Leitartikel05. Juni 2021

Kompass zulegen!

von Alain Herman

Der vor 50 Jahren verstorbene ungarische Philosoph Georg Lukács (1885-1971) wird nicht selten – neben Marx, Engels und Lenin – als vierter »Klassiker« des historisch-dialektischen Materialismus bezeichnet. Über die Legitimität einer solchen Titulierung zu streiten, erweist sich als müßiges Unternehmen. Lukács selbst hätte an einer solchen nicht viel gelegen. In spätkapitalistischen Zeiten ist es eher von Bedeutung, Lukács’ theoretischen Nachlass im Lichte der jüngsten Entfaltung des Imperialismus zu betrachten. Gerade seine weltanschauungskritischen Schriften erlauben eine marxistische Einschätzung und Einordnung aktueller ideologischer Kampfhandlungen seitens »westlicher« kapitalistischer Staaten und ihrer supranationalen Allianzen gegen Staaten, die aus der Sowjetunion hervorgegangen sind und in denen der Kapitalismus restauriert wurde, oder gegen ökonomisch-technologisch aufstrebende Länder mit sozialistischem Entwicklungsweg wie China.

Ökonomisch-politisch ist der Imperialismus schon recht früh von Hilferding und insbesondere von Lenin adäquat analysiert worden, nämlich als Übergang vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zum Monopolkapitalismus, d.h. zur Fusion von Industrie- und Bankkapital, begleitet sowohl von schärfer werdender Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung im Inneren als auch militärischer Aufrüstung sowie Sanktions- und Kanonenbootpolitik nach außen. Im Regelfall ist Letztere zwecks Eroberung neuer Ressourcen und Absatzmärkte, aber ebenfalls zwecks Überwindung von Überproduktionskrisen in kriegerische Überfälle oder gewaltsame Umstürze missliebiger Regierungen ausgeartet.

Lukács’ Verdienst besteht indes darin, den gedanklich-philosophischen »Überbau« imperialistischer Politik im 19. und 20. Jahrhundert herausgearbeitet zu haben. Als besonders auffällig erweisen sich die chamäleonartigen Wandlungen imperialistischer Weltanschauungen. Ihnen gemeinsam ist jedoch der manipulative, willkürliche, antihumanistische Irrationalismus. Diese »Zerstörung der Vernunft« offenbart sich als gemeinsamer Nenner, so verschieden die Herrschaftsideologien auch sein mögen.

Sogar viele politisch aktive Menschen, denen man eine linke, progressive Einstellung nicht absprechen kann, verlieren in regelmäßigen Abständen die Nerven, wenn in den Medienorganen der Bourgeoisie von Chefredaktionen und »Think Tanks« orchestrierte Kampagnen gestartet werden gegen Staaten, welche den Ausdehnungsansprüchen der »westlichen« imperialistischen Blöcke, die mal mit-, mal gegeneinander arbeiten, im Wege stehen. Auf hohem idealistischem Ross sitzend ergreifen bürgerliche Intellektuelle und Linke ohne marxistischen Kompass allzu gerne kurzsichtig Partei für die eine oder andere Herrschafts- und Ausbeutungsseite.

Gegenwärtig wird imperialistisches Vabanquespiel an ein pseudofortschrittlich-neoliberales Engagement für Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschen- und Minderheitenrechte gekoppelt. Im Rahmen dieses süßlich-flexiblen rhetorischen Pomps können mitunter – wie jüngst zu beobachten – völkisch-nationalistische, faschistische und reaktionäre religiöse Bewegungen zu friedliebenden Initiativen für Freiheit und Aufklärung mutieren. Mit Lukács und dem Kompass des dialektischen Materialismus dagegen lässt sich die irrationale, geradewegs in die Barbarei führende postmoderne Ideologie, die bewusst Fragen nach Klassenzugehörigkeit und Besitzverhältnissen ausklammert, auf dem propagandistischen Schlachtfeld entlarven.