• Kultur25. September 2021

    Utopische Literatur in der DDR (4)

    Was ist der Mensch?

    von Nina Hager, Berlin

    Den Weltraumabenteuern blieben viele SF-Autorinnen und -Autoren der DDR auch in den 1970er und 80er Jahren weiter treu. Auch in Erzählungen, die nun auch in Anthologien oder in der siebenteiligen Buchreihe »Lichtjahr« erschienen, die ab Anfang der 80er Jahre bis 1990 in der DDR herausgegeben wurde, im Hinblick auf die grafische Gestaltung herausragte und neben Erzählungen, Kurzgeschichten, Gedichte usw. sowie farbige Grafiken enthielt.

    Doch die Schwerpunkte hatten sich verändert. Bücher wie »Titanus« oder »Der Mann aus dem anderen Jahrtausend« wurden nicht mehr geschrieben. Einige Autoren griffen in den 1980ern zwar die Thematik auf oder versuchten, Klassenkämpfe auf der Erde zu beschreiben, etwas Neues gelang aber nicht. Die Technikeuphorie früherer Jahre war weitgehend verschwunden. Die Auseinandersetzung mit Chancen und Gefahren der Genetik, dem Umgang mit nichtmenschlichem Leben, die Diskussionen um das Verhältnis von Mensch und Maschine sowie Umweltfragen begannen in der Science-Fiction-Literatur der DDR eine Rolle zu spielen. Aber auch gesellschaftliche Entwicklungen wurden, wenn auch nicht bei allen Autoren, differenzierter gesehen, ebenso persönliche wie Generationenkonflikte.

    In den 1970er und 80er Jahren begann die »Karriere« einiger SF-Autoren der DDR, die neue Ideen entwickelten und – kreativ – auch internationale Trends berücksichtigten. Darunter der Physiker, Philosoph und spätere Zukunftsforscher Karlheinz Steinmüller und seine Frau Angela, eine Mathematikerin (zum Beispiel »Andymon«, 1982). Andere, wie Heiner Rank (»Die Ohnmacht der Allmächtigen«, 1984), der ansonsten vor allem Drehbücher und Kriminalromane schrieb, versuchten sich auch einmal in diesem Genre. Rank mit großem Erfolg. Bekannte Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie Anna Seghers, Franz Fühmann und andere wählten in jener Zeit gleichfalls die Stilmittel der Science Fiction. Anna Seghers Erzählung »Sagen vom Unirdischen« (in »Sonderbare Begegnungen«, 1972) erzählt zwar von Besuchern von den Sternen, die zunächst im 16. Jahrhundert während der Bauernkriege auf die Erde kommen, dann noch einmal während des Dreißigjährigen Krieges, dabei geht es aber nicht um »Abenteuer«, sondern vor allem um das Wesen der Kunst.

    Zu den SF-Büchern der DDR, an die so manche sich noch heute gern erinnern, gehörten die Geschichten von Gert Prokop über den Detektiv Timothy Truckle (»Wer stiehlt schon Unterschenkel?«, 1977, und »Der Samenbankraub«, 1983), aber unter anderem auch »Andymon« und »Die Ohnmacht der Allmächtigen«, die auch nach 1990 Neuauflagen erlebten. In »Die Ohnmacht der Allmächtigen« geht es nicht nur um ethische Fragen im Zusammenhang mit der Genetik, um die Rolle der Arbeit für den Menschen, sondern auch um die alte weltanschauliche Grundfrage »Worin besteht der Sinn des Lebens?«. Auch »Andymon« beschäftigt sich mit solchen philosophischen Grundfragen: »Woher kommen wir?«, »Wer sind wir?«, »Wohin gehen wir?«.

