrategie sei ein wichtiger Anzeiger.

Die Vergleichbarkeit des Infektionsgeschehens allein auf den Inzidenzen ist also ein ungleiches Spiel. Mancher stellte sich diese Frage bereits im vergangenen Frühling mit Blick auf verbarrikadierte Grenzbrücken. Der genannte Artikel zeigt deutlich, wer wirklich versucht, seine Hausaufgaben zu machen und wer lieber nach Schuldigen sucht. Bleibt zu hoffen, daß Erkenntnisse aus dieser Pandemie in kommenden Ereignissen eingesetzt werden.