»Schuften, schuften, schuften«

Am 7. Juni dieses Jahres wird ein neues Parlament gewählt. In der Hoffnung, dass der anstehende Wahltag für die Regierungsparteien wegen des vor nahezu drei Jahren in der Tripartite beschlossenen Sozialabbaus womöglich nicht zum Zahltag wird, beschlossen CSV und LSAP, durch verschiedene »Wahlbonbons« die Probleme der weniger gut situierten Wähler etwas abzufedern. Dass man diese Menschen im Interesse der Unternehmer rücksichtslos zur Kasse bat, soll vertuscht werden. Durch Kinderbonus, Anpassung der Steuertabellen (mit großer Verspätung) Steuerkredite, Schecks für Kinderbetreuung und Verdoppelung der Heizungszulage. Maßnahmen, die allesamt zu begrüßen sind. Zumal in erster Linie jene Menschen, die am tiefsten in der Sch... sitzen, davon profitieren werden.

Trotz aller »Bonbons« sollte jedoch auf keinen Fall verschwiegen werden – im Gegenteil, man sollte alle stets daran erinnern – wer und wo die Verantwortlichen dafür sind, dass die sozialen Probleme in den letzten Jahren massiv zugenommen haben So sehr, dass heutzutage nahezu 14 Prozent der Bevölkerung von Armutsrisiko bedroht sind. Man muss in aller Deutlichkeit mit dem Finger auf jene zeigen, die die zunehmende Arbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung zu verantworten haben.

Trotz aller »Bonbons« wird auch weiterhin ein Haushalt nicht mit dem sozialen Mindestlohn auskommen können. Schon gar nicht, wenn zum Monatsende regelmäßig die teure Miete zu zahlen ist und täglich hungrige Magen ernährt werden sollen.

Am Beispiel eines jungen Handwerkers – der nur dann mehr als den Mindestlohn verdient, wenn er auch an Wochenenden arbeitet und an den »normalen« Wochentagen meist mehr als acht Stunden schuftet – sieht man, wie schwierig die Lage junger Menschen ist, die trotz qualifizierter Arbeit mit weniger als 1.500 Euro netto im Monat auskommen müssen. Unser junger Mann zahlt 650 Euro Miete für seine Drei-Zimmer-Wohnung. Auf sein Auto kann er aus beruflichen Gründen nicht verzichten, da er in den frühen Morgenstunden mehr schlecht denn recht mit dem Bus ins Atelier kann, ... und während der Schicht des Öfteren mit dem eigenen Wagen zu Kunden fahren muss. Miete und Auto (Sprit, Versicherung und Steuern) verschlingen monatlich zwischen 800 und 850 Euro. Da er sein Pkw jedoch noch nicht abbezahlt hat, muss er auch noch monatlich 280 Euro an die Bank zahlen.

Für Ernährung und »Taschengeld« bleiben demnach keine 400 Euro mehr übrig. Beim Einkaufen müssen Prioritäten gesetzt werden. Filet-Stücke bleiben genauso in den Regalen zurück wie Süßigkeiten oder besondere Früchte. Auch auf Kino- oder Konzertbesuche wird verzichtet. Große Sprünge sind ihm nicht erlaubt. Schon gar nicht in den Monaten, in denen die Zahlungen für Strom, Wasser, Gas, Müllabfuhr und Telefon anstehen. Dass sich unser junger Handwerker unter solchen Umständen immer seltener neu kleiden kann, ist verständlich. Und wenn doch, dann nur mehr im Großhandel. Auch mit seiner Freundin geht er immer seltener aus. Einige Urlaubtage haben sie sich in den Sommermonaten dennoch gegönnt. Und zwar im nahen Frankreich, wo beide in der Nähe eines Sees »wild« gezeltet haben, und, obwohl sie auch dort auf vieles verzichten mussten, dennoch schöne Tage verbracht haben.

Weniger schön war jedoch, dass er kürzlich nicht zu einem Lungenspezialisten zur Untersuchung konnte, da ihm das Geld dazu fehlte – für eine ähnliche Untersuchung (Druckkammer) hatte er Monate zuvor um die 150 Euro hinblättern müssen – die ihm zwar zurück erstattet wurden, die er jedoch erst mal hatte aufbringen müssen.

Will er sich mal kleine »Extras« leisten, so sind diese nur möglich, wenn er sich an freien Tagen (sogar an Urlaubstagen, die ja normalerweise zum Erholen erkämpft wurden) oder nach Schichtschluss durch zusätzliche Arbeiten (Schwarzarbeit) sein Einkommen aufbessert. »Es gibt Monate, in denen ich zwischen 240 und 260 Stunden schufte. Freizeit gibt es in solchen Perioden, die praktisch nur aus Schlafen und Arbeiten bestehen, nicht. »Aus diesem Grunde verzichte ich auch, mir ein Eigenheim anzuschaffen. Würde ich dies tun, dann würde mein künftiges Leben wirklich nur mehr aus Schuften, Schuften und Schuften bestehen.«

Wetten, dass die »Wahlbonbons« die Situation unseres jungen Handwerkers nicht Wesentlich verbessern werden?

g.s.

Gilbert Simonelli : Mittwoch 21. Januar 2009