    Der Held in »Die Ohnmacht der Allmächtigen« wacht auf dem Planeten Astilot aus dem Schlaf auf. Er weiß zunächst weder wo noch wer er ist. Seine Erinnerungen wurden »gelöscht«. Später erinnert er sich nach und nach, daß er als Raumfahrer im irdischen Sonnensystem in der Nähe des Saturn unterwegs war. Scheinbar befindet sich Asmo nun in einem Paradies. Die Dafotil kennen nur ungetrübtes Glück, nur »Harmonie« und Müßiggang, weder Mangel, Mühen, Streit noch Sorgen. Sie erleben weder Krankheit noch Alter. Was sie wünschen, geht in Erfüllung. Doch dieses »Glück« haben sie sich nicht selbst erarbeitet, wie Asmo feststellt. Und ihn stößt dieser Müßiggang ab. Auch, weil die Dafotil menschliche Sklaven haben, die jedoch nur einem eingeschränkten Programm folgen. Diese sind, wie die Dafotil, – genetisch veränderte – gesteuerte Produkte anderer Wesen. Der Roman läßt offen, ob den Dafotil der Ausbruch gelingt.

    In »Andymon« dagegen fliegt ein »unbemanntes« Schiff von der Erde Jahrtausende zum Planeten Andymon. Etwa 20 Jahre vor der Ankunft erzeugt das Schiff nach und nach aus befruchteten Eizellen Kinder. Roboter ziehen sie groß und vermitteln das Wissen, das Raumschiff zu steuern und Andymon zu besiedeln. Menschen aus dem Inkubator, von Robotern erzogen und ohne jeglichen Kontakt mit der sonstigen menschlichen Gesellschaft? Der Planet erweist sich als lebensfeindliche Einöde. Alle Kräfte werden dafür gebraucht, diese umzuwandeln. Doch bald zeigt sich, daß die im Raumschiff aufgewachsenen verschiedenen »Generationen« sehr unterschiedliche Auffassungen darüber haben, wie der Planet besiedelt und damit auch die neue Gesellschaft aufgebaut werden soll. Die Siedlerinnen und Siedler haben kein Vorbild. Sie können nur bedingt aus den Erfahrungen der Erde schöpfen, müssen allein ihren Weg finden.

    Nina Hager, Berlin

     

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  • Kultur24. September 2021

    Utopische Literatur in der DDR (3)

    »Interplanetarer Revolutionsexport«

    von Nina Hager, Berlin

    In den 60er Jahren etablierte sich die utopische Literatur in der Kulturlandschaft der DDR. Jährlich erschienen nun fünf bis sechs Bücher dieses Genres, darunter auch satirische Darstellungen (zum Beispiel Gerhard Branstners »Die Reise zum Stern der Beschwingten«, 1968, und Curt Letsches »Verleumdung eines Sterns«, 1968). Daneben wurde etwa die gleiche Zahl – vor allem aus dem Russischen – übersetzter Bücher verlegt, zudem »Klassiker«, das heißt, Erzählungen und Romane von Jules Verne und anderen. Ende der 60er Jahre erschien im Verlag »Volk und Welt« in der »Spektrum«-Reihe der Band »Raumschiff ahoi« mit Erzählungen US-amerikanischer SF-Autoren, darunter Heinlein und Simak.

    Viele der Bücher erschienen in den Verlagen »Das Neue Berlin«, »Neues Leben« – der mit seiner »Kompass«-Reihe (seit 1959) und der Buchreihe »Spannend erzählt« (seit 1953) unterschiedliche Möglichkeiten bot, mit utopischen Geschichten und Romanen vor allem ein junges Publikum zu erreichen – sowie im Verlag »Kultur und Fortschritt«. Manche Romane spielten in naher Zukunft auf der Erde. In den Weltraumabenteuern ging es nicht nur um fremde Planeten und Außerirdische, sondern zum Beispiel auch um Bewährungssituationen von irdischen Raumschiffbesatzungen in »Erdnähe« (zum Beispiel »Asteroidenjäger« von Carlos Rasch, 1961).

