Unser Leitartikel:
Halluzinationen eines Sommers

Knapp ein Jahr nach dem ebenso brutalen wie erfolglosen georgischen Überfall auf Südossetien hat der französische »Medien-Intellektuelle« André Glucksmann die EU erneut dazu aufgerufen, den georgischen Präsidenten Micheil Saakaschwili bedingungslos zu unterstützen.

In seinem mit »Trügerische Süße eines Sommers« überschriebenen Rundschreiben mahnt der selbsternannte neue Philosoph, »ein Teil unserer Zukunft« werde sich »in der süßen Unbekümmertheit unserer Sommerferien entscheiden«, da nicht weniger als »Europas Unabhängigkeit, nicht zuletzt seine energiepolitische« auf dem Spiel stehe.

»Das unabhängige Georgien muß den Sommer 2009 überleben«, so der leidenschaftliche Unterstützer des NATO-Krieges gegen Jugoslawien vor zehn und des US-amerikanischen Überfalls auf den Irak vor sechs Jahren. »Wenn Tbilissi fällt, wird es nicht mehr möglich sein, Gasprom zu umgehen und sich einen autonomen Zugang zu den Gas- und Erdölreichtümern Aserbaidschans, Turkmenistans und Kasachstans zu verschaffen«.

Bevor sich Glucksmann der Nouvelle Philosophie verschrieb, war er Aktivist der 1968 gegründeten linksradikalen Gruppe »Gauche Prolétarienne«, in deren Namen er frei nach Mao eine Art Volksfrontpolitik gegen den »Faschismus in den Fabriken« (Frankreichs wohlgemerkt!) propagierte.

Nach der Lektüre von Alexander Solschenizyns im Januar 1974 erschienenen Buch »Archipel Gulag« mutierte er zunächst zu einem antimarxistischen Kapitalismuskritiker, um sich dann Mitte der siebziger Jahre endgültig in einen militanten Antikommunisten zu verwandeln.
Als ehemaliger Maoist wußte er angeblich, wovon er schrieb, wenn er den Marxismus pauschal als »verbrecherisch-totalitäre Ideologie« diffamierte und sogar Hegel ein »totalitäres Denken« attestierte, da schon dieser die Gesellschaft und ihre geschichtliche Entwicklung als Ganzes begriffen hat.

Nachdem die »neuen Philosophen« bis zum Ende der Sowjetunion die selektive, antikommunistische Menschenrechtspolitik der USA unter der Carter- und der Reagan-Administration unterstützt hatten, ist es aufschlußreich, daß Glucksmanns neuestes Schreiben, das nach eigenem Bekunden das Ergebnis eines Kurzaufenthalts in Georgien ist, ganz ohne Menschenrechtsgeschwafel auskommt.

Mehr noch: Glucksmann erklärt sogar explizit, dieses Mal stünden nicht die Ideale Menschenrechte und Freiheit auf dem Spiel.

»Vergangenes Jahr hat die russische Armee
30 Kilometer von Tbilissi entfernt Stellung bezogen, Panzer können diese Strecke auf der Schnellstraße in einer Stunde zurücklegen«, warnt Glucksmann. Wobei er geflissentlich verschweigt, daß der russische Vorstoß in »georgisches Kernland« eine angemessene Reaktion darauf war, daß Saakaschwili in der Nacht vor der Eröffnung der Olympischen Spiele in Peking seine Streitkräfte in Marsch setzte, um das abtrünnige Südossetien mit seinen gerade einmal 75.000 Einwohnern zu zermalmen. Immerhin starben auch russische Friedenssoldaten, als die Bewohner Zchinwalis mitten im Schlaf mit Kampfflugzeugen und Mehrfach-Raketenwerfern angegriffen wurden.

Doch nicht nur, daß Glucksmann den Aggressor zum Opfer macht. Er bescheinigt Saakaschwili, der Wahlen fälschen, Proteste unterdrücken und Gegner einsperren ließ, und der gerade Gesetze ausarbeiten läßt, nach denen Straßenblockaden mit mindestens 90 Tagen Gefängnis geahndet werden, er bemühe sich »eine nichtkorrupte Republik aufzubauen«.

Oliver Wagner

Donnerstag 16. Juli 2009