    Mit der irdischen Vergangenheit, genauer: der Zeit der Sumerer, und außerirdischen Besuchern beschäftigten sich Günther Krupkat (»Als die Götter starben«, 1963) und Carlos Rasch (»Der blaue Planet«, 1963). 1966 erschien die Fortsetzung des Romans »Titanus« von Eberhardt del’Antonio »Die Heimkehr der Vorfahren«. Darin kehrt die Expedition zum »Titanus« nach 300 Jahren zur Erde zurück. Die Rückkehrer treffen auf der Erde auf eine hoch entwickelte kommunistische Gesellschaft, deren Beschreibung leider, wie Rainer Simon (Essay »Die Science-Fiction-Literatur der DDR. Ein Überblick«, 2019) richtig schreibt, jedoch an einer »für Idealgesellschaften typischen Konfliktarmut« leidet.

    Gesellschaftlicher Optimismus prägte in jener Zeit viele SF-Erzählungen und -Bücher (auch) von DDR-Autorinnen und -Autoren: Zum einen wegen der Erfolge der sowjetischen Raumfahrt und andererseits weil viele, für die es zum Sozialismus keine Alternative gab, um Frieden, soziale Sicherheit und Fortschritt für alle Menschen zu sichern, hofften, daß die sozialistischen Länder die kapitalistischen in naher Zukunft in wissenschaftlich-technischer wie ökonomischer Hinsicht überholen würden und ihr Vorbild Schule machen würde. Die Entwicklungen auf Kuba, die Befreiungsbewegungen auf dem afrikanischen Kontinent u.a. machten Mut. Optimistisch stimmte aber wohl auch, daß in der DDR in einer Reihe von Bereichen – nach der Grenzschließung am 13. August 1961 – deutliche Fortschritte erreicht wurden.

    Anfang der 60er Jahre erschien von Richard Groß der Roman »Der Mann aus dem anderen Jahrtausend« (1961), ein Jahr später Lothar Weises »Das Geheimnis des Transpluto«. Beide Romane sind von diesem Optimismus geprägt: Der Held in »Der Mann aus dem anderen Jahrtausend« ist Sidney Ernest Mordgen, Sohn von General Mordgen, Anführer einer größeren US-amerikanischen Raumflotte, die sich 1990 zu einem Planeten im System der Sonne Epsilon-Eridanus flüchtete. Beim Start blieb eine der Hibernationskammern mit zurück. 200 Jahre später, auf der Erde hat sich inzwischen eine kommunistische Gesellschaft entwickelt, wird die Kammer entdeckt. Darin ein junger Mann im Alter von 26 Jahren, aus dem vergangenen Jahrtausend stammend. Der muß sich nun in der neuen Welt zurechtfinden. Ihm wird Mißtrauen, aber auch zunehmend Vertrauen entgegengebracht. Eine große Expedition macht sich zum Epsilon-Eridanus auf und stellt dort fest, daß die Nachkommen der USA-Flüchtlinge auf einem Planeten ein Unterdrückungssystem errichtet haben und die menschenähnlichen Ureinwohner unterjochen. Der junge Mordgen stellt sich auf die Seite der Ureinwohner und unterstützt wie seine Gefährten deren Revolution…

    Lothar Weise beschäftigt sich dagegen mit dem »Geheimnis des Transpluto«, auf dem sich zwei Gesellschaftssysteme unversöhnlich gegenüberstehen. Auch hier siegt der gesellschaftliche Fortschritt. Für Rainer Simon ging es hier wie in del’Antonios »Titanus« und einigen anderen Veröffentlichungen jener Zeit in erster Linie um »interplanetaren Revolutionsexport«. Ist das tatsächlich zutreffend? Einerseits war es sicher so, daß die Autoren »irdische Erfahrungen« und auch Hoffnungen sowie Wünsche auf den Weltraum übertrugen. Aber ähnlich wie in Alexej Tolstois »Aelita« (Moskau/Petrograd 1923, Berlin 1957) ging es in den Büchern von Groß und Weise um bereits bestehende Auseinandersetzungen, in denen die Erdenmenschen jedoch Partei ergreifen. Jedoch: Im Unterschied zu den erwähnten SF-Romanen der DDR-Autoren siegt die Revolution in »Aelita« nicht …

    Nina Hager, Berlin

     

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  • Kultur24. September 2021

    Du 6 au 16 octobre à Esch/Alzette

    Festival »Clowns in Progress»

    Le Festival «Clowns in Progress» fête sa 10ème édition du 6 au 16 octobre. Pourquoi aller voir des clowns aujourd’hui? Parce qu’ils sont parfaits pour retrouver le monde réel. Parce qu’ils sont indispensables à notre équilibre mental. Parce qu’ils sont champions dans l’art d’alléger notre quotidien. Chaque année depuis 2010, le Festival «Clowns in Progress» compte soutenir et promouvoir l’art du clown, l'art trop souvent assimilé aux clowns d’hôpitaux, d’anniversaire et d’animation.

    Lors des différentes manifestations proposées, les curieux peuvent découvrir des clowns actuels, artistes multiformes capables de proposer toutes les rencontres possibles avec les arts de la scène.

    Programme:

    Mercredi 6 octobre, 20 heures : «The Rocky Horror Picture Show»

    Une nuit d'orage, la voiture de Janet et Brad tombe en panne. Obligés de se réfugier dans un château, ils vont faire la rencontre de ses occupants pour le moins bizarres, qui se livrent à de bien étranges expériences. Un réalisateur novice venu du cirque, un casting inconnu à l'époque, un mélange de comédie musicale, de science-fiction et d'épouvante, teinté de glam rock sur fond de carnaval.

    Un film de Jim Sharman, USA/1976. Durée: 100 minutes. Voix originale, sous-titres en français. Kinosch à la Kulturfabrik. Prix: 5 euros.

    Du 11 au 16 octobre, 10 à 18 h : «Masterclas» avec Hervé Langlois

    Amateurs, professionnels, artistes ou non, développer la créativité et l’autonomie de chacun. Vivre son clown et non «un» clown. Avec une exigence douce, les participants chercheront cette tranquillité particulière, nécessaire à l’avènement d’un clown qui se surprend lui-même, un clown auteur. Chacun sera libre de recevoir, puis de choisir la forme de son clown (clown de théâtre, de cirque, bouffon, burlesque, excentrique, muet). Kulturfabrik. Prix: 415 euros, frais de prévente inclus. Maximum: 12 participants.

    Mercredi 13 octobre, 20 heures : «L'Innocence de l'Humour», une conférence de Joanna Bassi

    Les clowns du 19ème siècle et l’évolution de l’humour jusqu’à aujourd’hui. Le tout dans une ambiance clownesque. Joanna Bassi est clowne, metteure en scène, enfant de la balle (études de violon classique, jonglage, acrobatie, danse, comédie et pantomime). Elle coproduit, écrit et met en scène des spectacles de rue, de cirque ou de théâtre à l’international. Kulturfabrik. Entrée libre.

    Jeudi 14 octobre: «Les Rois Vagabonds»

    Bach, Vivaldi et Strauss au festival «Clowns in Progress». Aussi imparable que l'axiome mathématique, deux clowns que tout oppose, épris du même désir de jouer une partition musicale (et corporelle) de haute volée, vont secouer de rire le public. Lauréats du «Prix du public» au Festival Off d’Avignon en 2013, cette femme et cet homme, aussi expertes au violon qu’à la contorsion, trouvent un terrain d’entente. Sans mot dire, ces deux vagabonds offrent un concert classique dont la démesure, l’excentricité et le comique n’ont pas de limite.

    De et par Igor Sellem, Julia Moa Capre. Escher Theater. Prix: 20 /16 euros, réduit 9 /8 euros.

    Vendredi 15 octobre, 19h30 : «Sortie de résidence» du collectif Xanadou

    Les membres de la résidence de la Kulturfabrik (11 au 16 octobre) montreront la création de leur spectacle «Road movie sur place et sans caméra». Le public pourra découvrir des premières étapes de leur travail. Durée: 30 minutes. En français. Kulturfabrik. Entrée libre.

    Vendredi 15 octobre, 20h30 : Typhus Bronx

    Typhus Bronx a déterré une histoire ancienne. Celle d’un petit garçon mal aimé, mal élevé, maltraité, manipulé, décapité, recollé, découpé, dévoré, mais finalement réincarné, et décidé à se venger. Une variation sanglante autour du conte du Genévrier des Frères Grimm dans un théâtre d’objet librement horrifique. Ecriture et jeu: Emmanuel Gil. Aide à la mise en scène: Lisa Peyron et Marek Kastelnik. Durée: 60 minutes. En français. Kulturfabrik. Prévente: 15 euros + frais, réduit 12 euros + frais. Caisse du soir: 20 euros, réduit17 euros.

    Samedi 16 octobre, 20h30 : Didier Super

    Didier Super, de son vrai nom Olivier Haudegond est un comédien, humoriste, chanteur et musicien. Didier Super a apparu dans le monde médiatique en 2004, avec un CD aux textes corrosifs. Après plusieurs années de concerts, il met depuis 2008 l'accent sur le côté «comique» de sa carrière, avec un one-man-show, une parodie de comédie musicale, et une bande dessinée sur son parcours.

    Artiste: Didier Super, assisté par Fabrice Wolbaeck. Durée: 90 minutes. En français.

    Concert «Rocky Horror Picture Show»

    Une musique qui rend barjot, du rock'n'roll grand guignol, du gros son et de la dérision, du goût et des riffs rageurs, de la chair, de la sueur, du cuir, de la cuisse et du vice. Ils se mettent en six pour rejouer les chansons du film culte en direct et en bas résille. Les novices seront  guidé. Tenue incorrecte exigée, guêpières conseillées.

    Kulturfabrik. Prévente: 15 euros (+ frais), réduit 12 euros (+ frais). Caisse du soir: 20 euros, réduit 17 euros

    Le Covid-check est obligatoire pour tous les événements.

     

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  • Kultur23. September 2021

    Utopische Literatur in der DDR (Teil 2)

    »Auch auf deine Tat kommt es an«

    von Nina Hager, Berlin

    Warnungen vor dem Atomkrieg während des Kalten Krieges

    Bis in die Mitte der 1950er Jahre erschienen in der jungen DDR nur wenige utopische Romane, aber eine Reihe von Erzählungen, anfangs meist technisch-utopische Darstellungen oder phantastische Kriminalgeschichten, nur einige wenige Weltraumabenteuer. Diese Erzählungen, vor allem für Kinder und Jugendliche geschrieben, wurden unter anderem in den Reihen »Das neue Abenteuer«, »Berliner Lesebogen«, »Jugend und Technik« sowie der Zeitschrift »Neues Leben«, herausgegeben vom Zentralrat der Freien Deutschen Jugend (FDJ), veröffentlicht.

    Erst in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, vor allem nach dem Start von »Sputnik 1« am 4. Oktober 1957, nahm nicht nur die Zahl der Autorinnen und Autoren und Veröffentlichungen deutlich zu, sondern auch die Themenbreite. Zwischen 1949 und 1990 erschienen insgesamt etwa 250 utopische Bücher von DDR-Autorinnen und -Autoren.

    Bis 1955 kamen jedoch zunächst vor allem Übersetzungen aus dem Russischen in die Buchläden, wie die bereits in den 1920er Jahren entstandenen Bücher von Wladimir Obrutschew »Plutonien« sowie »Das Sannikowland«, 1952 der technisch-utopische Roman »Heiße Erde« von Fjodor Kandyba, Erzählungen von Wladimir Nemzow, aber auch, 1954, »Der Planet des Todes« des polnischen Autors Stanislaw Lem. Angesichts der in jener Zeit im Kalten Krieg wachsenden Atomkriegsgefahr wurde die Romanhandlung als Warnung vor der möglichen Selbstvernichtung der Menschheit aufgenommen.

    Das Buch wurde einige Jahre später von der DEFA verfilmt und kam als erster utopischer Film der DDR unter dem Titel »Der schweigende Stern« in die Kinos.

    Ende der 1950er Jahre erschien in der DDR erstmals Iwan Jefremows »Das Mädchen aus dem All« in gekürzter Fassung. Jefremow versuchte darin, eine künftige kommunistische Gesellschaft mit den Mitteln der wissenschaftlichen Phantastik beziehungsweise Science Fiction (SF) umfassend zu beschreiben.

    Zu den wenigen utopischen Büchern, die von DDR-Autoren bis einschließlich 1955 erschienen, gehörten H. L. Fahlbergs (Hans Werner Frickes) »Ein Stern verrät den Täter«, ein utopischer Kriminalroman, Eberhard del Antonios »Gigantum« und Heinz Viewegs »Ultrasymet bleibt geheim«. In »Gigantum« geht es, im geeinten sozialistischen Deutschland von 1990, um die Erfindung eines Supertreibstoffs und die Schwierigkeiten bei dessen Produktion und praktischer Nutzanwendung.

    Viewegs »Ultrasymet bleibt geheim« führt dagegen nach Algerien. In der Sahara werden dort violette Kristalle gefunden, ein Rohstoff für Ultrasymet, das dem handelsüblichen Stahl um ein Vielfaches überlegen ist – und damit natürlich kapitalistische Konzerne herausfordert, die ihre Spione und Saboteure entsenden. In der Wüste Algeriens soll ein Werk zur Herstellung von Ultrasymet aus den Kristallen aufgebaut werden. Trotz Sabotage und anderem gelingt das auch.

    In beiden Büchern geht es um die Überlegenheit des Sozialismus über die kapitalistische Welt, bei Vieweg »im Kleinen«, um die direkte Konfrontation mit dem politischen und ökonomischen Gegner – ein Thema, das auch in Erzählungen jener Zeit, aber dann auch in späteren DDR-SF-Romanen, vor allem in den 1960er Jahren, wiederkehrte, nun allerdings in der Regel im Zusammenhang mit Weltraumabenteuern. Zunächst in Eberhardt del’Antonios »Titanus« (1959).

    In »Titanus« startet eine Forschungsexpedition des sozialistischen Staatenbundes auf der Erde in den Weltraum und landet auf dem bewohnten Planeten »Titanus«, auf dem noch Ausbeutung existiert und es Klassenauseinandersetzungen gibt. Auf dem Planeten »Titanus II« existiert dagegen, wie die Menschen von der Erde erst allmählich erfahren, eine fortgeschrittene sozialistische beziehungsweise kommunistische Gesellschaft. Die Herrschenden auf »Titanus« planen einen Raketenangriff – und sorgen für den eigenen Untergang: Ihr Planet wird durch die eigenen Atomwaffen zerstört. Die irdische Raumschiffbesatzung kann sich auf »Titanus II« retten. Die Geschichte hat Schwächen, lebt von Vereinfachungen. Aber Eberhardt del’Antonio wollte mit seiner Geschichte vor allem vor der größten Bedrohung der damaligen Zeit, vor einem möglichen Atomkrieg warnen.

    In seinem Nachwort schrieb er: »Die Menschheit steht an einem Scheideweg (…) Jeder, der für die Zukunft arbeitet, jeder, der das Leben liebt, und jeder, der mit fürsorglicher Hand das Gedeihen seiner Kinder behütet, ist aufgerufen, seine Stimme gegen die wahnwitzigen Atomkriegspläne der Imperialisten zu erheben. (…)

    Auch auf Deine Tat kommt es an!«

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  • Kultur23. September 2021

    Les 1er, 2, 3 et 5 octobre au Théâtre des Capucins

    «Let me die before I wake»

    Il n'existe aucune société au monde qui n'ait pas de rituel funéraire. Il est le reflet profond et codifié de ce qui définit une société humaine. Pour leur création à venir «Let me die before I wake», United Instruments of Lucilin et Renelde Pierlot ont choisi de s'intéresser au rituel funéraire en lui-même.

    Comment il s'articule, se manifeste, se vit et se donne à voir dans les différentes sociétés. «Let me die before I wake» sera une rencontre entre musique, parole et mouvement. Les quatre éléments que sont la terre, le feu, l'air et l'eau, seront également présents parce qu'ils sont l'essence même de toute vie et une évidence de nos rituels funéraires.

    On retrouvera entre autres l'air dans le souffle de vie de l'acteur ou du danseur s'élançant dans les airs ou encore l'eau, élément indispensable pour purifier le défunt avant sa dernière demeure, dans les verres nécessaires à l'interprétation de «Black Angels» de George Crumb. Cette soirée donnera aussi lieu à une composition originale d'Albena Petrovic, créée spécialement pour l'occasion.

    Cet événement  rassemblera les spectateurs dans un lieu qui a un passé ritualisé, sacré, le Théâtre des Capucins, église désacralisée devenue un lieu culturel, mais qui garde malgré tout son empreinte cultuelle.

    «Let me die before I wake», conception, mise en scène: Renelde Pierlot. Scénographie, costumes: Christian Klein. Musique: George Crumb, Albena Petrovic, Salvatore Sciarrino. Avec: Aliénor H., Maël Guennou, Francesco Mormino, Ensemble United Instruments of Lucilin.

    Production: Les Théâtres de la Ville de Luxembourg. Coproduction: United Instruments of Lucilin.

    Vendredi, 1er, samedi 2 et mardi, 5 octobre, chaque fois à 20 heures. Dimanche 3 octobre à 17 heures. Prix: 20 euros, réduit 8 euros. En français. Durée: 80 minutes, pas d'entracte. Théatre des Capucins, place du Théâtre à Luxembourg.

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  • Kultur22. September 2021

    Utopische Literatur in der DDR – (Teil 1)

    Dürfen Marxisten träumen?

    von Nina Hager, Berlin

    Seit 1990 ist die utopische Literatur aus der DDR Geschichte, auch wenn eine ganze Reihe von Autorinnen und Autoren unter den neuen Verhältnissen ihre Arbeit fortsetzten. 41 Jahre zuvor, vier Jahre nach dem 8. Mai 1945, war im Berliner Dietz Verlag ein Buch des US-amerikanischen Sozialisten Edward Bellamy, »Rückblick aus dem Jahr 2000«, erschienen. Mit diesem Buch und dem im gleichen Verlag herausgegebenen Kurzroman »Die goldene Kugel« des proletarischen Schriftstellers Ludwig Turek begann 1949 de facto die Tradition der utopischen Literatur in der DDR.

    Herausgeber von Edward Bellamys »Rückblick« war Hermann Duncker. Die Edition von 1949 nutzte die Übersetzung von Clara Zetkin aus dem Jahr 1914 und enthielt auch ihre ursprüngliche Einleitung. Bellamys Buch war zuerst 1887 in Boston erschienen und wurde in den folgenden Jahren in viele Sprachen übersetzt. Darin erlebt der Held, Julian West, der Ende des 19. Jahrhunderts in einen hundert Jahre andauernden Schlaf fällt, nach seinem Erwachen im Jahr 2000 eine völlig veränderte Gesellschaft.

    Er macht sich auf, diese zu erkunden und stellt nach wenigen Wochen fest: »Wir genießen die Segnungen einer gesellschaftlichen Ordnung, die so einfach und logisch ist, daß sie der Triumph des gesunden Menschenverstandes zu sein scheint. Ich bin mir sicher, daß die Welt heute himmlisch ist, verglichen mit dem Zustand in früherer Zeit.« Wie dieses Gemeinwesen erreicht wurde, wird nur vage beschrieben.

    Wer das Buch heute liest, sollte nicht zu viel erwarten. Die Handlung ist ziemlich banal, Bellamys Vorstellung von der nötigen gesellschaftlichen Umwälzung waren naiv, aber er kannte, wie Duncker betonte, damals die Schriften von Marx und Engel ja auch kaum. Bellamys Frauenbild war auch nicht auf der Höhe: Weder auf der der proletarischen noch auch nur der bürgerlichen Frauenbewegung seiner Zeit.

    Das Buch erregte jedoch in der Arbeiterbewegung große Aufmerksamkeit. Nicht nur in den USA. »Die Antwort nach dem Warum würde man vergeblich in der künstlerischen Bedeutung des Buches suchen«, schrieb Clara Zetkin. »Sie wird durch Zeitumstände und Zeitstimmung gegeben, denen der soziale Gedankengehalt des ‚Rückblick’ sympathisch sein mußte. Krisen und Pleiteepidemien, Jahre voller Streiks, Arbeitslosendemonstrationen und blutige Zusammenstöße zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten hatten in den Vereinigten Staaten weiteren Kreisen zum Bewußtsein gebracht, daß in der gesellschaftlichen Organisation, daß in der Organisation der Arbeit ‚etwas’ zu verbessern sein müsse. Dieses Bewußtsein fand seinen Niederschlag in Bellamys Roman.«

    Noch viele Jahre später hat Bellamys »Rückblick« so manche und manchen an die sozialistische Bewegung herangeführt. 1949, nach den Erfahrungen der faschistischen Herrschaft und des Krieges, in der sich zuspitzenden Situation im Kalten Krieg war das Buch Anregung, über eine mögliche sozialistische Perspektive nachzudenken. Und auch zu träumen.

    Aber dürfen Marxisten überhaupt träumen? Lenin bekannte sich zur Notwendigkeit »zu träumen« und berief sich in »Was tun?« auf Dimitri Pissarew (1840 bis 1868). Der junge russische revolutionäre Demokrat hatte schon Mitte des 19. Jahrhunderts gefordert: »Man muß träumen!« Und er schrieb: »Meine Träume können dem natürlichen Gang der Ereignisse vorauseilen (…) Solche Träume haben nichts an sich, was die Schaffenskraft beeinträchtigt oder lähmt. Sogar ganz im Gegenteil.« – »Träumen«, »Phantasie«, Vorstellungskraft, die reale Möglichkeiten »weiterdenkt« und die Grenzen überschreitet, gehört zu den kreativen Fähigkeiten des Menschen. Phantasie ist Triebkraft menschlichen Erkennens und Handelns.

    In der sowjetischen Besatzungszone und in der jungen DDR erschienen – neben Bellamys »Rückblick« – bis 1950 nur wenige Science-Fiction-Bücher, zunächst meist Übersetzungen aus dem Russischen: 1946 »Der zehnte Planet« von Sergej Beljaev, 1947 »Patent AV« von Lazar Lagin. 1949 erschien, wie bereits erwähnt, Tureks »Die goldene Kugel«, der als erster utopischer Roman der DDR gilt. Er beschrieb darin eine Welt zunehmender Widersprüche zwischen Sozialismus und Kapitalismus, in der USA-Imperialisten schließlich zu Atomwaffen greifen. Doch höher entwickelte Wesen von der Venus mischen sich ein…

     

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